Lifestyle

Indien - eine portugiesische Leidenschaft

Artikel veröffentlicht am 19. September 2014
Artikel veröffentlicht am 19. September 2014

Portugals Kolonialreich waren nur Brasilien, Angola und Mosambik? Und Goa ist nur ein Ort der Ausschweifung, das endgültig verlorenen Paradies der ersten Hippies? Aber zusammengenommen ergeben die beiden großen kulturellen Reichtum und eine Bevölkerung, die stolz auf ihre Geschichte ist. cafébabel war in Goa unterwegs und wiegt euch in latino-indo Exotik.

Von der indischen Kolonialgeschichte...

Indien, heutzutage Land der Traumvorstellungen und Abenteuer für zahlreiche europäische Reisende. Vor 500 Jahren war es Land des Handels und Tor zum asiatischen Kontinent für die Eroberer und Kolonialherren der alten Welt. Infolgedessen wurde das riesige Gebiet mit 3 200 000 km2 zum 'Herzstück' des britischen Empire. Aber nicht nur. Auch die Franzosen  (besonders in Pondichéry) und Niederländer bekamen ihr 'Stück vom Kuchen' ab. Was weniger bekannt ist, dass im Staat Goa während der Kolonialzeit portugiesische Kolonisten herrschten, die einen tiefen Abdruck hinterließen.

Bereits Anfang des 16. Jahrhunderts, wie die anderen Kolonialmächte, wählten die Lusitanier ein hübsches Fleckchen Indiens aus und waren bis 1961 dort niedergelassen. Sie richteten sich also im indischen Bundesstaat Goa ein. Hierbei handelt es sich weder um einen Strand, noch um eine Disko. Trotzdem, selbst heute noch, beim Nennen des Wortes Goa, läuft man Gefahr verworrenen Fragen zu begegnen wie : Ahja, warst du dort feiern? Hast du Shrooms mit alten Hippies genommen? Als wenn das nicht schon genug wäre, wird die Küste in letzter Zeit zum beliebten Ziel der neureichen Russen, die Feinheit als ihren größten Vorteil haben. Aber hinter dem vereinfachten Bild und der traurigen Realität des Tourismus ist der Staat ein großes Freiluftmuseum über die Vergangenheit des Indiens der Portugiesen. Panjim, die Hauptstadt, spiegelt dies wieder.

Von der Straße in die Zeitungen

Das Stadtviertel Fontainhas scheint dort eine südländische Blase zu sein, in der man langsam zu Fuß unterwegs ist. Im Gegensatz zur typischen, unaufhörlichen Hektik der indischen Stadt. Die Architektur erinnert stark an Südeuropa und die Straßen tragen portugiesische Namen, manchmal ausgezeichnet auf einem Muster aus azulejos (portugiesische Fliesen). Viele Barbiere bieten hier ihre Dienste an, und auch wenn die meisten selbst keine Verbindung nach Portugal haben, so heißen ihre Salons doch barbearias. Ihr Name bleibt gleich einem wertvollen Erbe bestehen. Nicht weit von einem davon bietet Casa Lusitania Schneiderdienste an. Nalina, die aktuelle Besitzerin weiß zwar nicht, wieso der Laden so heißt, kennt aber bruchstückhaft die Geschichte des Geschäftsgründers: Ich weiß nicht sehr viel, sagt sie, aber es war ein Inder namens Herr Fernandez und ihm lag viel daran den Austausch mit Portugal aufrecht zu erhalten. Fernandez ist ein verbreiteter Name hier, wie viele weitere Namen portugiesischen Ursprungs. Das beweisen die Todesanzeigen einer lokalen Zeitung namens O Heraldoderen Name sicherlich auch eine Hommage an den berühmten Herald Tribune bedeutet. Dumian Coutinho, Caetano D'Souza, Maria Hermina Furtado, Mafaldina Godinho sind nur einige der Namen die in den Anzeigen zu lesen sind. Amdas, ein Zeitungshändler erzählt: Auch wenn die Sprache nicht groß weitergegeben wird, so sprechen doch noch einige der Alten Portugiesisch.“ Bom dia, bom noite, Obrigado, um, dois, três, quatro, cinco...“, radebrecht er selbst voller Begeisterung.

Etwas weiter entfernt bietet Cozynook, das Cybercafé des Viertels, an, online Visaanfragen für Goaner zu erledigen, die das Land auf der iberischen Halbinsel besuchen möchten. Raj, der Manager erklärt: Die Verbindung ist noch sehr stark und es gibt viele Goaner, eine verwirrte Generation, die gerne nach Portugal reisen möchten. Vielleicht auf der Suche nach einem entfernten Cousin!

Die Bibel im Urwald

Für Geschichts-Fans bietet Old Goa nicht weit von der Stadt eine Art Schnitzeljagd auf den Überresten des portugiesischen Wurzeln der Region. Man sieht große Kirchen, die für den damaligen Katholizismus und die Missionierungsversuche seiner Anhänger stehen, verloren in der Natur, die nach und nach ihre Macht zurückgewinnt. Noch immer sind viele Goaner Katholiken, was die Heiligenstatuen an mehreren Straßenecken bezeugen, vor denen die Bewohner morgens und abends zusammen beten. Und schließlich sind es auch die Ortsbezeichnungen, die dies deutlich machen. So heißt beispielsweise der Hauptbahnhof des Bundesstaates Goa, genau wie auch eine große Stadt an der Küste: Vasco Da Gama.

Ein Hauch Südeuropa im riesigen Indien. Goa und Panjim, die Hauptstadt, sind Zeugen einer einzigartigen weitgehend unbekannten Beziehung in der großen Geschichte von Europa und Indien. Es scheint, als könne man fast einen Fado-Klang zwischen zwei Bissen Byriani zu hören, während man nach den kleinen Zeichen einer einflussreichen Vergangenheit Ausschau hält.