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Instagram: Wie künstlich sind unsere Erinnerungen?

Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 9. Mai 2014

Über­bleib­sel aus der Ver­gan­gen­heit, sei es ein Foto, ein Mu­sik­stück oder ein Ge­ruch, sind immer der Ver­fäl­schung aus­ge­setzt. Im Zeit­al­ter der ob­ses­si­ven Do­ku­men­ta­ti­on un­se­res Pri­vat­le­bens ver­än­dern wir die fo­to­gra­fi­sche Rea­li­tät durch Zu­recht­schnei­den, Tag­gen, Lö­schen und den Ge­brauch von Fil­tern. Pro­du­zie­ren wir so nur noch "fal­sche Er­in­ne­run­gen"?

Die si­mu­lier­te Welt, die von den neu­es­ten di­gi­ta­len Tech­no­lo­gi­en ge­schaf­fen wird, scheint auf An­hieb dys­to­pisch, aber sie gibt uns auch die Mög­lich­keit, un­se­re Per­sön­lich­keit nach ei­ge­nem Gusto zu ver­än­dern. Die­ses Foto ist von den Auf­nah­men in einem Nan Gol­din-Fo­to­band in­spi­riert, der bei­na­he zur Grund­aus­stat­tung jeder Kreuz­ber­ger Woh­nung zählt. Denn als Wahl­ber­li­ne­rin sehne auch ich mich na­tür­lich nach dem in­di­vi­du­el­len, bo­he­mi­en­haf­ten Touch der ur­ba­nen Äs­the­tik von Nan Gol­din. Des­we­gen werde ich mein Foto auf Face­book, Ins­ta­gram und Pin­te­rest pos­ten, be­glei­tet von den Hash­tags #bo­hemi­an­lifestyle, #he­ro­in chic und #in­tel­lec­tual. Wenn das End­pro­dukt über­zeu­gend wirkt, dann aber nur dank Ins­ta­gram, womit ich per­fekt ver­ber­gen kann, dass die ganze Szene nur ge­stellt ist. Denn ei­gent­lich hat mein Mit­be­woh­ner das Bild ge­macht, rau­che ich gar nicht, habe ich das stra­te­gisch auf dem Sofa plat­zier­te Buch über Kunst und Ak­ti­vis­mus gar nicht ge­le­sen und bin sogar hell­wach. Aber we­nigs­tens sehe ich cool aus. 

Ins­ta­gram ist der wahr­schein­lich far­ben­frohs­te Dar­stel­ler im Zir­kus der ge­fälsch­ten Er­in­ne­run­gen. Dank ske­u­mor­phi­schen Fil­tern, ver­schwom­me­nen Rän­dern und kör­ni­ger Ana­log­film-Op­tik kön­nen hoch­mo­der­ne Smart­pho­ne-Schnapp­schüs­se in uralt wir­ken­de, auf­wän­dig ent­wi­ckel­te Fotos ver­wan­delt wer­den. Dabei sind Ins­ta­gram-Fo­tos gleich­zei­tig selbst­re­fle­xiv und deut­lich von einer Logik des Fo­to­mo­men­ts ge­prägt, nach dem wir alle stän­dig auf der Jagd sind, seit un­se­re Ge­gen­wart nur mehr zu einer Ge­le­gen­heit ge­wor­den ist, die Ver­gan­gen­heit zu do­ku­men­tie­ren. Aber trotz die­ser Künst­lich­keit ver­sucht ein Ins­ta­gram-Fo­to doch immer, Au­then­ti­zi­tät und Spon­ta­nei­tät zu ver­mit­teln, indem es zu­sam­men­ge­bas­tel­te Ge­schich­ten als Wirk­lich­keit prä­sen­tiert. Das Re­sul­tat sieht wie der In­halt eines Fo­to­al­bums aus den 1970ern aus und ver­brei­tet au­to­ma­tisch einen Hauch von Nost­al­gie, die un­se­ren geist­lo­sen Schnapp­schüs­sen wie­der­um das Label der "wah­ren Er­in­ne­rung" ver­leiht. 

Die welt ist so wun­der­schön - auf ins­ta­gram

Durch einen Ins­ta­gram­fil­ter sieht ein­fach alles bes­ser aus. Sogar etwas so All­täg­li­ches wie ein Ta­ke-Away-Kaf­fee­be­cher kann heut­zu­ta­ge nost­al­gi­sche Re­ak­tio­nen her­vor­ru­fen. Dank Ins­ta­gram kann sogar ein pein­li­cher Abend mit einem Be­kann­ten in #Nigh­tof­My­Li­fe ver­wan­delt wer­den. Es ist nicht nur äu­ßerst ko­misch, dass wir on­line scham­los Un­wahr­hei­ten ver­brei­ten, son­dern auch hoch­gra­dig ge­fähr­lich, soll­ten diese ro­si­gen Fotos mit der Zeit zu schein­bar wirk­li­chen, aber doch ge­fälsch­ten Er­in­ne­run­gen wer­den. Wer­den wir viel­leicht eines Tages genau die­ses Foto be­trach­ten und uns fra­gen, warum wir nie mit die­ser Per­son in Kon­takt ge­blie­ben sind, ob­wohl wir doch so gute Freun­de waren?  

Die Psy­cho­lo­gin Eliz­a­beth Lof­tus kennt sich mit fik­ti­ven Er­in­ne­run­gen aus (TED Talk). 

Glaubt man der Psy­cho­lo­gin und Er­in­ne­rungs-Ex­per­tin Eliz­a­beth Lof­tus, dann lau­fen wir alle Ge­fahr, un­se­re Er­in­ne­run­gen zu ver­fäl­schen. Wem fal­sche In­for­ma­tio­nen ge­füt­tert wer­den, der er­in­nert sich mit Leich­tig­keit an Dinge, die so nie pas­siert sind. Lof­tus selbst hat meh­re­re Ex­pe­ri­men­te durch­ge­führt, die sie zu dem Schluss führ­ten, dass es re­la­tiv ein­fach ist, fal­sche Er­in­ne­run­gen in das mensch­li­che Ge­hirn ein­zu­pflan­zen. Das kön­nen Kind­heits­er­in­ne­run­gen an das ei­ge­ne Ver­ir­ren im Su­per­markt sein oder auch an Be­weis­stü­cke, die so nie exis­tier­ten. Da wir dies mit gro­ßer Leich­tig­keit voll­brin­gen, liegt der Schluss nahe, dass wir - durch die Do­ku­men­ta­ti­on unser zu­sam­men­ge­bas­tel­ten Ge­schich­ten und dank der Be­reit­schaft, un­se­ren ei­ge­nen Hirn­ge­spins­ten zu glau­ben - auch be­wusst fal­sche Er­in­ne­run­gen pro­du­zie­ren kön­nen. 

Auf der Suche nach der un­ge­schmink­ten Wahr­heit

Ein an­de­rer Grund für den Hype um die prä-di­gi­ta­le Fo­to­gra­fie ist auch eine un­be­wuss­te Sehn­sucht nach Au­then­ti­zi­tät in einer so hoch­gra­dig si­mu­lier­ten Welt. Heut­zu­ta­ge re­pro­du­zie­ren wir vor allem die Schnapp­schuss-Äs­the­tik, die in den 1980ern und 1990ern von Nan Gol­din und Co­rin­ne Day be­rühmt ge­macht wor­den ist. Ihre ehr­li­chen und oft un­ge­schmink­ten Bil­der funk­tio­nier­ten wie Fens­ter in ihr Leben, die star­ke Emo­tio­nen und eine In­si­der­per­spek­ti­ve auf die Sub­kul­tur der Jun­kies, Trans­ves­ti­ten und AIDS-Kran­ken frei­geben. Diese Fotos gel­ten heute als "echt" und "roh" und be­sit­zen somit genau die Merk­ma­le, die wir gerne in un­se­ren ei­ge­nen Fotos wie­der­er­ken­nen wol­len. Die meis­ten Ins­ta­gram-User wer­den wohl eher nicht zu il­le­ga­len Par­tys gehen, He­ro­in sprit­zen, ge­mein­sam in die Wanne sprin­gen oder ein gutes fo­to­gra­fi­sches Auge haben - aber das ist auch ganz egal. Denn mit dem 80er-Fil­ter kann man ganz ein­fach an­de­rer Leute Er­in­ne­run­gen zu den ei­ge­nen ma­chen und den ge­suchten "Look" er­rei­chen. Meine An­eig­nung eines Gol­din-Fo­tos mag jetzt noch pein­lich sein, aber wer weiß: Viel­leicht werde ich in naher Zu­kunft ver­ges­sen, dass ich die­sen Ar­ti­kel ge­schrie­ben habe, und mei­ner ei­ge­nen Lüge Glau­ben schen­ken?