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Kosovo: Zukunft und Death-Metal-Kunst

Artikel veröffentlicht am 19. März 2008
Artikel veröffentlicht am 19. März 2008
Die zeitgenössische Kunst ist eine andere Facette des Kosovo, dessen Bilder in der ganzen Welt nur Chaos zeigen. Der visuelle Künstler Artan Balaj, 29, zu Krieg, Death Metal und Pink Floyd.

Einige wenige Tage vor der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo am vergangenen 17. Februar wurde die Ausstellung 'Exception/ contemporary art scene from Priština' in Belgrad abgebrochen, da, wie es in der offiziellen Pressemitteilung hieß, eine "organisierte Gruppe serbischer Nationalisten die Galerie angegriffen" habe.

Schwedens Malmöer Kunst-Akademie war eine der ersten, die ihre Unterstützung in der prompt folgenden Petition an die Belgrader Behörde versprach. Während der kurzen Eröffnungsfeier gelang Getty Images ein Schnappschuss von einem Besucher, der an einem Werk von Artan Balaj vorbeiging. Balaj ist einer der elf jungen Kosovo-Albaner, die multimedial mit Papier, Acryl, Öl, Filz, Tinte, Pastellfarben, Kollage und Fotografie arbeiten und in Belgrad ausstellen sollten.

KKK

Die drei roten Buchstaben in Acryl auf Leinwand sind das berühmte Kürzel für den weißen rassistischen Geheimbund in den USA. Aber hier im Kosovo symbolisiert Krijuesit Kontemporan te Kosoves ("Zeitgenössische Künstler des Kosovo") Balajs Kritik an der bisherigen visuellen Kunst, die von einem Clan alteingesessener Künstler dominiert wurde. "Von den siebziger Jahren bis Jahre nach dem Krieg war das Milieu der visuellen Künste so etwas wie ein Eliteclub", meint der spitzbärtige, kahl rasierte Künstler. Erst der Kurator Mehmet Behluli, Dozent an der Akademie der Schönen Künste in Priština, erlaubte es den Studenten, Porträt-Arbeiten 2000 in der Nationalgalerie auszustellen. "Das war zu dieser Zeit ein Skandal", erinnert sich der 29-Jährige, der sich für seine Gemälde und Fotografien von Pink Floyd, Type O negative und Aerosmith Songtexten inspirieren lässt.

"Visuelle Kunst im Kosovo hat sich in den letzten 20 Jahren schneller weiterentwickelt als beispielsweise die Literatur. Sie ist eigenständig in Bezug auf zeitgenössische Trends", meint auch Fahredin Shehu, 36, Autor, Dichter und Kalligrafiker in Priština.

Balaj, dessen Vater als Maler am Nationaltheater arbeitete, erlangte Aufmerksamkeit, als er auf der internationalen Biennale der Zeitgenössischen Kunst 2005 in Arad (Rumänien) den Preis als "bedeutendster Nachwuchskünstler" erhielt. "Artan hatte sich kurz zuvor mit einem lokalen Kunstkritiker angelegt, der behauptete, es gäbe keine Künstler unter 40 oder gar 50 Jahren", bloggte der amerikanische Videokünstler Colette Copeland zu jenem Zeitpunkt. "Mit dem Preis konnt Artan ihm das Gegenteil beweisen. Sein aggressiver Malstil nimmt metaphorisch Bezug auf seine Erfahrungen im vom Krieg erschütterten Kosovo."

Krieg und Pink Floyd

Mit der Verbindung von Krieg und Musik trifft er ins Schwarze. Mit 15 spielte Balaj bereits in der ersten albanischen Death Metal Band Demogorgon ('Teufel'), wo es wie er selbst sagt, "nicht nur um den Teufel, sondern auch um Politik ging". Konzerte der sechsköpfigen Band fanden auf Privatparties und im Theater Dodona statt: "Es gab keinen anderen Platz zum Spielen", sagt der Künstler heute. Mit der Arbeitslosigkeit der Albaner wurden die Kinder bald "aus den Schulen geschmissen. Wir wanderten dann illegal fünf oder sechs Kilometer auf die andere Seite von Priština, um in Privathäusern weiter zu lernen. Die Polizei haben wir gemieden. Sie hätten uns geschlagen."

Balaj zitiert den Schweizer Künstler Hans Giger, der für seine Arbeit in Alien bekannt wurde und für Balaj eine Art Mentor ist (Foto: Nabeelah Shabbir)

Als eine Million Kosovaren vor Miloševi in die Flüchtlingslager in Mazedonien flohen, sei Balaj "vom Militärdienst in Kroatien abgehauen" und habe in Polen Zuflucht gefunden, woher seine KFOR-Dolmetscher-Mutter kommt. "Ich wollte das Kosovo nicht verlassen. Ich war fünfzehn, ich hatte viele Freunde, die auch Metal hörten." Er fand die 18 Monate, die er dann in Stuttgart lebte, "schwierig" als Albaner. "Auch hier im Kosovo ist es nicht leicht", erzählt er im November 2007, als wir ihn das erste Mal im Café Traffic in der Innenstadt treffen. Der Kosovo ist weiterhin eine UN-verwaltete Provinz Serbiens, seit die internationalen Streitkräfte nach Kriegsende die Macht übernahmen. "Es ist egal, ob man ein guter Künstler ist oder nicht. Selbst wenn jemand meine Kunst kauft, ist es unmöglich."

Kleine zeitgenössische Schritte

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"Seine Tendenz, sich in spirituelle Gothic-Symbolik zu steigern, ist ein Zeichen für die innere Revolte, an der er immer noch arbeitet", sagt der Autor Shehu, der oft die Ausstellungstexte für Balaj schreibt. "Nur eine kleine Minderheit dieser Künstler wird tatsächlich die zementierten Grenzen der vergangenen Generationen aufbrechen." In einem neuen Kosovo mitten in der Umbruchphase sieht es so aus, als habe Balaj die Zügel in der Hand. Er selbst saß in dem historischen Moment der Unabhängigkeitserklärung in der Bar Illyrian in der Innenstadt. "Wir warteten darauf, dass Premierminister Hashim Thaçi die von allen erwarteten Worte sprechen würde. Es fühlte sich an wie im Traum. Dieses Gefühl kann keiner beschreiben, es ist unmöglich. Alles ist wie funkelnagelneu." Wie "NEWBORN", die drei Meter hohe gelbe Skulptur aus großen, metallenen Buchstaben, die vor einem Einkaufszentrum am Unabhängigkeitstag ausgestellt wird. Der Schöpfer Fisnik Ismajli, Direktor der Anzeigenagentur Ogilvy-Kosovo, ist ein Freund des Künstlers.

Balaj wird an der Biennale im süditalienischen Puglia im kommenden Mai teilnehmen und arbeitet momentan - zusammen mit dem spanischen Regisseur Diego Hurtado De Mendoza - eifrig an einem Dokumentarfilm über die Unabhängigkeit des Kosovo für die italienische Produktionsfirma Fabrica Cinema.

"Alles geht jetzt neu los, immer schön langsam, einen Schritt nach dem anderen", erklärt Balaj in Bezug auf die Zeit nach der Unabhängigkeitserklärung. In seinen Ausstellungskatalogen dankt er speziell der "Heavy Metal, Punk, Alternative, Hippie und Trans Bewegung" - der Subkultur des heutigen Kosovo, wie er sagt. In der Zwischenzeit blättert er mit schwerem Schmuck an den Fingern durch sein Tagebuch, um seine Lieblingsstelle über den amerikanischen Videokünstler Bill Viola zu zitieren: Kunst muss Teil des alltäglichen Lebens sein, sie muss es einfach sein.

Vielen Dank an Vera, Paulina Sypniewska und Flora Loshi.

Intext-Fotos: KKK by Artan Balaj (Artan Balaj), Balaj im Café (Nabeelah Shabbir), NEWBORN Unabhängigkeitsskulptur (Donita Rudi/ Newborn Kosovo/flickr)