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Liebe, Bordelle und die Beach Boys - Junge Europäer im Kosovo

Artikel veröffentlicht am 19. März 2008
Artikel veröffentlicht am 19. März 2008
Junge Schweden, Niederländer und Franzosen leben und arbeiten gerne im Kosovo, diesem entfernten und seit kurzem unabhängigen Stück Europa - trotz des Mangels an Gemüse und Strom, oder vielleicht gerade deswegen.

Einige der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben am 17. Februar die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt. Andere werden dies noch tun, wiederum Andere nicht. Trotz der politischen Instabilität sind viele junge Europäer bereits in Richtung der neuen Nation (oder rebellischen Provinz) aufgebrochen. Sie arbeiten dort unter dem Banner der NATO, der OSZE oder der Mission der Europäischen Union.

Martin, 25, Schweden

Alte Frauen schlurfen an seinem Wachposten vorbei, unterwegs, um ihrer 1999 im Krieg getöteten Männer zu gedenken. Martin aus Schweden, 25 Jahre alt, bewacht eine orthodoxe Kirche in der serbischen Enklave Graanica. Oder Graçanicë, wie die albanischen Kosovaren den Ort nennen. Um politisch korrekt sein zu können - und um die Sache einfacher zu machen - haben die KFOR-Soldaten, die die NATO im Kosovo einsetzt, viele Straßen einfach nach Tieren umbenannt: Wenn man links von der 'Dog Road' abbiegt, kommt man in die 'Fish Road'.

Martin ist in Camp Victoria stationiert, zusammen mit dem Rest seines schwedischen Bataillons. Er ist jetzt schon seit fünf Monaten im Kosovo und wird noch für weitere zwei oder drei Monate dort bleiben. "Wir bleiben meistens hier im Camp, wir haben nicht viel Kontakt mit der Lokalbevölkerung. Wir trainieren viel und gucken DVDs." Kontakte laufen über Übersetzer und sind auf die Arbeit beschränkt. Seit der erwarteten Eskalation der Gewalt nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, ist eigentlich die Langeweile die schlimmste Gefahr.

Vor ein paar Jahren haben norwegische Soldaten im Kosovo eine Ulkversion des Beach Boys-Titels Kokomo gedreht.

Soldaten im Kosovo parodieren "Kokomo" von den Beach Boys

Das hat ihnen zu einer kurzzeitigen Berühmtheit auf YouTube sowie zu einem Direktflug zurück nach Norwegen verholfen. Die Kosovaren sehen dennoch lieber diese Art der Beschäftigung als einen Besuch in einem der zahlreichen Bordelle, die seit der Ankunft der Ausländer wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

Huub, 24, Niederlande

Der Niederländer Huub, 24 Jahre alt, lebt bereits seit drei Jahren als OSZE-Beamter in Pejë/ Pe im Westen der Provinz. Er erzählt uns eine Geschichte, die beweist, dass es Liebe im Kosovo auch außerhalb der Bordelle gibt. Der Moralkodex ist strikter als in den meisten Teilen Europas und wird durch den so genannten Prinz-Lekë-Dukagjini-Kanon regiert. Das musste ein in Pejë/ Pe lebender Europäer schmerzhaft erfahren: Als er sich weigerte, ein ortsansässiges Mädchen zu heiraten, das er geschwängert hatte, ging sein Auto in Flammen auf und es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Kosovo umgehend zu verlassen.

Anti-EU Tag in der gespaltenen Kosovo-Stadt Mitrovica (Foto: morbin/flickr)

Huub hat eine Freundin und läuft keine Gefahr, dass sein Besitz verbrannt werde könnte. Durch seine Arbeit steht er in regelmäßigem Kontakt mit der meist albanischen Lokalbevölkerung. "Man kann sehr gute Beziehungen zu den Leuten hier haben, es hängt alles von der eigenen Einstellung ab. Ich treffe mich regelmäßig mit meinen Kosovo-albanischen Kollegen. Wir sind sogar zusammen nach Albanien gereist. Aber da sie alle Familie hier haben, bin ich doch meistens mit anderen 'Expats' zusammen." Kontakte mit gleichaltrigen Kosovaren sind jedoch seltener. "Ich habe keinen Kontakt mit jungen Kosovaren in meinem Alter. Unsere Lebensstile sind einfach zu unterschiedlich."

Bei einem Einkommen und einer Position, von der die meisten 24-Jährigen in Europa nur träumen können, ist diese Aussage leicht zu verstehen. Huub koordiniert zwei Teams und braucht als Expat keine Einkommenssteuern zu zahlen. Ihm fehlen nur ein paar kleinere Dinge, Gemüse, laufendes Wasser, und Strom. "In der ersten Nacht, als ich in meine Wohnung gezogen bin, war Stromausfall. Da saß ich im Dunkeln und dachte: Jetzt bin ich im Kosovo."

Carole und Emmanuel, Frankreich

Die französischen Kollegen Carole (29) und Emmanuel (26) arbeiten im Verbindungsbüro der europäischen Kommission in Priština. Sie haben viel gemeinsam, sind aber nicht aus den gleichen Gründen in das Kosovo gekommen. Emmanuel interessiert sich für die Entwicklung und den Einfluss der europäischen Außenpolitik auf das Kosovo. Carole stellt fest, dass es ein großer Unterschied ist, ob man in Brüssel oder im Kosovo für die Kommission arbeitet. "Der Stress ist der gleiche, aber hier zu arbeiten ist intensiver. Schließlich hat man direkten Kontakt zu den Kollegen in den Ministerien und man sieht, welche praktischen Auswirkungen unsere Arbeit hat."

Caroles Arbeit besteht in der Ein- und Durchführung von Projekten, deren Ziel die demokratische Stabilisierung des Landes ist. Und auch der Zivilbevölkerung, was bedeutet, dass sie im ständigen Kontakt mit der Generaldirektion für Erweiterung in Brüssel steht, sowie mit anderen Geldgebern im Kosovo. Das Arbeiten in einer patriarchalischen Gesellschaft ist kein Hindernis für sie. "Als Frau hatte ich mehr Probleme in Bosnien. Dort wurde oft nur der Mann im Team angesprochen. Priština dagegen ist eine Hauptstadt. Die Leute sind es eher gewöhnt, mit Frauen zusammen zu arbeiten, besonders Ausländerinnen."

Emmanuel ist erst vor kurzem in das Kosovo gekommen und hat immer noch, wie er sagt, "ein sehr idealistisches Bild von der Arbeit, die die europäische Diplomatie leisten kann." Kosovo sei der ideale Ort für jemanden, der sehen will, wie die europäische Außenpolitik funktioniert. "Kosovo ist ein Ort der Gelegenheiten. Und wenn ich später an einem Auswahlverfahren der EU teilnehme, wird meine Erfahrung im Kosovo mir garantiert helfen, in den zukünftigen europäischen External Action Service rein zu kommen." Aber es geht nicht nur um seine Karriere. "Mein Vermieter hat mir über seine Vergangenheit im UÇK, der Befreiungsarmee im Kosovo, erzählt. Er ist mit mir nach Prekaz gefahren, wo der Krieg angefangen hat. Da wird die Sache dann persönlich."