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Fußball, "das größte Verbrechen Englands"

Artikel veröffentlicht am 16. September 2008
Artikel veröffentlicht am 16. September 2008
Die Königsdisziplin des Sports erhitzt die Gemüter: Heiß geliebt und tief verhasst. Dazwischen gibt es fast gar nichts.

„Das kann doch nicht das Resultat der hunderttausendjährigen Entwicklung der menschlichen Intelligenz sein?!“ So radikal zeigen sich die Fußballgegner und Autoren der Website nodo50.com. An eben dieser Stelle ist folgendes Manifest der Antifußball-Liga zu lesen: „Nein zum Fußball. Nein zur Langeweile. Zwei richtige Eier sind besser als ein Ball.“ Googelt man die Begriffe hate football tun sich viele Seiten zur psychologischen Unterstützung der Fußball-Hasser auf. Mit dem Internet scheinen sie einen Weg gefunden zu haben, sich gegen den Fußball und seine Fans auszusprechen. Außerhalb des World Wide Web ist es schier unmöglich, Gleichgesinnte in Verbänden oder Organisationen zu finden, die sich offen gegen den Fußball aussprechen. Vielleicht auch deshalb, weil man das System des Fußballs ganz aus der Nähe beobachten und von innen heraus angreifen sollte: Quasi den Feind zu Hause schlagen.

Der allgegenwärtige Feind

Vielleicht ist es einfacher gänzlich auf den Fußball zu pfeifen, als ihn öffentlich anzugreifen. Aber, kann man diesem Sport überhaupt aus dem Weg gehen? Am Wochenende ganz sicher nicht. Überall im Radio, Fernsehen, Netz oder in den Zeitungen werden wir im Sekundentakt mit den neusten Schlagzeilen erschlagen: Ergebnisse, Aufstellungen, Transfers, Rücktritte, Verletzungen. Allerdings hilft die Technik auch dabei, die Utopie, sich tatsächlich von Fußball & Co. isolieren zu können, zur Realität zu machen. Vor nicht allzu langer Zeit traf man die Spezies ´Fußball-Fan` noch am Strand, auf der Straße, im Park - also an wirklich jedem nur erdenklichen Ort. Mit dem Transistor am Ohr des Fans, konnte jeder im Umkreis von zehn Kilometern das Sonntagsspiel mehr oder weniger freiwillig verfolgen. Ab und denn unterbrachen frenetische „Toooooooooooooooooooooooor“-Rufe die Spiel-Übertragungen.

Der Fußball-Gegner Juan Ensucho bringt in seinem Blog ein Argument nach dem anderen hervor, damit die Menschen diese „schmachvolle“ Angewohnheit aufgeben. Er ist - wie er selbst meint - dieser Sportdisziplin gegenüber zu größtem Dank verpflichtet: Während sich all die langweiligen Fußball-Fans dem Spiel hingeben, kann er sich mit deren verlassenen und stehengelassenen Frauen mondäneren Aktivitäten widmen. Er rechtfertigt gar einen weltweiten Kreuzzug gegen den „Ball“. Er schlägt vor, aus jedem einzelnen, auf der Welt existierenden Ball die Luft herauszulassen. Und außerdem habe selbst schon eine Koryphäe der spanischen Literatur - der Argentinier Jorge Luis Borges - erkannt, dass der Fußball nichts mit echter Männlichkeit zu tun habe. Stattdessen erkannte er, „dass der Fußball beim Volk so beliebt ist, weil das Volk die Dummheit liebt.“ Borges hielt seinen Fußball-Hass nicht zurück als er sagte: „Der Fußball ist das größte Verbrechen Englands.“

So schlecht ist er doch nicht

Foto: wikipediaFußball ist nicht überall gleich Fußball. In Afrika und in anderen Entwicklungsländern steht der Fußball auch für Hoffnung. Ein Mittel, das es tausenden Menschen ermöglicht an die Vision zu glauben, dass „eine andere, bessere Welt möglich ist“. In dem stark emotiven Buch der senegalesischen Schriftstellerin Fatou Diome Der Bauch des Ozeans (Diogenes 2004), lernen wir junge hoffnungslose Senegalesen kennen, die Alles daran geben, Fußballprofis zu werden und in europäischen Klubs spielen zu können. Ein Traum, der sich manchmal in einen bitteren und erniedrigenden Alptraum verwandelt.

Wir sind mit Borges einverstanden, wenn er sagt, dass der Fußball nichts mit Männlichkeit und Mumm zu tun hat. Im faszinierenden und magischen Iran haben die Frauen jedoch verschiedene Wege und Bewegungen hervorgebracht, die es ihnen erlauben überhaupt Fußball spielen und den Spielen der männlichen Mannschaften zusehen zu dürfen. Vielleicht dreht der iranische Regisseur Abbas Kiarostami einen völlig absurden Film, ohne genauen Fokus über die iranischen Frauen und ihren Fußball. - Als Symbol der Nähe der Kulturen in dieser globalisierten Welt. Und was allgemein gilt, gilt auch für den Fußball: Verbote führen zu Forderungen. Und Zwänge zu Rebellion.