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Le Loop: Unterwegs in einem Pariser Hackerspace

Artikel veröffentlicht am 17. September 2015
Artikel veröffentlicht am 17. September 2015

In einem etablierten Squat im Herzen von Paris machen sich eine Handvoll Geeks neue Technologien zu Nutze, um kreativ und engagiert das digital Mögliche und Unmögliche auszureizen. Momentaufnahme in einem Hackerspace, wo (hausgemachtes) Bier getrunken wird und die Stimmung ausgelassen ist - garantiert ohne Krawattenträger.

Hinter dem Schild 'Zone expérimentale' (Experimentierzone) führen steile Treppen hinunter in einen Keller. Dort unten befindet sich Le Loop (Laboratoire ouvert ou pas; Offenes Labor oder nicht), ein Hackerspace im 12. Arrondissement von Paris. Fast stößt man sich als Besucher an dem herumbaumelnden Vogelkäfig. Die Hacker haben darin ein paar weiße Tauben mit Computermäusen ersetzt.

Ort der Freiheit und Mitgestaltung

Computertower stehen im Weg, Kabelsalat liegt hier und da herum und auch Lötkolben dürfen natürlich nicht fehlen. Es ist ziemlich schwierig zu definieren, was genau ein Hackerspace eigentlich ist. „Es ist der Ort, an dem gebastelt wird“, bringt es Nar, ein Hacker des ‚Loop‘ auf den Punkt. Heute sind die Mitglieder von Le Loop vor allem damit beschäftigt, den Abend am Wochenende mit Gare XP, einem Punk-Kunstkollektiv, zu organisieren, das gleich in der Nachbarschaft ist. „Wurden genügend Fässer Bier geliefert? Und wie machen wir das mit der Türkontrolle? Sollen wir Armbänder verteilen?“, fragt ein Typ mit langen Haaren.

Bis Samstag wird die Crew des Loop garantiert eine Antwort auf all diese Fragen gefunden haben. Denn genau darum geht es in diesem Pariser Hackerspace: Sich immer irgendwie spontan durchzuschlagen. Sei es, um ausbleibendes Wasser in der Kloschüssel per Laserstrahlen zu detektieren oder einen 3D-Drucker from scratch aus dem Boden zu stampfen – die Looper sind so ungefähr zu allem fähig. „The limit is the sky“, shakert Tom, der Gründer des Loop. Das sei das Prinzip des Hackerspace. “Es ist ein Ort, an dem technikaffine Menschen mit neuen und alten Technologien herumexperimentieren, sie eintauschen und immer wieder verändern und schauen, was sie daraus auf die Beine stellen können. Es ist ein Ort, an dem Freiheit gelebt wird und den jeder sich aneignen kann“, erklärt der Hacker. Für eine Definition ihrer Aktivitäten zitieren die Looper einen speziellen Hacker-Slang, das so genannte „Jargon File“: ein Hacker ist jemand, der intellektuelle Herausforderungen mag, um Limits und Grenzen kreativ zu um- oder übergehen („One who enjoys the intellectual challenge of creatively overcoming or circumventing limitations“).

Le Loop ist also genau das, was die Leute daraus machen. „Es gibt nur eine Regel: Zwing mich nicht dazu, Regeln aufzustellen.“ „Du kommst ganz einfach dazu, um das zu machen, worauf du Bock hast“, erklärt Tom weiter. Daraus resultieren dann meistens lässige und nicht besonders durchstrukturierte Aktivitäten, deren Energie aber immer hilfreiche aber oft auch sinnfreie Dinge hervorbringt – da wären beispielsweise improvisierte Festivals oder auch so genannte „Cryptoparties“. Das sind Treffen, bei denen Hacker Anfängern die Basis der Verschlüsselungstechnologien erklären. Wie zum Beispiel verschlüsselt man E-Mails? Oder wie passiert man die digitalen Tore des Dark Web mit ‚Tor‘, um sich in diesem parallelen, völlig anonymisierten und dezentralisierten Web umzusehen. Auch heute sind gerade wieder Verschlüsselungskurse im Loop im Gange, die von einem besonderen Gast aus der Geekosphäre begleitet werden - Nadim Kobeissi. Mit seinem Jungengesicht hat dieser Mann bereits Cryptocat, einen verschlüsselten Online-Chat entwickelt, der beispielsweise während des Arabischen Frühlings oft zum Einsatz kam, um offizieller Überwachung zu entgehen.

Wenn wir hier Fehler machen, können die Leute da drüben draufgehen

Auf ihren Computern kleben Sticker wie „Tor“, „Keep your eyes open“ oder „Quadrature du Net“. Letzteres ist der Name eines Vereins, der die Freiheiten und Rechte der Bürger im Internet verteidigt. Auch das ist Le Loop – ein Ort des Engagements! Natürlich geben die meisten Hacker hier aber lieber die Antihelden. Einige von ihnen sind eng verbunden mit dem Netzwerk von Telecomix. Das ist eine internationale Hackergruppe, die sich für freie Meinungsäußerung einsetzt. „Telecomix ist keine Bande von 10 000 vermummten Hackern. Das sind Jungs und Mädels, die sich gesagt haben, dass sie Zensur technisch umgehen können“, versucht Tom abzuschwächen.

Die Gruppe ist beispielsweise bekannt dafür, dass sie aus Syrien stammende Online-Kommunikation umleitet, um sie den Risiken der staatlichen Überwachung zu entziehen. Der Hacker erzählt, dass die Idee auf die Revolution in Ägypten zurückgeht. „Es ist einfach unglaublich, dass ein Diktator einfach sagt, es reicht jetzt, dass er die öffentliche Meinung zügeln will und dafür einfach das Internet zensiert. Und dann kommen da vier Geeks, geben ein paar Kröten für einen Server aus und das landesweite Internet läuft dann einfach über sie. Das alles war improvisiert“, erzählt Tom. Aber der Hacker warnt: Engagement impliziert immer auch Verantwortung zu übernehmen.

„Wenn wir hier Fehler machen, können die Leute da drüben draufgehen. Wenn wir keine Nachrichten mehr von einem Typen haben, kann etwas Schlimmes passiert sein. Manchmal wissen wir, dass technisch Möglichkeiten bestünden, um die Dinge besser zu machen. Aber wir begeben uns nicht auf Glatteis, wenn wir wissen, dass sie Sache potenziell gefährlich sein könnte. Engagiert sind wir also, ja, aber im Rahmen der uns zur Verfügung stehenden Mittel“, fasst er zusammen. Schwierig also genau zu wissen, wer bei Loop im Hacktivismus tätig wird und in welchem Rahmen. „Es gibt Dinge, die ich mache, über die ich aber nicht unbedingt mit jedem offen spreche“, erklärt Tom.

Apple blufft mit Informatik

Le Loop befindet sich aktuell im Keller des Jardin d’Alice, ein Kunstkollektiv hipper, umweltbewusster junger Menschen, die dem Squat eine Art Struktur bietet. Einige Hacker profitieren von der Sonnenterrasse und tippen mit nacktem Oberkörper auf ihren Notebooks. Für Tom, der mit dem Labor bereits zehn Mal umgezogen ist, sei der Squat die perfekte Daseinsform für die Philosophie des Loop. „Die Leute hier schrauben eben gerne Dinge in die Wand, machen das, was in deinem Haus oder deiner Uni eben nicht unbedingt erwünscht ist. Hier im Squat ist das ohne Weiteres möglich. Wir wollen nicht ständig neue Materialien anschaffen oder investieren. Unser Motto heißt: Immer mobil bleiben.“

Der Hackerspace folgt außerdem der DIY-Doktrin -  “Do It Yourself”! Im Loop werden alle Objekte und Instrumente um uns herum demystifiziert. Der Ort soll stimulieren, selbst etwas Sinnvolles zu kreieren, anstatt in den nächsten Supermarkt zu rennen. Sollte man also seine Schulhefte zum Thema Technologie nicht mehr parat haben, sind die Jungs und Mädels vom Loop da, um ihre Kenntnisse zu teilen.

Das Konzept Hackerspace ist aber keineswegs neu. In den 1970er und 1980er Jahren vereinte der „Homebrew Computer Club“ im Silicon Valley Amateure und passionierte Bastler und Informatiker, die hierherkamen, um ihre Ideen, Erfahrungen und Innovationen auszutauschen. Unter ihnen waren damals auch Steve Jobs und Steve Wozniak, die später mit einer heute nicht mehr wegzudenkenden Marke in Apfelform auf den Markt gingen. Doch es ist wohl eher die kreative Energie und die Stimmung, mit der sich Loop gern vergleichen lässt, nicht die Ursprünge des kommerziellen Erfolgs des Riesenunternehmens.

„Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Apple uns anlügt. Man braucht keine superkrassen Wissenschaftler und Mega-Labore mit unwirklichen Budgets, um Dinge anzustoßen. Ohne Scheiß, den iPad können wir dir hier direkt aus recyceltem Zeug zusammenbasteln. Wir müssen endlich damit aufhören, mit Informatik zu bluffen. Das ist eigentlich ziemlich einfach, simple Logik eben. Aber mit der Marketingmaschinerie ist das jetzt gelaufen, alle denken jetzt, Apple ist Magie“, bedauert er.

Wenn es eine Sache gibt, die Tom so richtig nervt, dann die: Dass sich der Markt anfängt für Loop zu interessieren und aus diesem Ort etwas Anderes machen will. „Es kommen Startups zu uns, die hier nach neuen Talenten suchen. Wenn wir Geld machen wollten, dann würden wir doch hier nicht im Loop hausen“,   sagt er kategorisch. Bei Le Loop steht vielleicht bald schon der nächste Umzug, samt elektronischer Türvorleger und zahlreichen Tastaturen, ins Haus. Wenn ihr das nächste Mal auf ihrer Webseite Leloop.org nachseht, sind sie vielleicht schon ins nächste Squat weitergezogen.