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Krakaus Identitätskrise: Kommunismus umhüllt die Moderne

Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2014
Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2014

Es ist ein sym­bo­li­sches Jahr für Polen. Vor zehn Jah­ren trat es der EU bei und vor 25 fiel die Ber­li­ner Mauer. Kra­kau beweist, dass die Ge­schich­te nicht einge­staubt ist: eine po­pu­lä­re Markt­ni­sche für Tou­ris­ten sind die Kom­mu­nis­mus-Tou­ren. Ist es falsch, die dunk­le Seite der Ge­schich­te zur Un­ter­hal­tung von Tou­ris­ten zu nut­zen?

Der Tra­bant rüt­telt, brummt und hus­tet. Er kämpft sich die große Stra­ße von Kra­k­aus Alt­stadt zum Stadt­vier­tel Nowa Huta, das im so­zia­lis­ti­schen Stil er­baut wurde, hoch. Nichts an die­sem Auto mit 26 Pfer­de­stär­ken, das haupt­säch­lich aus Plas­tik ge­macht ist und mit einer fahr­rad­ähn­li­chen Fe­de­rung aus­ge­stat­tet ist, wirkt sta­bil. Es ist nicht die be­quems­te Art zu rei­sen, be­son­ders nicht auf den holp­ri­gen Stra­ßen Po­lens,  aber Tou­ris­ten sind be­reit, für eine Fahrt in die­ser so­zia­lis­ti­schen Ra­ke­te" durch­aus ei­ni­ge Zlo­tys zu zah­len. Warum? Es ist alles Teil des kom­mu­nis­ti­schen Aben­teu­ers, das vom Rei­se­un­ter­neh­men Crazy Gui­des an­ge­bo­ten wird.

Wäh­rend sich die Ukrai­ne noch immer in der un­an­ge­neh­men Lage zwi­schen Eu­ro­pa und Russ­land be­fin­det, hat Polen be­reits vor zehn Jah­ren, als es der Eu­ro­päi­schen Union bei­ge­tre­ten ist, Stel­lung be­zo­gen. Der pol­ni­sche Na­tio­nal­stolz ist einer der stärks­ten in Eu­ro­pa. Be­son­ders unter den äl­te­ren Ge­ne­ra­tio­nen hat die Idee einer su­pra­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­ti­on, auf­grund Po­lens 40 Jah­ren als so­wje­ti­scher Sa­tel­li­ten­staat, noch ne­ga­ti­ve Kon­no­ta­tio­nen. Warum soll­ten sie wie­der Teil einer Bru­der­schaft von Völ­kern sein, wenn sie nun end­lich ihre ei­ge­ne Iden­ti­tät al­lei­ne fin­den kön­nen? Um­fra­gen zei­gen, dass 60% der Polen sich als nur pol­nisch", 35% sich als zu­erst pol­nisch, dann eu­ro­pä­isch" be­trach­ten und nur 4% fin­den, dass die eu­ro­päi­sche Iden­ti­tät vor­ran­gig sei. Gleich­zei­tig zeig­te vor Kur­zem eine an­de­re Be­fra­gung, dass nur einer von drei Polen denkt, dass eine freie Markt­wirt­schaft bes­ser als eine Plan­wirt­schaft, wie es in der so­zia­lis­ti­schen Ära der Fall war, sei. Fast die­sel­be An­zahl glaubt, dass die Ein­füh­rung des Euros ne­ga­ti­ve Fol­gen hätte.

Einen Wodka täg­lich…

Wäh­rend aber ei­ni­ge Polen mög­li­cher­wei­se noch vom So­zia­lis­mus träu­men, sind Tou­ris­ten dar­auf be­gie­rig, mehr über diese ver­gan­ge­ne Pe­ri­ode zu er­fah­ren. An die­sem neb­li­gen und kal­ten Mor­gen im März fah­ren der Rei­se­füh­rer Jurek Alice und Simon aus New­cast­le (Eng­land) in sei­nem Tra­bant herum: das Auto ist gelb und mit ver­schie­den­far­bi­gen Blu­men be­malt. Die erste Sta­ti­on in Nowa Huta ist das Re­stau­rant na­mens Sty­lo­wa, das einst das kul­tu­rel­le Zen­trum des Vier­tels war. Ein Stamm­gast sitzt an der Bar und trinkt sein ers­tes Bier des Tages, nach­dem er frü­her am Mor­gen schon drei Wodka ge­trun­ken hat. Die bei­den Frau­en hin­ter der Bar tei­len üb­li­cher­wei­se ein oder zwei Wodka mit ihm, was die Be­die­nung nicht un­be­dingt schnel­ler macht. An einem Tisch, an dem eine klei­ne Le­nin-Sta­tue über allen Gäs­ten wacht, hält Jurek einen kur­zen Vor­trag über die Zeit von 1945 bis 1989 in Polen. Er ver­an­schau­licht sie mit Pro­pa­gan­da-Fo­tos und Ge­schich­ten, die ihm seine Groß­el­tern er­zählt haben. Er selbst ist zu jung, um sich sel­ber an die so­zia­lis­ti­sche Ära zu er­in­nern.

Nowa Huta wurde von der UdSSR in den 1950er Jah­ren er­baut, zu­sam­men mit und um große Stahl­wer­ke. Es war ein Aus­hän­ge­schild für die neue so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rung und ein über­zeu­gen­des Pro­pa­gan­da­mit­tel. Die brei­ten Stra­ßen sind ge­blie­ben, wenn auch mit an­de­ren Namen, und die Ge­bäu­de sind in grau­en Staub ge­hüllt, wegen den Fa­bri­ken, deren Schorn­stei­ne einst stän­dig ge­raucht haben. Für Kra­kau­er ist dies kein „place to be", aber Crazy Gui­des wuss­te schon vor 10 Jah­ren, dass Tou­ris­ten an die­sem an­de­ren Kra­kau in­ter­es­siert sein könn­ten. Ihre Flug­blät­ter, die man in fast jedem Hotel und jeder Bar in der Stadt fin­det, spre­chen von einer „pri­va­ten Kult-Tour", „Sta­lins Ge­schenk an Kra­kau" und „den guten alten Tagen". Jakub, Ko­or­di­na­tor bei Crazy Gui­des, er­klärt: „Das Thema Kom­mu­nis­mus ist sehr ein­gän­gig und man fin­det auf der Welt nur we­ni­ge Orte wie Nowa Huta. Un­se­re un­kon­ven­tio­nel­len und en­thu­si­as­ti­schen Rei­se­füh­rer fügen zudem eine per­sön­li­che Note hinzu." Crazy Gui­des star­te­te 2004 als Ein-Mann-Fir­ma und ar­bei­tet nun mit 11 ver­schie­de­nen Rei­se­füh­rern zu­sam­men.

Kei­nen Un­sinn Bitte

Simon und Alice haben die Tour ge­bucht, weil es nach etwas „Lus­ti­gem und ein biss­chen An­de­rem" klang. Und Simon fügt hinzu: „Das Auto war sehr an­spre­chend". Simon hat Glück, weil es auf An­fra­ge mög­lich ist, das Auto für eine Weile sel­ber auf einer ver­las­se­nen Wald­stra­ße zu fah­ren. Das ist alles Teil des Aben­teu­ers, wie auch die Wohn­blö­cke, zu deren Be­sich­ti­gung Jurek seine „Grup­pe" als nächs­tes ein­lädt. Crazy Gui­des mie­tet diese Woh­nung aus an­de­ren Grün­den, als die an­de­ren 80.000 (20.000 we­ni­ger als 1989) Ein­woh­ner von Nowa Huta: Diese be­son­de­re Woh­nung ist wie ihr ei­ge­nes Mu­se­um und nur mit Mö­beln aus den 50ern und 60ern ein­ge­rich­tet. Wenn man die Woh­nung be­tritt, so fühlt man sich, als ob die Be­woh­ner ge­ra­de vor ein paar Mi­nu­ten ge­gan­gen seien: Auf dem glän­zen­den Couch­tisch aus Holz liegt eine ori­gi­nal­ge­treue Zei­tung und in der Küche steht der Tee­kes­sel auf dem Herd. Der Wod­ka-Bren­ner in der Ba­de­wan­ne ist eine nette Geste.

Simon und Alice wir­ken be­ein­druckt, be­rüh­ren alles und öff­nen die Schrän­ke. Die meis­ten Leute, die diese Tour ma­chen sind Eu­ro­pä­er, be­rich­tet Jurek, aber es kämen prak­tisch keine sei­ner Lands­leu­te. Laut Jurek be­sitzt Nowa Huta kei­nen guten Ruf, und die Polen glau­ben, dass man ihnen nichts Neues zeigt. Dies bringt auch die Frage her­vor, ob es po­li­tisch kor­rekt ist, von die­ser dunk­le­ren Seite der pol­ni­schen Ge­schich­te zu pro­fi­tie­ren. „Wir wer­den kri­ti­siert", be­stä­tigt Ko­or­di­na­tor Jakub, als wir wie­der beim Haupt­sitz von Crazy Gui­des an­kom­men. „Aber üb­li­cher­wei­se von Leu­ten, die keine Ah­nung haben, was wir auf un­se­rer Tour zei­gen und er­zäh­len. Von außen könn­te es so aus­se­hen, als ob wir zu viel Spaß hät­ten und den Kom­mu­nis­mus ver­herr­lich­en wür­den. Aber wir ver­su­chen, nicht zu po­li­tisch zu sein und so­lan­ge un­se­re Rei­se­füh­rer kei­nen Un­sinn er­zäh­len, kön­nen sie ihre ei­ge­ne Mei­nung äu­ßern. Ihre Ge­schich­ten sol­len den so­zia­len As­pekt der so­zia­lis­ti­schen Ära her­vor­he­ben, wel­cher noch immer Teil un­se­res kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis­ses ist."

Au­to­bus czer­w­o­ny - ein altes pol­ni­sches kom­mu­nis­ti­sches Lied

Pit­to­resk

Ist Po­lens Iden­ti­tät ein Ge­misch aus den sie­ben Jahr­hun­der­ten als Groß­reich und den vier Jahr­zehn­ten als so­zia­lis­ti­sches Land? Ist es die Fu­si­on die­ser bei­den Pe­ri­oden, wel­che Polen zu dem ma­chen, was es heute ist? Zu dem Polen, das der Eu­ro­päi­schen Union bei­ge­tre­ten ist? Laut Alice und Simon ist es ge­ra­de die­ser Kon­trast, der eine Stadt wie Kra­kau so in­ter­es­sant mache. „Als ich an Polen dach­te, dach­te ich an all die bri­ti­schen Jung­ge­sel­len­ab­schie­de, die hier ge­fei­ert wer­den", er­zählt Alice. „Jetzt weiß ich, dass man in Kra­kau so viel ma­chen kann, wofür wir nicht ein­mal genug Zeit haben." Über­schat­tet das Bild von Nowa Huta die an­de­re Seite von Kra­kau als Stadt der Kö­ni­ge? Simon zö­gert. „Ei­gent­lich hätte ich es gerne, wenn ich mich in ei­ni­gen Jah­ren an Kra­kau als Stadt mit bei­den Sei­ten er­in­ne­re. Aber um ehr­lich zu sein, werde ich es am meis­ten mit der Alt­stadt as­so­zi­ie­ren. Es ist ein­fach viel ma­le­ri­scher, wie Sie wis­sen." Auch die Rei­se­füh­rer von Crazy Gui­des sind „ehr­lich ge­sagt, ein biss­chen ge­lang­weilt" von der Kom­mu­nis­mus-Tour. „Wir glau­ben, dass wir die­ses Kon­zept in jede an­de­re Ge­gend der Stadt ex­por­tie­ren kön­nen", sagt Jakub. „Un­se­re Stär­ke liegt, offen ge­sagt, eher in den per­sön­li­chen Ge­schich­ten, als in die­ser groß­ar­ti­gen so­zia­lis­ti­schen Um­ge­bung."