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Frühling der Bourgeoisie: die goldene Jugend Casablancas

Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 22. Mai 2014

Der an­ge­sag­tes­te Nacht­club der Stadt liegt gleich neben einem ur­al­ten Slum: Ca­sa­blanca ist eine Stadt vol­ler Kli­schees und Widersprüche. Die reiche, gol­de­ne Ju­gend der Stadt ver­kör­pert die so­zia­len Risse eines gan­zen Lan­des. Eindrücke aus der Welt des Prot­zes zwi­schen Exis­tenzängs­ten und teuerstem Wodka.

 Je näher man der Bar kommt, desto dunk­ler wird es. Ein paar Mä­dels mit hohen Pumps wie­gen die Köpfe zu den Klän­gen von Loun­ge­mu­sik und zie­hen an ihren Zi­ga­ret­ten. Wei­ter hin­ten an den re­ser­vier­ten Ti­schen für be­tuch­te Stamm­gäs­te, be­stel­len zwei Mä­dchen mit einem Wein­glas in der Hand Essen, das sie nicht an­rüh­ren wer­den. Jungs in An­zü­gen und Mä­dels in Bus­tier­klei­dern ma­chen sich auf den Weg zum Ne­ben­raum, wo der DJ gleich sein De­ep-hou­se-Set auf­le­gen wird. 

der sohn des pre­mier­mi­nis­ters in Trains­pot­ting

Ein nor­ma­ler Jeu­deep-Abend in Ca­sa­blanca. Die Sky­bar mit Meer­blick emp­fängt ihre Stamm­gäs­te. Junge Erben, Kids be­tuch­ter El­tern, rei­che Aus­sied­ler und ein paar Mo­dels, zei­gen sich hier. Simo Sajid kennt diese gol­de­ne Ju­gend Ma­rok­kos nur zu gut. Er ist der­je­ni­ge, der die Schi­cke­ria der Wirt­schafts­me­tro­po­le jeden Don­ners­tagabend im an­ge­sag­ten Lokal Naïda zum Tan­zen bringt. Mit Hals­ket­te und Arm­bän­dern aus Holz­per­len, äh­nelt der 39-jäh­ri­ge DJ einem Guru. Simo alias See­jay hat in die­sem Mi­lieu viel Ein­fluss. Neben der Sky­bar mischt er als Haus-DJ im 25, einem an­de­ren Hot­spot der ver­wöhn­ten Ju­gend.

Er selbst ge­hört zu jener Elite. Sajid ist auch der Fa­mi­li­en­na­me von Mo­ham­med, dem Bür­ger­meis­ter von Ca­sa­blanca, der sei­n Onkel ist. Sein Vater steht an der Spit­ze eines Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mens mit so­li­den Fir­men im Tex­til- und Im­mo­bi­li­en­be­reich. „Ich war zum Fir­men­chef ge­bo­ren. Und das war ich auch zehn Jahre lang. Ich wurde vom DG (Di­rec­teur Général, Ge­ne­ral­di­rek­tor; Anm. der Re­dak­ti­on) zum DJ", er­klärt er mir und schaut mich über den Rand sei­ner Son­ne­nbril­le an.

Wir fah­ren mit sei­nem Audi A6 durch die Stadt. Simo denkt lange nach, bevor er die gol­de­ne Ju­gend Ca­sa­blan­cas be­schreibt. Mit Zi­ga­ret­te im Mund ver­sucht er es auf den Punkt zu brin­gen. „Sie fühlt sich ein­ge­engt", meint er. Wir fah­ren durch die Stra­ßen des Vier­tels Anfa, dem 4. Be­zirk der Stadt. Pal­men, rie­si­ge Por­ta­le, fast wie Be­ver­ly Hills. „Die gol­de­ne Ju­gend von Ca­sa­blan­ca mag es nicht, wenn man über sie spricht", fährt er fort und nimmt eine schar­fe Kurve, „die Men­schen wer­den mit sich selbst nicht fer­tig." Es ist kein Ge­heim­nis, dass sich die junge und jung ge­blie­be­ne Bour­geoi­sie haupt­säch­lich über Geld de­fi­niert. Große Schlit­ten, Par­tys ohne Ende, maß­lo­se Wod­ka-Trin­ker, Es­kort­girls... die Kli­schees ent­spre­chen der tat­säch­li­chen Maß­lo­sig­keit. „Kannst du dich an den Satz aus Train­spot­ting er­in­nern? 'Choo­se life. Choo­se a job. Choo­se a ca­reer. Choo­se a fa­mily'... genau das ist es."

Der Film Ma­rock (2005) von Laïla Mar­rak­chi, gab dem gan­zen Land Ein­blick in die Ex­zes­se der ver­zo­ge­nen, rei­chen Ju­gend von Ca­sa­blan­ca. Im Film geht es um Dro­gen, hem­mungs­lo­sen Sex und Au­to­wett­ren­nen. Im Kiel­was­ser des Spiel­films wird viel po­le­mi­siert. Beim 8. na­tio­na­len Film­fes­ti­val in Tan­ger ver­lor ein Jour­na­list mit­ten in der Pres­se­kon­fe­renz die Ner­ven und be­schimpfte die ma­rok­ka­ni­sche Fil­me­ma­che­rin. Sie habe das Leben der wohl­ha­ben­den Ju­gend in Szene ge­setzt, wäh­rend vor den Türen der Vil­len 6,3 Mil­lio­nen Arme täg­lich ums Über­le­ben kämp­fen. Die An­ek­do­te schil­dert mir Sonia Ter­rab. Sie ist selbst Jour­na­lis­tin und Au­to­rin des Ro­mans Sha­ma­blanca. Die knapp 30-jäh­ri­ge junge Frau aus wohl­ha­ben­dem Haus kommt aus der Stadt Me­knes wei­ter im Lan­des­in­ne­ren. Sie hat sich mit die­sem Roman über das ex­zes­si­ve Leben der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on selbst den Zorn ihres ei­ge­nen Fa­mi­li­en­klans zu­ge­zo­gen. Warum? Weil ich die Wahr­heit ge­schrie­ben und immer wie­der wie­der­holt habe." Oder an­ders ge­sagt, sie hat über eine Ju­gend ge­schrie­ben, die Angst vor ihrem ei­ge­nen Schat­ten hat und ver­sucht den Schein zu wah­ren. „Sie er­in­nert mich an die Ju­gend der Upper Class in den USA der 50er Jahre"setzt Sonia fort, „an jene Ju­gend, die kurz vor der se­xu­el­len Re­vo­lu­ti­on von allem pro­fi­tier­te, al­ler­dings immer nur im Ge­hei­men."

Trai­ler des Films Ma­rock, von Laïla Mar­rak­chi (2005)

"der wolf der Wall Street, nur ohne koks"

Anis trinkt in der Sky­bar nicht. Er ist ein­fach nur hier, um „ein Glas Cola zu trin­ken und gute Musik zu hören." Er trägt einen schwar­zen Anzug, rosa Hemd und ein pas­sen­des Steck­tuch. Der Jung­un­ter­neh­mer lebt zwi­schen Paris und Ca­sa­blan­ca. Im 16. Pa­ri­ser Be­zirk ist er dabei Notar zu wer­den. In Ca­sa­blan­ca ver­kauft er Lu­xus­kron­leuch­ter. Er atmet ein paar Mal tief durch, bevor er seine Mei­nung zur uns um­ge­ben­den Scham­lo­sig­keit ab­gibt. „Ganz ehr­lich, 60 Pro­zent der Leute hier ar­bei­ten nie, son­dern leben vom Reich­tum ihrer El­tern."

Als uns Anis El Hamzi um nächs­ten Tag in sei­nem Show­room Cris­to­lux im halb­schi­cken Vier­tel Mers Sul­tan emp­fängt, ist er ge­nau­so tau­frisch wie am Vor­tag. Gut ra­siert und in Ar­ma­ni-An­zug, steigt Anis in sei­nen Re­nault: „Ich hätte mir einen Pan­ame­ra leis­ten kön­nen, aber ich glau­be ihr habt schon ver­stan­den, dass ich kein An­ge­ber bin. Ich in­ves­tie­re lie­ber in meine Ge­schäf­te." Seine Ge­schäf­te haben es ihm er­mög­licht, eine 650 000 Euro teure Villa un­weit des Kö­nigs­pa­las­tes für ihn und seine Mut­ter zu kau­fen. Wäh­rend er uns sein An­we­sen zeigt, be­tont der junge Fir­men­chef immer wie­der, dass ihm seine Fa­mi­lie Werte mit­ge­ge­ben hat, die völ­lig kon­trär zu jenen der pri­vi­le­gier­ten, ver­wöhn­ten Kin­dern rei­cher Leute sind: „Ar­beit, Am­bi­ti­on und Wis­sen." Er meint 50 Pro­zent sei­nes Er­fol­ges sei­ner Er­zie­hung zu ver­dan­ken. Die an­de­ren 50 Pro­zent ver­dan­ke er Frank­reich. Seine Vor­bil­der? „Sar­kozy, Valls, Xa­vier Niel", aber auch Jor­dan Bel­fort, der von Leo­nar­do Di Ca­prio ge­spiel­te Tra­der. „Weißt du, ich kann mich gut mit dem Wolf der Wall Street iden­ti­fi­zie­ren. Nur ohne Koks und An­ge­be­rei." Anis El Hamzi de­fi­niert sich mit einem Zitat, das an der Wand sei­nes Wohn­zim­mers hängt: „Think Rich, Look Poor".

im gol­de­nen Käfig

In Wahr­heit steht Anis mit sei­ner Wer­bung für die Kul­tur des Self-ma­de Man ziem­lich al­lei­ne da. In Ca­sa­blan­ca ist Kon­for­mis­mus die Norm, ge­fes­tigt von allen Fa­cet­ten einer Mon­ar­chie. Ver­giß nicht, dass wir hier in einem Land sind, in dem der König von der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on noch wie ein Rock­star ver­ehrt wird", meint Anis und beißt ge­nüss­lich sein Va­nil­le-Eclair. „Und er ist auf Le­bens­zeit ge­wählt." Im ech­ten Leben sieht der All­tag der gol­de­nen Ge­ne­ra­ti­on so aus: „Ver­rei­sen um zu fei­ern und zu­rück­kom­men um zu tun, als ob man im Fa­mi­li­en­be­trieb ar­bei­ten würde", fährt Simo fort. „Und für die Mä­dels heißt es immer noch: finde einen Job, aber finde vor allem einen be­tuch­ten Ehe­mann." Und Sonia meint ab­schlie­ßend: „Wenn ich mich mit den jun­gen Pri­vi­le­gier­ten zu­sam­men­set­ze, um über Ge­sell­schafts­the­men zu dis­ku­tie­ren, stel­le ich immer wie­der fest, dass sie we­sent­lich ver­schlos­se­ner sind als ihre El­tern."

Wie lau­tet die An­kla­ge­? Nicht etwa Pri­vi­le­gi­en oder Ko­ma­trin­ken wer­den an­ge­pran­gert, son­dern viel­mehr die Tat­sa­che, dass ein Teil der Be­völ­ke­rung die fi­nan­zi­el­len Mit­tel für Ver­än­de­rung und so­zia­les En­ga­ge­ment hat, aber nichts der­glei­chen tut. „Ich er­war­te von ihnen Of­fen­heit. Ich er­war­te von ihnen, dass sie sich be­trof­fen füh­len, weil viele von ihnen im Aus­land ge­lebt haben und etwas bei­tra­gen kön­nen. Die jun­gen Rei­chen waren in vie­len Län­dern die An­triebs­kraft für Ver­än­de­rung. In Ma­rok­ko ist das nicht der Fall"fährt Sonia fort. In Ca­sa­blan­ca, wo der hipps­te Nacht­club gleich neben einem der 500 Slums der Stadt liegt, bleibt Igno­ranz das Schlüs­sel­wort, wenn es darum geht, die Be­zie­hung der rei­chen Kids zur Au­ßen­welt zu be­schrei­ben. „Es gibt eine phy­si­sche Gren­ze"er­klärt Sonia hin­ter einer Rauch­wol­ke, „und diese Gren­ze ist die ge­schlos­se­ne Fenster­schei­be." Anis sticht wie­der aus der Masse. Er hilft den Armen die­ser Stadt, spen­det „eine ge­wis­se Summe" an Men­schen mit Be­hin­de­rung der 111 500 Fa­mi­li­en, die die Ar­men­vier­teln be­völ­kern. Anis ist über­zeugt, dass wir dank die­ses Kon­tras­tes zu einem der 10 sta­bils­ten Län­dern der Welt ge­hö­ren." In den Köp­fen der gol­de­nen Ge­ne­ra­ti­on, scheint Ma­rok­ko al­ler­dings ein un­ver­ständ­li­ches Land zu sein, wo sich das Leben der Rei­chen laut Sonia dar­auf be­schränkt, „zwi­schen meh­re­ren Stüh­len zu sit­zen und das auch noch kom­for­ta­bel zu fin­den. Oder auch nicht."

Die­ser ar­ti­kel ist teil der SPE­ZI­AL­AUS­GA­BE « EU­RO­MED RE­POR­TER » IN Ca­sa­blan­ca. cafébabel Ar­bei­tet hier in ko­ope­ra­ti­on mit iwatch und der stif­tung anna Lindh. bald fin­det ihr alle ar­ti­kel der «EU­RO­MED RE­POR­TER » auf seite eins des ma­ga­zins.