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Giovanni di Lorenzo: "Berlin - die einzige Stadt der Welt mit einer dominierenden Arbeiterkultur"

Artikel veröffentlicht am 17. September 2010
Artikel veröffentlicht am 17. September 2010
Die Berliner Wetterkapriolen können einem auf den Wecker fallen. Doch vielleicht ist das gerade der richtige Zeitpunkt für ein Interview mit einem Italiener, der in Schweden geboren wurde und heute als Chefredakteur der Zeit zu den besten deutschen Journalisten zählt.

Ich treffe di Lorenzo in der Redaktion. Ein höflicher Mann - er bietet mir ein Glas Wasser an. Ich frage ihn nach seinem Wochenende, ob er mit seiner Familie (mit seiner Frau und dem einjährigen Baby) in Italien war. In Italien? Es gefällt mir, das Italienklischee der Deutschen nachzuempfinden: Sonne, Hitze, bella Italia. "Aber was!" - sagt er. "Eine Menge Regen haben wir erwischt." Er sieht müde aus. "Ich habe Tag und Nacht gearbeitet, um eine Ausgabe fertig zu kriegen. Dann musste ich nach Berlin. Und sobald wir das Interview beendet haben werden, fliege ich nach Hamburg."

Zu Beginn des Interviews muss ich an meinen Schulfreund Athos denken, der so hieß wie eines der Musketiere. Mit elf Jahren kam er in unsere Mailänder Klasse. Davor hatte er in London gelebt. Trotz italienischer Eltern sprach er ein unmögliches Italienisch - entstellt durch den englischen Akzent. Das letzte, was ich erwartet hätte war, dass er eines Tages einer der führenden italienischen Journalisten würde. "Und hat er es geschafft?", fragt mich di Lorenzo. Nein. Gerade deswegen wundert mich die Laufbahn von Giovanni di Lorenzo.

Gestatten: Hans Lorenz!

Geboren 1959 in Stockholm als italienischer Staatsbürger, wuchs di Lorenzo bis zu seinem elften Lebensjahr in Rimini und Rom auf. Danach kam die Übersiedlung nach Hannover. Sein Deutsch war damals ziemlich schlecht, dennoch ist er heute Chefredakteur der Zeit, einer der Herausgeber des Tagesspiegel, Bestsellerautor und Fernsehmoderator in Deutschland.

Wie beschreibt er die zurückliegende Epoche? "In den siebziger Jahren, als ich hierher kam, war Deutschland nicht dieselbe offene Gesellschaft, die es heute ist. Es war so 'kleinlich'. Nach der Grundschule in Italien habe ich sechs Monate lang die deutsche Schule in Rom besucht, um mich an die Sprache zu gewöhnen. Dann kam ich ans Gymnasium nach Deutschland. Da fragten mich eines Tages meine Schulkameraden, ob es in Rom auch echte Häuser gebe. Sie dachten, es gebe dort nur Grotten und Tempel. Das waren aber Schüler eines klassischen Gymnasiums, keine Elementarschüler. Ich denke, das entscheidende Erlebnis war, als ich eines Tages nach etlichen Wanderjahren begriffen hatte, dass ich die Sprache beherrschen musste, um dieser Situation zu entkommen. Das war der Schlüssel."

Di Lorenzos journalistischer Durchbruch kam infolge eines Zeffirelli-Interviews um drei Uhr morgens und durch einen Eindringling: Hans Lorenz. Nach anfänglichen Problemen und Frustrationen gelang es dem jungen Journalisten einen Artikel zu veröffentlichen. "Am Anfang motiviert der Anblick des eigenen Namens unter dem Artikel zum Schreiben", so di Lorenzo. Doch am Ende seines ersten Artikels prangte der Name 'Hans Lorenz'. Wie kam das?

"Es ereignete sich bei einem Interview mit Zefirelli [Franco Zeffirelli ist ein italienischer Regisseur; A.d.R.], der gerade an seinem Jesus von Nazareth arbeitete und sich in Hollywood aufhielt. Ich habe ihn in seinem Haus in Florenz angerufen. Eine seiner Bediensteten ging ans Telefon und gab mir aus irgendwelchen Gründen seine direkte Nummer in Hollywood. Ich war derart aufgeregt, dass ich die Zeitverschiebung völlig vergaß und sofort anrief. Ich weckte ihn um drei Uhr morgens auf. Er war so überrascht, dass er sich nicht einmal aufregte, sondern meine Fragen direkt beantwortete. Ich erinnere mich noch, dass ich um sieben Uhr morgens zum einzigen Zeitungsstand in Hannover lief, der diese Zeitung verkaufte. Meiner war der erste Hauptartikel auf der Kulturseite, schön groß und seitenfüllend."

Aber statt Giovanni di Lorenzo stand Hans Lorenz unter dem Artikel. "Ich war wütend, in meinem Stolz verletzt. Es vergingen etliche Stunden, bis ich endlich einen Redakteur fand, der mir die Lage mit den Worten des Chefredakteurs erklärte: "Wenn ihr unter Pseudonym schreiben wollt, dann nehmt wenigstens ein glaubwürdiges." So wurde aus Giovanni Hans. "Nicht einmal Johannes haben sie mir gelassen. Und aus Lorenzo machten sie Lorenz. Von diesem Zeitpunkt an hatte ich begriffen, dass ich etwas tun musste, um mir Geltung zu verschaffen", beendet er die Anekdote mit einem Lächeln.

Berlin - die einzige deutsche Stadt, in der man leben kann

©Francesca BarcaDie Sprache ist inzwischen di Lorenzos Werkzeug geworden. Bereits Ende der neunziger Jahre wurde er zum Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel ernannt. In unserem Gespräch kommen wir immer wieder auf Kreuzberg zu sprechen - einer der wenigen Orte der Welt, an dem in der Kneipe alle zusammen kommen: Türken, Deutsche, Homosexuelle, Punks und Manager in Anzug und Krawatte. Niemand regt sich hier über den anderen auf. Könnte Kreuzberg ein Musterbeispiel für das friedliche Zusammenleben und eine sinnvolle Integration in Europa sein? "Ich glaube, das gilt nicht allein für Kreuzberg. Allerdings ist es genau das, was Berlin zur interessantesten Stadt der Welt macht. Auch London ist spannend, aber unter anderem wegen der Preise viel schwerer zugänglich. Berlin ist eine besondere, einzigartige Stadt. Ich kam 1999 hierher, als die Regierung übersiedelte. Das war ein beispielloses Erlebnis."

Matthias Maurer ist ein Berliner Unternehmer. Er lebte in Amerika, ist aber ein typischer Urberliner. Eines Tages sagte er mir: "Weißt Du, was die größte Gefahr für Berlin bedeutet? Dass sie eine deutsche Stadt werden könnte." Was hält Giovanni di Lorenzo von dieser These? "Diese Gefahr droht meiner Meinung nach nicht. Aus zwei Gründen: Erstens ist Berlin die größte Stadt Deutschlands, in der sich verschiedene Realitäten verdichten. Zweitens ist sie die einzige Stadt der Welt mit einer dominierenden Arbeiterkultur. Deswegen scheitern hier alle bürgerlichen Bestrebungen." Oft hört man auch, Berlin sei die einzige deutsche Stadt, in der man leben könne. "Das stimmt", erwidert di Lorenzo. "Das ist auch meine Meinung. Auch wenn ich in Hamburg lebe."

Wo das Fremdsein kein Nachteil ist

Unser Interview neigt sich dem Ende. Di Lorenzo ist müde. Außerdem war da ja noch der Flieger nach Hamburg. Er ist ein schlagfertiger Mann. Allgemeinplätze, Vorurteile, Stereotypen lösen sich vor ihm in Luft auf. Dennoch brennt mir eine Frage unter den Nägeln, die ich eigentlich aus dem Interview gestrichen hatte. 'Was hat Hans Lorenz, das Giovanni di Lorenzo fehlt?' Di Lorenzo ist ein charmanter Mann, aber in diesem Moment verfinstert sich sein Gesicht. "In mir gibt es nichts von Hans Lorenz. Denn Hans Lorenz existiert nicht." Mit ein wenig mehr Schwung ergänzt er: "Mein deutscher Name hat keinerlei Bedeutung. Das war aber nie ein Hindernis für meine Karriere. Umgekehrt glaube ich aber nicht, dass ein Hans Lorenz eine Chance hätte, sich im italienischen Journalismus zu behaupten."

Ich mache mich auf den Rückweg. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, der Sommer ist zurückgekehrt. Und nach zehn Minuten schüttet es wieder. Im Radio dröhnt Rosenstolz: 'Gib mir Sonne'. Noch kämpft sich der Wagen durch den Regen. Mir kommt eine Frage in den Sinn, die ich ihm noch hätte stellen können. Ob ihm diese Tage auch Spaß machen, an denen der Himmel alle zum Narren hält? Ich bin mir sicher, Giovanni di Lorenzo hätte mit "Ja" geantwortet.

[Interview ursprünglich veröffentlicht: 7. Juli 2009]