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Im Sog der Finanzkrise: Formel 1, Premier League und Olympia 2012

Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2008
Am anderen Ufer des Großen Teichs gibt die NBA sich noch gelassen - für Veranstalter und Sportindustrie in Europa wird es bereits eng. Ein Überblick.

©makeroadssafe/flickrSie gilt als milliardenschweres Imperium, aber in der kommenden Saison wird die Formel 1 Glanz und Gloria merklich zurückfahren, um „Kosten in signifikanter Höhe“ einzusparen. Dies teilten im vergangenen Oktober der Automobil-Dachverband FIA (Fédération Internationale de l'Automobile) und die Interessenvertretung FOTA (Formula One Teams Association) mit. FIA-Präsident Max Mosley bezeichnete die Kosten der Formel 1 schlicht als „unhaltbar“. Bereits vor der Finanzkrise bestimmten andauernde Budgetüberschreitungen die Branche so sehr, dass „unabhängige Teams permanent auf den guten Willen reicher Financiers angewiesen sind und die Werksteams abhängig von den massiven Geldduschen ihrer Mutterkonzerne“.

Zieht sich Fernando Alonso zurück?

In Zukunft soll den Rennteilnehmern die Nutzung eines einzigen Motor- und Getriebesystems vorgeschrieben werden.

Doch die aktuellen Sparmaßnahmen werden bei Weitem nicht durchweg positiv beurteilt. Nicht einmal intern ist die Akzeptanz der neuen Richtlinien besonders hoch. Am 27. Oktober drohte Ferrari gar damit, sich aus Protest gegen eine neue Bestimmung komplett aus den Rennen zurückzuziehen: In Zukunft soll den Rennteilnehmern die Nutzung eines einzigen Motor- und Getriebesystems vorgeschrieben werden. Die gegenwärtige Krise gefährdet ganz offenbar das tradierte Regelwerk der Formel 1 - und rührt damit an der Kernsubstanz des heutigen Rennsports. Der spanische Formel 1-Pilot Fernando Alonso hat während einer Pressekonferenz am 2. November gar damit gedroht, dem Sport gänzlich den Rücken zu drehen: „Ein identischer Motor für alle ist als greife man nach dem letzten Strohhalm. Dann müsste ich wirklich über meinen Rücktritt nachdenken.“

Bild von 1912/ ©WikimediaDie Formel 1 bekommt die Konsequenzen der Krise bereits zu verspüren: Die FFSA (Fédération française du sport automobile) gab am vergangenen 15. Oktober bekannt, dass sie ihren Grand Prix zunächst absetze. Eventuell soll er ab 2010, mit finanzieller Unterstützung von Disneyland Paris, wieder ins Rollen gebracht werden. Auch der deutsche Grand Prix zittert um seine Zukunft. Am Hockenheimring kann ohne Zuschüsse des Landes 2010 kein Rennen mehr gefahren werden. Der Nürburgring hat eine Schonfrist bis 2011. Ob sich die Rennen danach noch finanziell tragen können, bleibt unsicher.

Fußball ebenso verstrickt

Das Geschäftsmodell der Formel 1 ist nur ein Beispiel unter vielen. Die Abhängigkeit von reichen Geldgebern, oft Schlüsselfiguren im internationalen Finanzgeschäft, ist ein allgegenwärtiges Phänomen. John Print ist Manager der Sportagentur Sports Management Worldwide und sieht die Krisenanfälligkeit der Branche begründet in ihrer starken Verflechtung mit dem internationalen Finanzmarkt: „Der Sport leidet mehr unter der gegenwärtigen Finanzkrise als andere Branchen, weil die Finanzströme, aus denen sich am Ende der Erlös generiert, heute sehr komplex sind.“ Ursprünglich waren die Haupteinnahmequellen der Sportindustrie die Gewinne aus Ticketverkäufen, aus Getränke- und Snackbars sowie aus dem Vertrieb von Merchandising. Doch der Sport hat sich gewandelt und setzt heute auf ein „anderes Geschäftsmodell - das des großen Geldes“. Nicht zu vergessen sei der immense Einfluss der Fernsehanstalten, wie Print hinzufügt: „Vor allem die Vergabe von teuren weltweiten Senderechten führt dazu, dass Medienrechte und Sponsoren heute weit bedeutendere Einnahmequellen darstellen, als beispielsweise der Erlös aus Ticketverkäufen.“

©law_keven/flickrAuch die Fußballindustrie schwankt bereits im Strudel der Sponsorengelder: „Die Finanzkrise wird Schockwellen auslösen, deren Auswirkungen sich dauerhaft bemerkbar machen werden - alleine schon aufgrund der hohen Anzahl internationaler Investoren. Die könnten dem einen oder anderen Club noch ernsthafte Probleme bereiten“, warnt John Print. Englische Clubs wie West Ham United und Liverpool haben dies bereits zu spüren bekommen: „West Ham verlor zum Beispiel seinen wichtigsten Trikot-Sponsor, das war ein herber Schlag“, erläutert John weiter. Bei dem Verlust handelt es sich um einen 7,5-Millionen-Sponsoringvertrag mit dem Reiseveranstalter XL Holidays, der vor kurzem Insolvenz anmelden musste. Allerdings wurde am 4. Dezember ein neuer Vertrag über 3 Millionen Euro mit dem asiatischen Sportwettenbetreiber SBOBet.com unterschrieben. „West Hams isländischer Manager Bjorgofur Gudmundsson steht unter immensem Druck, den Club zu verkaufen. Und in Liverpool bangt man um die Finanzierung des neuen Stadions und kann sich nur noch mit Mühe hochbezahlte Spieler leisten.“

NBA und Olympia setzen auf Optimismus

Die Sportler müssen 2012 enger zusammenrücken.

Bei der NBA und dem Olympia-Komitee in London reagiert man besonnen auf die zu erwartenden finanziellen Einbußen. Am 15. Oktober verkündete die NBA, es würden neun Prozent der Gesamtbelegschaft entlassen. Gleichzeitig ist es der Profiliga jedoch gelungen, ein Joint-Venture mit dem Sportmarketing-Unternehmen Anschutz Entertainment Group (AEG) einzugehen, um gemeinsam den chinesischen Markt zu erobern. In London will man jetzt umkalkulieren: Die Budgetierung für 2012 wurde mittlerweile überarbeitet: Insgesamt soll eine Obergrenze von 11,31 Millionen Euro nicht überschritten werden. Dafür müssen die Sportler 2012 enger zusammenrücken. Statt der zunächst geplanten 4.200 Schlafplätze im olympischen Dorf sollen aufgrund der Immobilienkrise nur noch 3.000 Unterkünfte neu zur Verfügung gestellt werden. London befürchtet ansonsten, nach der Ausrichtung der Olympischen Spiele keine Käufer für die Wohnungen zu finden. Unter den gegebenen Umständen wird London 2012 jedenfalls nicht Peking 2.0. 

©Manuel.A.69/flickr

Trotzdem kann das Finanzchaos Johns Zuversicht nicht trüben, zumindest was die Sportindustrie im Allgemeinen angeht und die Fußballindustrie im Speziellen. „Die Finanzkrise ist ein Weckruf für die Eigner der Teams. Sie müssen sich darüber klar werden, dass sie nicht nur für den Erfolg der Clubs verantwortlich sind, sondern auch für deren langfristige finanzielle Sicherheit. Das sind sie auch den Fans und der gesamten Gemeinschaft schuldig.“ John zeigt sich ebenfalls optimistisch, dass die traditionsreichen Fußballvereine als Marken Bestand haben werden und erfahrene Vereinsbesitzer eben diese Beständigkeit zu schätzen lernen werden. „Selbst wenn einer von ihnen in Schwierigkeiten geriete und verkaufen wollte, gäbe es genug andere Interessenten. Es wird definitiv spannend zu beobachten, was mit Newcastle United und West Ham in den nächsten Monaten passieren wird. Eine endgültige Entscheidung steht zwar aus, aber es gibt laufend Anfragen von potenziellen Käufern“, resümiert er. In der Gerüchteküche brodelt es derweil heftig: AEG-Tycoon Philip Anschutz soll im Rennen um Newcastle längst ganz vorne dabei sein.