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Linux-Tage Berlin: Freie Roboter sind glücklicher

Artikel veröffentlicht am 3. Juli 2012
Artikel veröffentlicht am 3. Juli 2012
Was freie Software sein kann. Zwischen Freedroidz, Naos und Holarse-Community auf den Linux-Tagen in Berlin.

Ist Programmieren Kunst? Ja, meinte schon 1999 die Jury des angesehenen Kunst-, Technik- und Gesellschaftsfestivals Ars Electronica und vergab die Goldene Nica in der damaligen Kategorie .net an Linus Torvalds für „sein“ alternatives Betriebssystem Linux. Die Anführungszeichen beziehen sich an dieser Stelle jedoch auf eine der Linux-Kernideen. Denn Torvalds erhielt die Auszeichnung genau genommen nicht für sich, sondern vielmehr stellvertretend für die vielen, die dieses Projekt vorantrieben und weiterbrachten.

All dies traf schon damals bestens auf Linux und im weiteren Sinne auf freie, offene Softwareprojekte zu und ist bis heute aktuell geblieben. Sich hiervon zu überzeugen, war Ende Mai/Anfang Juni zum 18. Mal bei der größten europäischen Veranstaltung rund um Linux und OpenSource, dem Linuxtag in Berlin möglich. „Linux ist volljährig geworden“, formulierte es der Berliner Staatssekretär für Inneres und Sport, Andreas Statzkowski, in seiner Eröffnungsrede: Vor 18 Jahren nämlich, also 1994, machte Linus Torvalds sein freies Linux 1.0 öffentlich.

Freie Software auch für Nicht-Geeks

Der Einsatz von freier Software in der öffentlichen Verwaltung und in Schulen sowie Bildungs- und Aufklärungsthemen stellten einen der Veranstaltungsschwerpunkte des Linuxtags 2012 dar. Gerade in Verwaltung und Bildungseinrichtungen sind offene Standards, die Förderung und Weiterverbreitung von frei zugänglicher und weiter entwickelbarer Software vielerorts bis heute noch nicht Standard.

Projekte, deren Ziel besonders in der Aufklärung von weniger technisch Affinen und in der Einbindung von Neueinsteigern liegt, erscheinen auch über die Veranstaltung hinaus nennens- und verbreitenswert. Einige Beispiele:

Free Your Android! Damit du dein Smartphone kontrollierst, nicht anders herum

Die gemeinnützige Free Software Foundation Europe macht aktuell mit einer bürgerorientierten Kampagne für einfacher selbst zu kontrollierende Smartphone-Anwendungen von sich reden: Das inzwischen weit verbreitete Smartphone-Betriebssystem Android, hauptsächlich von Google entwickelt, basiert auf dem Linux-Systemkern. Dies ist zwar ein wichtiger Schritt in Richtung eines ethischen, benutzerkontrollierten Freie-Software-Mobiltelefons, jedoch bleibt Kritik. So sind zum Beispiel Treiber für die meisten Android-Geräte sowie die meisten Programme, welche im Android Market angeboten werden, nicht frei im Sinne der Vorgaben für Freie Software: „Sie arbeiten immer wieder gegen die Interessen der Nutzer, spionieren sie aus und können manchmal nicht einmal entfernt werden.“

Die FSFE stellt allen, die die Kontrolle über ihr Android-Gerät und ihre Daten selbst in der Hand haben möchten, einfache Step-By-Step-Anleitungen hierfür zur Verfügung, sammelt Informationen über einen möglichst freien Android-Betrieb und will die Erkenntnisse in diesem Bereich koordinieren.

Freie Software und Bildung

Aufklärung und Unterstützung in Sachen Open Source betreibt, mit einem Schwerpunkt auf schulischer Nutzung Freier Software, zum Beispiel das europaweit aktive Skolelinux-Projekt: Es wurde 2001 in Norwegen gestartet und basiert auf der Linuxdistribution Debian. Ziel des Projektes ist es, die besonderen Anforderungen von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen mit Freier Software zu erfüllen. Hierfür wird eine den Schulbedürfnissen angepasste, freie Betriebssystem-Lösung mit vorkonfigurierten Elementen kostenfrei angeboten. Zudem gibt es ein ausführliches, frei verbreitbares Handbuch mit Anwenderhilfen. Hamburg zum Beispiel bietet seit 2006 seinen Schulen Skolelinux als Alternative zu Windows an.

Freedroidz: Freie Roboter sind glücklicher

FREEDROIDZ, ein LEGO-Mindstorms-basiertes Programmierprojekt, zeigt, wie der Einstieg in Programmierung schon für Kinder und Jugendliche spielerisch möglich ist: Im Tagesworkshop können die jungen Teilnehmenden lernen, kleine Robotertierchen selbst zu bauen und so zu programmieren, dass sie Körperteile bewegen oder sich sogar im Raum ferngesteuert bewegen lassen - all das basierend auf einem freien Betriebssystem und umgesetzt mit freien Entwicklungswerkzeugen.

Unter dem Motto „Freie Roboter sind glücklicher“ lernen die Teilnehmenden so von Beginn an, dass freie und quelloffene Programme von allen, die Lust dazu haben, weiterentwickelt und der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden können.

Die Initiative will möglichst einfach erlebbar machen, dass Programmieren keineswegs eine schwere, unerreichbare Kunst ist: „Vielmehr ist es eine Kulturfertigkeit, wie Lesen oder Schreiben. Jeder sollte die Möglichkeit dazu bekommen, es früh zu lernen. „Es muss ja nicht gleich die ganz große Literatur sein, aber im Urlaub eine Karte an die Oma schreiben sollte drin sein.“

Solche Projekte tragen dazu bei, Hemmschwellen zur Nutzung und eigenständiger Mit- und Weiterentwicklung freier Software, die vielfach bis heute zu wenig gesellschaftliche Anerkennung und Verbreitung findet, zu senken und bei jungen Menschen vielleicht gar nicht erst aufzubauen. Umso begrüßenswerter, dass freedroidz sich beispielsweise auch mit Workshop-Angeboten am GirlsDay beteiligte.

Aus Paris: NAOs, freundliche kleine Robotermenschen

Die kleine Freedroidz-Idee setzt sich international quasi in Groß mit den lustigen, weit entwickelten NAO-Robotern fort: Die 58 Zentimeter großen und etwa fünf Kilo schweren freundlichen Wesen des französischen Herstellers Aldebaran Robotics eröffneten im Trockeneisnebel zu Musik tanzend den Linuxtag 2012 und gehörten vor Ort vermutlich zu den meist fotografierten beweglichen Objekten. Aber auch außerhalb solcher Veranstaltungen geht die Entwicklung der intelligenten Roboter weiter: Viele Universitäten haben NAOs und ermöglichen so Studierenden, ihre Kenntnisse an diesen frei programmierbaren, possierlichen Humanoiden zu erproben, die mit ihren Kameras und diversen Sensoren und Aktuatoren interessante Möglichkeiten zulassen. Sie können sich nicht nur bewegen, sondern sozusagen sehen, sprechen, hören und kommunizieren.

Seit Jahren gibt es mit dem RoboCup einen Wettbewerb, in dem die technischen Weiterentwicklungen der Bewegungen und Reaktionsschnelligkeit der Roboter ganz praktisch im Turnier getestet werden. Wenn die NAO-Roboter tatsächlich auch zukünftig nicht nur im Universitätsbereich sowie über das NAO-Developer-Programme zugänglich werden, sondern frei zu kaufen sein sollten, so würde dies (abgesehen vom stolzen Preis der Roboter selbst, derzeit etwa 3.500€ aufwärts) sicherlich den Spaß an der praktischen Auseinandersetzung mit freier Programmierung vergrößern.

HOLARSE: Linux-Spiele-Community

Gerade Spaß und Spiel sind es, die Menschen manchmal dazu bringen, sich doch gegen freie Software und ein freies Betriebssystem zu entscheiden und stattdessen Windows zu benutzen. Dass es auch im Spielebereich Alternativen gibt, ist vielen nicht bekannt. Hier Abhilfe zu schaffen, ist die Idee der Holarse-Community: Ehrenamtliche Mitglieder sammeln ihnen bekannte Spiele für alle Altersgruppen, beschreiben und bewerten sie in einem gemeinsamen WIKI und helfen nicht so versierten Neulingen beim Einstieg. Wie bei vielen Linux-Projekten gilt auch hier: Unterstützung ist immer willkommen und gesucht, je mehr Menschen sich beteiligen, desto lebendiger wird die Gemeinschaft.

Illustrationen: Teaserbild (cc)LinuxTag 2012/flickr