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Gentleman: 'Leute sollen CDs brennen, wenn sie wollen'

Artikel veröffentlicht am 12. November 2007
Artikel veröffentlicht am 12. November 2007
"Wir sind klein in dieser jah jah world": Tillman Otto, 32, ist Reggae-Fanatiker und selbsternannter Jamaikaner in deutscher Verpackung.

"Ich kann es immer noch nicht glauben - ich bin sprachlos. Vor einem Monat stand ich mit ihm zusammen auf der Bühne." Gentlemans Gesicht verfinstert sich, als er von dem südafrikanischen Reggae-Giganten Lucky Dube spricht, der am vergangenen 18. Oktober von Autodieben ermordet wurde. Die Stimme des deutschen Reggae-Musikers ist heiser: Gerade hat er in der Nordpariser Konzerthalle 'Zenith' vor 4000 Leuten gespielt. Nun sitzt er in seinem Tourbus - Mütze unter der Kapuze - und versteckt sein Gesicht. "Wir können doch nicht in diesem Teufelskreis an Wahnsinn und Gewalt feststecken. Aber das liegt wohl in der Natur des Menschen."

Frühe Neunziger in Jamaika. Der Teenager Tilmann schmeißt die Schule, um als Backpacker - die Reggae-CDs seines älteren Bruders im Gepäck - durch "die Heimat des Reggaes" zu reisen, Jamaika: der Auftakt zu einer Musikerkarriere, die bereits 13 Jahre andauert und 6 Alben und Hits wie "Intoxication" oder "Serenity" hervorgebracht hat. "Die Musik an sich hat sich nicht verändert. Aber es gibt mehr Gewalt, mehr Bestechung in der Politik. Generationen nach uns wird es wieder besser gehen - wir müssen von unseren Eltern lernen."

Von Köln nach Kingston

Ottos Mutter blieb zu Hause, während sein Vater, der Pastor Hans-Ulrich, seinen Kindern ein Umfeld bot, das Gentleman – mit gesenktem Kopf und beiden Händen flach in der Luft – als stabil bezeichnet. "Ich war frei als Kind. Wenn meine Eltern sagten 'jetzt reicht es', waren sie trotzdem machtlos. Manchmal hatten sie auch Angst. Aber Du musst Dich gegen Deine Eltern durchsetzen, wenn Du ein Kind bist. Das Gras wächst von ganz allein, wie ich gerade selbst feststelle", sagt er in Bezug auf seinen Sohn Samuel. Der Sechsjährige ist schon jetzt großer Beenie Man Fan.

Das 'Gewissen des Bewusstseins', das Otto auf seiner Reise durch Jamaika entwickelt hat, war ein Mix aus Neugier auf die Ursprünge der Musik und ein 'irgendwo Hingehen', um einen anderen Blickwinkel auf die eigene Gesellschaft zu bekommen. Die vielen Produzenten, Einflüsse, die Menge an Kreativität und Studiokapazitäten in Kingston gaben dem damals Siebzehnjährigen die Inspiration, die ihm Deutschland und Europa in Bezug auf eine 'ihm sinnvoll erscheinende' Musik verwehrten. "In Kingston kommst Du nicht drum herum. Sogar der Portier hat etwas mit Musik zu tun. Man muss nur eine ungefähre Vorstellung haben. In Deutschland muss man immer schon exakt wissen, wo man hin will. Dann ist es Ok. Es gibt eine bestimmte Denkweise, die mir nach 10 Jahren im Geschäft aufgefallen ist - Reggae ist nicht mehr so cool. Vielleicht mögen sie in Jamaika nicht unbedingt Shaggy, aber sie sind trotzdem stolz auf seine Musik. In Deutschland zerbrechen sich die Leute zu viel den Kopf."

Kreuz und quer durch Genres und Politik

Es wäre komplett gegen den Reggae, einen Mann einordnen zu wollen, den u.a. der bekannte Video-Producer Ras Kassa als einen "weißen Modell-Europäer" betrachtet, der unter den einheimischen Musikern in Jamaika akzeptiert ist. "Deutscher, Carribbean, Hip Hop, Soul, RnB - ich denke nicht in diesen Kategorien - absolut nicht. Wir alle haben die gleichen Ziele - nur andere Perspektiven. Wir befinden uns im Zeitalter der Globalisierung. Wir müssen auf ein anderes Level - über Deutsch, Französisch und Englisch hinaus - wir sind so klein in der 'jah jah world'." Auch wenn er sich nicht einordnen lassen will, ist Otto sicher, dass er nie ein Album in seiner Muttersprache veröffentlichen würde. "Deutschland ist die Kultur der Philosophen. Ich mag die Bedeutung einiger schöner, einzelner Worte, aber ich kann den Grundtenor der Sprache nicht leiden. Wenn ich auf Deutsch singen würde, könnte ich nicht in 16 Ländern veröffentlichen."

Zu den großen Namen rund um Gentleman gehören der Support Act Ziggi, sein deutsch-koreanischer Schützling Martin Jondo und weitere musikalische Mitstreiter wie Mellow Mark oder Mono & Nikitaman. Gentleman setzt sich außerdem für mehr weibliche Stimme im Reggae ein. Otto, der selbst als Background-Sänger bei Freundeskreis begann, überlässt seinen drei Hintergrundsängern schonmal die Bühne - unter ihnen auch seine Langzeitfreundin Tamika von der Far East Band.

"Ich lebe für meine Live-Auftritte", sagt Gentleman trotz einer Industrie in der Krise. "Die Leute sollen CDs brennen, wenn sie wollen. Die Menschen in Südamerika zum Beispiel hätten nicht mal Musik, wenn es das Internet nicht gäbe – aber wir müssen einen Weg finden, wie Künstler überleben können." Mit diesen gold-rot-grün-schwarzen Möchtegern-Reggae-Produkten und Dreadlocks hatte er nie etwas am Hut. "Das ist oberflächlich. Reggae sieht man einem nicht an, es steckt in Dir. Leute denken immer an dieses Klischee: feiner Sandstrand, Palmen, Rum trinkend und diese friedliche Sonnenschein-I shot the Sheriff-Musik", witzelt er und beginnt zu singen. "Reggae ist sozial und politisch. Rebellisch - mit Sonnenschein hat er jedenfalls nichts zu tun."

Where the sun don't shine

Nicholas Sarkozy - zweimal fällt der Name während seines Konzerts und sein Publikum flippt förmlich aus. Immerhin wurde Gentlemans Auftritt um einen Tag verschoben, nachdem ganz Frankreich während eines 24-Stunden-Streiks lahmgelegt war. "Das ist wegen des Deals, den er angezettelt hat", sagt Gentleman in Bezug auf den französischen Präsidenten. "Gaddafi. Von einem demokratischen Standpunkt aus gesehen, ist äußerst gefährlich - wo soll das hinführen? Man sieht den Mann ständig im Fernsehen - und ich werde das Gefühl nicht los, dass er ein echt guter Schauspieler ist - und seine Art zu sprechen…." Auch an Angela Merkel lässt Tilmann Otto kein gutes Wort. "Sie ist eine ziemlich fantasielose Frau mit einigen guten Ideen. Aber sie ist künstlich, irgendwie machtlos. Aber gleichzeitig habe ich es satt, über Politiker herzuziehen. Das ist zu einfach."

Den "Merkozy-Argumenten" zum Trotz sieht Gentleman die Türkei innerhalb der EU. "Es ist eine sehr heikle Sache, aber wir sollten definitiv in diese Richtung denken." Im Juni 2005 hat er zusammen mit dem türkischen Musiker Mustafa Sandal die Single "Isyankar" aufgenommen. Bei einer Folge Wetten, dass…?! erzählt Sandal, dass er ursprünglich gar nicht wusste, wer Gentleman war. Und dass es sofort 'Klick' gemacht hatte, als das ungleiche Paar sich in Istanbul traf - eine Stadt, die Tilmann Otto neben Lissabon besonders schätzt, sagt er. "Ich habe in der Türkei mit einem Helden zusammengearbeitet. Ich habe den Sound gefühlt und gedacht Ok, lass uns etwas machen. Es war genial für die Immigration, die Kommunikation. Danach habe ich in einem türkischen Restaurant einen Döner bestellt und der Mann sagte - Hey, Du bist Gentleman, Du hast doch das Lied mit Mustafa zusammen gemacht - der Döner geht aufs Haus!."

Gentlemans Köln-Tipps

Freitags im Petit Prince, Hohenzollernring, Nähe Friesenplatz. Die haben ein enormes Sound System – und ständig Jam Sessions – seit über 10 Jahren.

Volksgarten und afrikanische Trommeln im Sommer.

Gentleman auf Europa-Tournee: Deutschland (3., 14., 15., 17., 19., 20., 26., 27., 28. November), Österreich (21. November), Tschechien (23. November), Polen (25. November) Holland (28. November)

Fotos Homepage und Intext: (Werner Kruschke/ Four Music Productions), Videos: Gentleman mit 18 (gust87/ Youtube), Serenity (Anotherintensity/Youtube)