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Geistreiche Genitalien aus dem Kopenhagener 'Kussomat'

Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2011
Fällt nun die letzte Grenze nordischer Prüderie? Kussomat bedeutet – für diejenigen, die des Dänischen nicht mächtig sind – „Vaginale (Foto)Kabine“ und steht für ein Projekt, mit dem das weibliche Körperbewusstsein gesteigert werden soll. Gefördert wird das Vorhaben vom K. Vinders Fond. Ins Leben gerufen wurde es anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. Mai im Kopenhagener Goetheinstitut.

Warum sollte man eine Fotokabine bauen, um Bilder der eigenen Kusse („Scheide“ auf Dänisch) aufzunehmen? Die Dänen sind wohl so sexbesessen. Deshalb sollte es eigentlich nicht überraschen, dass ihnen die Idee einer 'vaginalen' Fotokabine kam. Sie sind alles andere als Anfänger, wenn es darauf ankommt, Sexualität für anderweitige Zwecke einzuspannen. Man erinnere sich an die Karen-Affäre von 2009, als eine alleinstehende Mutter via YouTube nach dem Vater ihres Kindes suchte. Später wurde die Videobotschaft als Marketingtrick des dänischen Tourismusbüros aufgedeckt…

Drei Jahre zuvor zog eine Kampagne für Straßensicherheit Aufmerksamkeit auf sich, bei der hübsche, barbusige Mädels an der Straßenseite Schilder mit Geschwindigkeitsbegrenzungen hoch hielten. Die Ethik des Projekts mag fraglich sein, doch sein Zweck ist überzeugend. Die Kussomat-Aktion von 2011 hat allerdings nichts mit alldem zu tun. Beate Detlefs ist Mitglied der Stiftung K. Vinders Fond, die das Bewusstsein für Frauenthemen und deren Verbreitung steigern will. (Kvinder bedeutet „Frauen“ auf Dänisch.) In ihrer Rolle als Projektförderin erklärt sie, die Vaginakabine sei von Frauen für Frauen gebaut worden.

cafebabel.com: Beate, um was genau geht es beim Kussomaten?

Beate Detlefs: Seit 1975 veröffentlicht der K. Vinders Fond regelmäßig ein Buch mit dem Titel Frau, kenne deinen Körper (Kvinde kendo din Krop). Letztes Jahr wollten wir etwas Besonderes mit dem Buch machen und uns kam die Idee, eine Fotokabine für weibliche Geschlechtsteile zu bauen. Mit der Fotosammlung wollen wir Frauen besser mit ihrem eigenen Körper vertraut machen. 

cafebabel.com: Ist so eine postsexuelle Bildung im 21. Jahrhundert denn noch notwendig?

Beate Detlefs: 2010 hat eine Studie des dänischen Verbands für Familienplanung (Sex and Samfundet) gezeigt, dass 29 % der jungen Frauen der Umfrage sich in ihrem eigenen Körper nicht wohlfühlen, besonders nicht mit ihren Geschlechtsteilen. Viele junge Frauen glauben, dass sie hässlich sind oder anormal, weil die Fotos, an denen sie sich orientieren und die sie etwa im Internet finden, oft retuschiert sind oder Frauen zeigen, die sich Schönheitsoperationen unterzogen haben. Es ist widersinnig, dass eine Frau über einen Eingriff nachdenkt, nur weil sie nicht weiß, wie unterschiedlich weibliche Körper wirklich sind. Deshalb wollen wir den jungen Frauen mit Hilfe des Kussomaten zeigen, was sonst verborgen ist. Anders als männliche Geschlechtsteile, die sichtbarer sind, sind weibliche Genitalien schwieriger zu begreifen, da sie versteckt bleiben. Das Projekt soll das Bewusstsein für unsere sexuelle Morphologie fördern, ebenso wie deren Anerkennung, denn unsere Morphologie ist divers und deshalb nicht automatisch anormal oder krank. Wir sind überzeugt, dass junge Frauen angesichts von dieser ganzen Vielfalt Vertrauen in sich selbst und in ihre Sexualität wiedergewinnen können. 

cafebabel.com: Wer hat den ersten Kussomaten gebaut?

Beate Detlefs: Wir hatten eine Annonce in der Projekt-Datenbank der Ingenieursfakultät an der Universität Kopenhagen geschaltet. Es dauerte nicht länger als zwanzig Minuten, bis sich jemand für die Aufgabe meldete! Der Kussomat wurde von vier enthusiastischen weiblichen Ingenieursstudentinnen gebaut, die sich richtig ins Zeug legten und die Kabine in nur drei Wochen fertigstellten.

cafebabel.com: Wie fiel die öffentliche Reaktion aus?

Bitte lächeln... Beate Detlefs: Manche bezeichneten uns als Durchschnittsfeministinnen, die der sagen wir mal ‚üppigen Leistengegend‘ der Siebziger nachtrauern. Das trifft aber nicht zu: In der Fotosammlung sieht man ebenso rasierte wie unrasierte Vaginen. Das Problem ist nicht die Rasur selbst, sondern vielmehr die psychologischen Probleme, die durch sie  entstehen. Doch die allgemeine Reaktion war positiv. Für den 8. März sammelten wir siebzig Fotos, wobei die teilnehmenden Frauen von außerhalb des Goetheinstituts kamen. Weitere siebzig Fotos haben wir aufgenommen, als wir die Kabine in der medizinischen Fakultät hier in Kopenhagen aufstellten. Die dänischen Medien erwähnten uns oft und witzelten über uns, klar! Aber die eigentliche Botschaft ist draußen. Es ist ein gewisses Respektgefühl für unsere Sache entstanden. Jetzt kommen sogar ausländische Medien auf uns zu. So eine Bekanntheit hätten wir nie erwartet!

cafebabel.com: Werden die Kussomaten auf Tour gehen?

Beate Detlefs: Ja und nein. Im Juni nehmen wir am Roskilde Festival teil, aber die Kabine, die wir dafür gebaut haben, ist aus billigem Material und ziemlich zerbrechlich. Wir wissen nicht einmal, ob sie Regen standhalten würde. Ich bekam auch ein Angebot aus San Francisco, aber mit den Kussomaten auf Tour zu gehen hat jetzt erst mal keine Priorität für uns. Wir wollen unser kleines Budget lieber für andere Projekte verwenden. Die Idee wurde veröffentlicht, gut aufgenommen und hat Wirkung gezeigt, das ist das Wichtigste. Vergleich mal: Das Ziel, das wir uns ursprünglich gesetzt hatten, waren hundert Fotos! Ein paar Herren haben uns sogar gebeten, eine ähnliche Kabine für Männer zu bauen… 

cafebabel.com: Das wäre dann ein „Pikomat“, richtig?

Beate Detlefs: Ja. Aber unsere Antwort lautete, sie sollen ihn selbst bauen…

Hier geht es zu einer Comic-Version eines Pikomaten von der dänischen Tageszeitung Politiken und zu den Kussomaten-Bildern auf der Vereinswebseite.

Foto: ©Beate Detlefs