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Görlitz, von den Toten wiederauferstanden

Artikel veröffentlicht am 16. April 2015
Artikel veröffentlicht am 16. April 2015

Über die letzten zwei Jahrzehnte haben sich Görlitz und Zgorzelec, wie so viele Städte nach 1989, von Grund auf gewandelt. Teile von Görlitz sind mittlerweile verlassen. Doch junge Menschen finden neue Möglichkeiten, diese Leerstände kreativ zu nutzen.

Zgorzelec sieht aus wie eine ganz normale polnische Stadt – eine Mischung aus schönen Altbauten und hässlichen Werbeflächen. Die Hauptstraße ist mit kleinen Zigarettenläden vollgestopft und führt zur Papst-Johannes-Paul-II.-Brücke über die Neiße. Ein typisch polnischer Mix aus Sakralem und Profanem also. Wenn man die Brücke nach Görlitz überquert, die nur noch eine symbolische Grenze markiert, spürt man trotzdem einen Unterschied. Das liegt nicht etwa an der deutschen Ordnungsliebe oder den gothischen Schriftzeichen auf den Schildern: Auf Görlitz’ Straßen sind fast nur Rentner und Schulkinder unterwegs. Die Hauptstraße sieht aus wie das Set eines Westernfilms, und mit ihren zerbrochenen Fensterscheiben wirken viele Einkaufsläden, als seien sie von Cowboys geplündert worden. 

Angefangen hat es mit dem Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren. „Man merkt es einfach, wenn plötzlich rund 10 000 Menschen weggehen“, sagt Daniel Breutmann, Vorsitzender des Vereins goerlitz21. Noch während des Kommunismus flohen viele Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben in den Westen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die Auswandererzahlen überall explodiert – Görlitz ist da keine Ausnahme. Ostdeutschland verlor fast zwei Millionen Einwohner, was 13% der Bevölkerung entspricht. Als Industrie und Infrastruktur zerbrachen, wurde viele Fabriken und Verwaltungsgebäude unbrauchbar. „Manchmal brechen Leute in leerstehende Gebäude ein, nur um alte Türzargen zu klauen“, erzählt Daniel. Zgorzelec erging es da deutlich besser. Die polnische Stadt muss heute nicht im gleichen Maße wie Görlitz gegen die Abwanderung ankämpfen. 

Ist der Leerstand die Zukunft? 

Um Vandalismus, Einbrüche und Verfall in Görlitz zu stoppen, beteiligen sich Daniel Breutmann und sein Verein an dem Onlineprojekt Leerstandsmelder, das sich über ganz Deutschland erstreckt. Auf einer Onlineplattform kann man leerstehende Gebäude sowohl melden als auch gezielt suchen. Goerlitz21 fungiert dabei als Agentur, die Räumlichkeiten vermittelt. Einige Anfragen kamen vom deutsch-französischen Fernsehsender ARTE oder auch von den Filmstudios in Babelsberg, die zu den ältesten der Welt zählen. Auch kommerzielle Anfragen nach Läden und Lagerraum gehen beim Leerstandsmelder ein. „Neben prominenten Leerständen in Görlitz, wie der Stadthalle, dem RAW-Bahnhofsgelände in Schlauroth oder dem Kondensatorenwerk, gibt es viele bisher unbeachtete Gewerbe- und Wohnimmobilien“, meint Daniel.

Das Kühlhaus beispielsweise wurde in den 1950ern gebaut und gerade renoviert, als die Berliner Mauer fiel. Das monumentale Gebäude, in dem vor allem Lebensmittel gekühlt wurden, verfiel in den Folgejahren zusehends. Vor kurzem aber ist es von den Toten auferstanden: 2008 suchten ein paar Jugendliche aus der Gegend nach einem geeigneten Ort, um Events zu organisieren. Im Gegensatz zu Berlin, Warschau oder Wien gibt es in Görlitz nicht viele Orte für Künstler, Hipster und Feierwütige. Das Kühlhaus schien da die perfekte Location – außerhalb der Stadt gelegen, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln angebunden. Die Fläche ist riesig. Es gibt sogar einen Garten, der groß genug für Open-Air-Events ist. Doch das Gebäude war zum Großteil verwüstet, der Boden von Gras und Unkraut überwuchert, Dach und Fenster fast vollkommen zerstört.

„Wir nutzen die Vergangenheit, um etwas Neues zu schaffen“, sagt Nadine Mietk. „Gerade repariere und streiche ich zum Beispiel Fensterrahmen.“ Rund 16 Freiwillige sind im Kühlhaus unterwegs, um bei der Renovierung zu helfen. Es riecht nach Farbe und Lösungsmitteln. An einer Wand lehnt ein altes Schulregal, neben Retromöbeln und einem Radioapparat: der Traum jedes Vintagesammlers. Interessanterweise sind es gerade Bauruinen wie das Kühlhaus, die Görlitz wieder Leben einhauchen. „Diese leerstehenden Gebäude sind eine großartige Möglichkeit für die Kreativbranche und für junge Menschen“, sagt Juliane Wedlich, eine der Kühlhausmanagerinnen. „Es gibt hier genug günstigen und freien Raum, der für alternative Projekte in Kultur und Business genutzt werden kann.“ 2012 organisierte das Kühlhaus-Team das erste MoxxoM-Openair, ein Elektrofestival, das sich seither zu einem dreitägigen Event entwickelt hat. In diesem Jahr haben die Organisatoren sogar eine Finanzierung der Robert-Bosch-Stiftung für ein neues Projekt erhalten.   

Mit ihrer Initiative Jugend.Stadt.Labor Rabryka hat der Verein Second Attempt einen ähnlich positiven Einfluss auf das Stadtbild von Görlitz. Über künstlerische Workshops und Projekte versucht Second Attempt, der gefühlten Hilflosigkeit vieler ostdeutscher Jugendlicher entgegenzuwirken. „Wir glauben, junge Menschen zu mehr Eigeninitiative hinführen zu können“, erklärt Erik Thiel, einer der Freiwilligen im Projekt. „Sie müssen teilhaben, um ihren Lebensraum mitzugestalten und ihre gesellschaftsbezogenen Träume – fernab vom Konsum – verwirklichen zu können.“  Rabryka wurde von Jugendlichen beim Fokus Festival entwickelt, wo sich Deutsche und Polen – nicht nur aus Görlitz und Zgorzelec, sondern von überall her – regelmäßig treffen. 

Rabryka ist in der Energiefabrik untergebracht, wo früher Industriehefe produziert wurde. Obwohl Tanks und Gleise an die industrielle Vergangenheit erinnern, deuten die riesigen Graffiti an den Wänden auf eine neue Bestimmung hin. Über Renovierungsmaßnahmen, Urban Gardening und Musikprojekte will Rabryka die Stadtentwicklung weiterdenken: „Es ist ein experimentelles Labor, mit dem wir wieder Leben in die Stadt bringen wollen“, meint Erik. Deshalb arbeitet Rabryka mit Jugendlichen, Sponsoren und Lokalpolitikern zusammen und auch mit Zgorzelec wird kooperiert: „Die meisten Events sind zweisprachig“, sagt Inga Dreger, Vorstandsmitglied von Second Attempt. „Doch der Schwerpunkt sollte nicht nur auf einer deutsch-polnischen Beziehung liegen, sondern im Grenzraum selbstverständlich sein.“ 

Egal wie enthusiastisch die Projektmanager und Freiwillige von goerlitz21, Kühlhaus und Rabryka auch sein mögen: Eine ganze Stadt von den Toten zu erwecken, ist nicht einfach. Organisatorische und bürokratische Hürden sind aber glücklicherweise nicht unüberwindbar. „In den vergangenen Jahren hat sich die Zusammenarbeit mit der Stadt deutlich verbessert“, sagt Juliane Wedlich vom Kühlhaus. „Es findet ein Umdenken statt, obwohl es für unser Empfinden manchmal zu lange dauert. Wir hoffen, dass auch die Stadtvertreter erkennen, was für eine große Gelegenheit diese leerstehenden Gebäude bieten und sie damit eine Chance für junge und kreative Menschen mit sich bringen.“

Erik Thiel stimmt zu: „Raum bietet immer Möglichkeiten, aber er enthält auch Probleme, wie zum Beispiel Bausubstanz, Lärmemission oder Brandschutzregelungen.“ Dennoch tun Erik, Juliane und die anderen ihr Bestes, um Görlitz aus dem Totenreich zurück zu holen. Vielleicht wird die Hauptstraße ja schon bald nicht mehr an eine Geisterstadt im Wilden Westen erinnern. Und wenn man genau hinhört, kann man schon jetzt die Saloontüren des Kühlhauses knarren hören. 

Diese Reportage wurde zuerst im E-Magazin zu Beyond the Curtain veröffentlicht. Das komplette E-Magazin kann hier gelesen werden.

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