Lifestyle

Hopeless Holidays: Sonnenbrand inclusive

Artikel veröffentlicht am 25. August 2015
Artikel veröffentlicht am 25. August 2015

In ihrer Serie 'Hopeless Holidays' fängt die polnische Fotografin Oliwia Thomas den geballten Spaß ein, den Touris während ihres Sommerurlaubs erleben können (oder eben nicht). Sie sind müde, haben Sonnenbrand und eigentlich gar keinen Bock, für Selfies mit Plastikpalmen und Beachbars mit Neonlichtern im Hintergrund zu lachen. Aber es ist ja alles schon bezahlt.

Oliwia Thomas hat an der Warsaw Academy of Fine Arts bei dem berühmten polnischen Multimediakünstler Krzysztof Wodiczko gelernt. Die junge Künstlerin arbeitet mit Fotografie, Film, Malerei und Soundscape. Außerdem hat sie gemeinsam mit Freunden die PR-Agentur Mchyporosty gegründet, um polnische Designer zu fördern. Immer wenn sie irgendwo unterwegs ist – und das ist sie ziemlich oft -  fühle sie sich wie eine Touristin, eine Forscherin oder Ornothologin. Wie eine ewige Spionin hört sie überall heimlich zu und nimmt auf. Sie sagt, dafür sei auch das Internet mitverantwortlich.

Geschmacksverirrung

Für Sonnenbrände gibt es zahlreiche kulinarische Anspielungen: Scheinbar ist das erfolgreichste Rezept für das Dahinschmelzen oder Brutzeln am Strand das Einschmieren mit einer gehörigen Portion Oliven- oder Sonnenblumenöl. Am Abend ist die beste kühlende Nachbereitung der gerösteten Haut dann mit einem Buttermilch-Wrap zu erreichen. Und wenn das dann immer noch nicht für die entsprechende Abkühlung gesorgt hat – einfach ab in die nächste Bar auf einen eiskalten Gin Tonic oder Wodka on the rocks aus Plastikbechern. Jeder weiß ja, dass das perfekt gegen einen heißen Kopf hilft.

Hitzefrei für den perfekten Urlaub

Der perfekte Urlaub ist ziemlich schwer. Zum Glück haben im August aber alle Familienmitglieder frei. Es ist super, diese pittoresken Bilder von Inseln mit elfenbeinweißen Stränden, wolkenlosen Himmeln und saftiger Vegetation auf Google Images vom heimischen Sofa aus anzuglotzen. Doch der ganze Stress geht erst später los: Wenn nicht an die Hitze gewöhnte, hochrote Kinder die Familientemperatur zum Wallen bringen und sich die Vision des grandiosen Urlaub im Handumdrehen in Luft aufzulösen scheint. 

Hopeless Holidays

Kurz nach der Ankunft und der sofortigen Verarztung der ersten Schweißausbrüche lesen sie die Botschaft ‚Willkommen im Paradis‘. Gleich darauf werden sie in einen Bus geschichtet, der sie weit weg von allem transportiert. Nachdem sie die goldenen Tore des Hotels passiert haben, wird nichts mehr wie vorher sein. Das Areal scheint ein schlecht gealterter Vergnügungspark samt kitschigen Statuen und Stuckverzierungen zu sein - das Ganze ist natürlich in Anlehnung an die Lokalkultur gedacht. Alle Wegweiser sind riesig und flashy, als hätten sie den Job, um jeden Preis die eingefrorenen Netzhäute der Touristen zu erreichen.

Und dann sind da auch immer noch die All-Inclusive-Mahlzeiten, die die Pläne am Ankunftstag – Strand, Pool, Kantine – immer mal wieder durchkreuzen. Am Abend dann noch eine triste Veranstaltung im eigens im Hotel installierten Amphitheater und eine Riesenportion Eis vom Kiosk am Strand, die in aller Stille verdrückt wird. Dann haben alle erstmal genug. Aber der Trip dauert noch weitere 13 Tage. In den kommenden Tagen werden die Kommentare zunehmend bissiger. 

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Die Hitze ist auch irgendwie omnipräsent. Alles wird immer nerviger, besonders Gruppen von Touristen aus verschiedenen Ländern, die sich zum gemeinsamen Essen verabreden. Dazu gibt es ziemlich adäquate Beschreibungen in Michel Houellebecqs Die Möglichkeit einer Insel (Passage im Türkeiurlaub).

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Doch der Höhepunkt aller Disaster kommt erst zum Abschied. Zu diesem Zeitpunkt hat garantiert jeder schon mehrere fiese Kommentare und Vorwürfe zu seinem Charakter einstecken müssen. Und ist der Humor einmal im Keller, ist es schwierig mit der Schlagfertigkeit. Deshalb träumt jeder bereits heimlich von der Rückkehr nach Hause. Die letzten Tage werden damit zugebracht, die Pflichtgeschenke für Oma und Opa zu kaufen und Postkarten zu schreiben, natürlich das ein oder andere Zerwürfnis inclusive. Alle wollen etwas von irgendjemandem und es wird immer jemandem in einem Laden geben, der einfach zu langsam ist. Und dann diese Sonne. Dann ist Abreise angesagt. Sie kommen nach Hause zurück, vollkommen ausgebrannt, keinen Heller mehr auf dem Konto. Aber es hat sich trotzdem total gelohnt.

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Das war’s?

Es scheint, als sei nun endlich das ersehnte Ende da. Aber nein. Nach diesem perfekten Familienurlaub möchten die All-Inclusive-Reisenden natürlich die große Freude auch per Slideshow auf dem heimischen Großbildschirm teilen. 500 Fotos sollen es sein, 200 davon sind nicht im richtigen Format (deshalb kriegst du direkt Nackenstarre, weil du ständig den Kopf so schräg halten musst) und die letzten 100 zeigen Objekte aus allen möglichen Perspektiven. Ziemlich schwer, diese Drei-Stunden-Session zu unterbrechen. Deshalb sollte man am besten gleich eine Flasche Wein dabei haben, aus der man dann große Schlucke nimmt und hofft, dass dieser bald die Sinne benebelt.

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Oliwia Thomas bei instagram.com/oo.thomas