Lifestyle

Gegisch oder Toskisch? Identitätskrise im Kosovo

Artikel veröffentlicht am 19. März 2008
Artikel veröffentlicht am 19. März 2008
Die Mehrheit der Kosovaren spricht Gegisch, aber offiziell dominiert das Toskische. Migjen Kelmendi, ehemaliger Rockstar und Herausgeber der Zeitung 'Java' diskutiert die nationale Identitätskrise.

Im Kosovo definiert sich niemand als Kosovare. Man bekommt dort nur Aussagen wie "Ich bin Albanier" oder "Ich bin Serbe" oder sogar "Ich bin Ashkali" zu hören. Auf einen Westeuropäer, der frisch in Priština angekommen ist, kann eine solche Aussage sehr verunsichernd wirken. Was ist eigentlich das Kosovo?

Migjen Kelmendi hat zu diesem Thema seine ganz eigene, recht unkonventionelle Idee. Sein eigener Werdegang ist bereits unkonventionell: Vom Rockstar in Zeiten des Kommunismus wird er in den achtziger Jahren Journalist. Als Gegner des Miloševi-Regimes flieht er aus dem Kosovo, als das Land von der Nato bombardiert wird. Bei seiner Rückkehr bietet man ihm die Leitung des RTK, des öffentlichen kosovarischen Fernsehsenders an. Dort bleibt er nur ein Jahr und gründet daraufhin seine eigene Zeitung: Java - natürlich ein Oppositionsblatt.

Eine geächtete Sprache

Aber wogegen lehnt er sich auf? Gegen den albanischen Nationalismus. Gegen die Zensur der Presse. Und vor allem gegen die Unterdrückung des gegischen Dialekts. "Was niemand weiß, ist, dass wir im Kosovo alle Gegisch sprechen. Das ist einer von den beiden Dialekten, aus denen sich die albanische Sprache zusammensetzt", erklärt der Journalist. "Aber alle Zeitungen sind im anderen Dialekt, dem Toskischen geschrieben. Und warum? Ganz einfach deshalb, weil das besser wirkt. Während der gesamten Zeit des Kommunismus haben die Kosovaren versucht, Albanien zu imitieren. (A.d.R.: Dort wird zwar überwiegend Gegisch gesprochen, offizielle Sprache ist aber aus historische Gründen das Toskische.) Man tut das, um sich mit etwas zu identifizieren", erklärt dieser passionierte und kultivierte Mann, der 2007 den Pressefreiheitspreis der Reporter ohne Grenzen für seine auf Gegisch erscheinende Zeitung gewann. Darauf ist er stolz.

Hören Sie beide kosovarische Dialekte:

Gegisch: Hallo, wie geht es Dir?

Toskisch: Hallo, wie geht es Dir?

Seitdem das Blatt 2001 zum ersten Mal erschien hat Migjen Kelmendi Einschüchterungen und Druck erfahren müssen. Er wurde als Verräter an der albanischen Sache beschimpft. "Die gegische Sprache wird heute geächtet", fährt er fort. "Diese Zurückweisung ist nicht unbedeutend. Man versucht das Bild eines einheitlichen albanischen Volkes zu zeichnen, das eine einzige Identität besitzt. Aber das entspricht nicht der Realität, sondern einer nationalistischen Wahnvorstellung: Man glaubt an ein albanisches Großreich oder an ein längst vergangenes Goldenes Zeitalter.

Wie 1945

Gegen genau diese Nationalisten kämpft Migjen Kelmendi an: "Diese Menschen ertragen keine Unterschiede, sie mögen 'das Andere' nicht. Doch wir, die Albaner, sind nicht allein im Kosovo, auch wenn wir von einer zu 90 Prozent Albanisch-sprachigen Bevölkerung umgeben sind. Man kann nicht einfach einen kosovarischen Staat auf der Grundlage eines ethnischen Modells errichten", erklärt er und träumt von einem Vielvölkerstaat. Von einem Kosovo, indem das Zugehörigkeitsgefühl nicht auf der Gemeinschaft basiert, sondern auf einer Loyalität gegenüber dem Staat, der sich all seinen Bürgern verpflichtet fühlt. "Wir brauchen eine Gesellschaft, die auf gemeinsamen Werten basiert."

Um sein Anliegen zu erläutern, greift Migjen Kelmendi auf ein Beispiel zurück, das für Westeuropäer hohen Symbolwert besitzt: "1945 war es in Deutschland unmöglich, den Begriff 'Nationalismus' zu gebrauchen. Dennoch musste der deutsche Staat wieder aufgebaut werden. Wir müssen hier das Gleiche tun: Wir müssen ein staatsbürgerliches Gefühl entwickeln und die verschiedenen Formen des Nationalismus, die den Kosovo spalten, entmystifizieren."

Der Journalist ist zuversichtlich: "Es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten, dass sich die Denke der Menschen in diese Richtung entwickelt", sagt er. "Dies sieht man zum Beispiel an der Flagge des zukünftigen Kosovo. Es wurde ein Wettbewerb organisiert, bei dem das zukünftige Symbol des Kosovo-Staates gezeichnet werden sollte. Denn das heutige Symbol, was man überall zu sehen bekommt, ist ein albanisches. Für die Nationalisten ist ein derartiger Wettbewerb ein Verbrechen: Majestätsbeleidigung. Jedoch haben nicht weniger als 1000 Personen daran teilgenommen! Für den Kosovo ist das wichtig."

Beruf: Provokateur

Er erinnert auch an die schwache Zustimmung für die nationalistische Partei: Sie liegt mit ihren Ergebnissen unter einem Prozent. "Ein wichtiger Punkt ist, dass, auch wenn der Plan Ahtisaari (A.d.R.: Das Interview fand vor der Unabhängigkeiterklärung vom 17. Februar statt) auf internationalem Niveau noch diskutiert wird, das kosovarische Parlament schon mit der Ratifizierung begonnen hat.

Für Migjen Kelmendi geht es auch darum, die Machthaber in Belgrad zu bekämpfen: Boris Tadi und Vojislav Koštunica (Präsident, bzw. Premierminister von Serbien), die "nichts als eine Kopie Miloševis sind. Sie benutzen die Serben im Kosovo als politisches Mittel. Diese werden von dem, was hier passiert, ausgeschlossen, während in der neuen Verfassung, die bald geschaffen wird, die Rechte der Serben respektiert werden. Sie werden im Parlament vertreten sein.

Zu guter Letzt will der Intellektuelle, Musiker und Journalist sich wieder für den Kanon der albanischen Kultur einsetzen: "Ich habe nie den Beruf gewechselt", beendet er seine Ausführungen. "Ich habe immer Grenzen verschoben und Fragen gestellt: Ich bin Provokateur." Provokateur ja, aber für eine gute Sache.

Migjen Kelmendi und seine Rockband 'The Traces'

Danke an Albert Salarich und Shpresa Bushi-Cadot