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Georges Marion: 'Wer in Frankreich bleibt, glaubt sich im Zentrum der Welt'

Artikel veröffentlicht am 27. September 2007
Artikel veröffentlicht am 27. September 2007
Georges Marion, 64 Jahre, ist französischer Journalist. Als langjähriger Auslandskorrespondent für Le Monde schätzt er die Subjektivität und Relativität seines Metiers.

Georges Marion kommt mit wohl geplanter Verspätung zum Treffpunkt: "Sarah Wiener".

Ein beliebtes Café nahe "Unter den Linden", der geschichtsträchtigen Allee Ost-Berlins, heute politisches Epizentrum der wiedervereinigten Hauptstadt.

Als ehemaliger Le Monde-Korrespondent in Algerien, Afrika, Israel und Deutschland ist er an Interviews gewöhnt. Wie viele hat er selbst geführt? Hunderte, wenn nicht Tausende.

Ein Interview ist für ihn erfolgreich verlaufen, wenn es auch lange nach der Durchführung und Veröffentlichung nicht an Bedeutung verliert.

Misslungen ist es andererseits, wenn es keine neuen Ideen beinhaltet. In diesem Zusammenhang erzählt er von einem Treffen mit dem ehemaligen französischen Präsidenten François Mitterand: "Ich habe mich mit ihm getroffen, wegen eines Buches an dem ich schrieb und er hat mich nur angeschnauzt wegen einiger Artikel, die wir in Le Monde über den politischen Skandal von Vincennes und der 'Rainbow Warrior Affäre' veröffentlicht haben."

Marion, der Skandalöse

Marion schmiert niemandem Honig um den Mund. Seine ersten Schritte als Journalist 1976 macht er bei der Erschaffung von Rouge, der Zeitschrift der trotzkistischen Partei Frankreichs LCR (Ligue communiste révolutionnaire). Nach einigen Erfahrungen als Aktivist in politischen Jugendrubriken und einem Diplom in Soziologie entscheidet er sich, seine Liebe für Worte im investigativen Journalismus einzusetzen.

Zu der Zeit waren die Journalistik-Schulen wenig geschätzt und die Profile der Schreiblinge variierten vom Arzt bis zum Architekten. "Die Soziologie war nicht wirklich mein Steckenpferd. Dafür konnte ich beobachten, den Dingen eine Perspektive geben und wusste soziale Probleme zu lösen. Ich glaube genau das macht einen guten Journalisten aus."

Marion beginnt bei dem Satireblatt Canard enchaîné, wo er seine investigativen Techniken verfeinert, besonders in Bezug auf die Innenpolitik. Als Mitglied der Redaktion von Le Monde macht er auf Missstände in der Regierung aufmerksam. Oft an der Grenze des Gesetzes. Seine Artikel provozieren mehrere politische und juristische Skandale.

"Es sind nicht die gesetzlichen Folgen, die mich interessieren, sondern der Bezug zu den Menschen. Alles ist eine Frage der Ausrichtung. Es bleibt immer ein Teil Subjektivität in unserer Arbeit", sagt er.

Für Marion ist es nicht die Aufgabe eines Journalisten politische oder institutionelle Veränderungen zu provozieren. Es geht um eine Sensibilisierung der Auffassungen. Trotzdem ist ihm bewusst, dass die Artikel in Le Monde über das Abhören von Telefonaten in Frankreich einen positiven Einfluss auf spätere Gesetzgebungen hatten.

Den Horizont erweitern

Durch seine Erfahrungen als Auslandskorrespondent in allen Ecken der Welt, weiß er es zu schätzen, einen Blick von Außen auf die französische Gesellschaft werfen zu können. Als Franzose mit Leib und Seele - in Kultur, Geschichte und nationale Symbolik seines Landes vertieft - ist er schockiert über das Bild so mancher europäischer Nachbarländer auf seine Heimat.

"Wenn man Frankreich nie verlässt, wie soll man erfahren, dass viele Deutsche mit Ironie von 'la grande nation' reden? Diese Erfahrungen lehren uns eine gewisse Relativität. Wer in Frankreich bleibt, glaubt sich im Zentrum der Welt", so Marion.

Marion lebt seit 2001 in Berlin und spricht fließend Deutsch. Er ist aber immer um die richtige Grammatik besorgt. "Wenn man die Sprache nicht spricht, entgeht einem ein Teil der Wirklichkeit. Um die Dinge bewusst wahrzunehmen, muss man die Wirklichkeit der Kultur interpretieren können. Die Wortspiele, Skandale, das Fernsehprogramm, die Hirngespinste."

Es ist bedauernswert, dass die Aufträge eines Korrespondenten immer zeitlich begrenzt sind.

"Die Redaktionen denken: wenn man zuviel gesehen hat, kann man die Dinge nicht mehr mit einem neuen Blick betrachten."

Vorsicht vor Rechts!

Georges Marion bezeichnet sich selbst als Reisenden, als engagierten und aufmerksamen Bürger, sowie als sehr "europäisch". Aber er hat auch seine Zweifel. Für ihn gibt es jeden Tag einen neuen Grund sich für das "Projekt Europa" einzusetzen und jeden Tag einen neuen Grund sich darüber aufzuregen. So sehr Marion das europäische Engagement zur Bekämpfung der Waldbrände in Griechenland begrüßt, so sehr verabscheut er die Unterstützung des katholischen Radiosenders Radio Maryja - bekannt für Extremismus und Antisemitismus -, der von der EU subventioniert wird.

Marion verfolgt die Entwicklung des Rechtsextremismus sehr aufmerksam und ist der Meinung, dass die Konstruktion einer europäischen Identität grundlegend sei, um diese Entwicklungen zu stoppen. "Die europäische Auseinandersetzung mit dem Thema 'Jörg Haider' hat sich bedeutend auf die öffentliche österreichische Meinung ausgewirkt und somit wahrscheinlich auch die dortigen Wahlen beeinflusst", so Marion.

Der Journalist verrät, für die europäische Verfassung gestimmt zu haben und ist zuversichtlich, dass neue Vorschläge den Prozess weiterbringen werden. "Die Politik hat Angst vor Leere", sagt er. Für ihn ist Europa nicht nur politisch, sondern auch historisch und bietet deswegen eine Grundlage, für eine gemeinsame Identität. "Was wir in Europa beobachten können, ist eine Harmonisierung des sozialen Strebens und dessen wirtschaftliche Folgen. Die negativen Effekte des Lohnanstiegs und der sozialen Unterschiede findet man bei Standortverlagerungen nach China oder Indien. Das Wichtigste bleibt die Evolution. Evolution der Entwicklung sowie der Rechte."