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Frauenfußball-WM 2011: Kick it like Prinz!

Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 28. Juni 2011
Was ist, wenn Frauenfußball-WM ist, und keiner schaut hin? Dieses Szenario ist dieses Jahr nicht mehr zu befürchten. Nicht Spielerfrauen, sondern spielende Frauen stehen 2011 im Mittelpunkt des fußballerischen Interesses, und dieses Interesse wird von Jahr zu Jahr größer. Vor allem in Deutschland, dem Austragungsland der diesjährigen Spiele, erfährt der Sport einen enormen Boom.

16 Teams werden in den kommenden drei Wochen beim FIFA Women’s World Cup 2011 um den Weltmeistertitel kämpfen. Seitdem 1894 in England mit den „British Ladies“ das erste offizielle Frauenfußballteam gegründet wurde, hat sich einiges getan. Mitte der fünfziger Jahre wurde in Deutschland der Frauenfußball mit der Begründung: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand“ offiziell verboten. Dieses Verbot sollte erst 1970 wieder aufgehoben werden.

Heute ist die deutsche Frauenfußballnationalmannschaft neben den USA das erfolgreichste Team der Welt. Zwei WM-Titel, siebenfacher Europameister und noch ein weiterer Superlativ: Deutschland ist das bisher einzige Land, das mit der Männer- und auch Frauen-Nationalmannschaft Fußballweltmeister und Europameister wurde. Absoluter Star der Mannschaft ist Rekordnationalspielerin und -torschützin Birgit Prinz, die 2003 auch Torschützenkönigin bei der Weltmeisterschaft wurde. Die deutsche Auswahl ist zweifacher und amtierender Weltmeister und siebenfacher Europameister. Gute Voraussetzungen also, dass die WM nicht nur in Deutschland mehr und mehr das Interesse der Zuschauer weckt.

Sex sells

Die Fußballfrauen im PlayboyDie Pläne sind groß: Mit der diesjährigen Weltmeisterschaft soll der Frauenfußball endlich aus seinem Schattendasein treten. Zum ersten Mal werden im deutschen Fernsehen sämtliche Spiele live übertragen, die Medienresonanz im Vorfeld war so stark wie noch nie und Politiker und Firmen zeigen sich auf einmal als große Fans des Sports. Negative Stimmen gibt es natürlich immer noch. Das sind nicht nur Machosprüche wie die eines deutschen Comedians („Männer haben 100 Gramm mehr Gehirn als Frauen – da ist unter anderem die Abseitsregel drin.") oder Kritik an der langsameren Spielweise. Auch gut gemeinte Ansätze können manchmal etwas unglücklich gewählt sein. Medienpartner ist die Frauenzeitschrift Brigitte – sonst eher bekannt für die „Brigitte-Diät“ und etwas altbackene Modestrecken. Die deutsche Auswahl wirbt für einen Elektromarkt unter dem Motto „Die schönste WM aller Zeiten“, und zu guter Letzt haben sich auch noch fünf Spielerinnen für den Playboy nackig gemacht. Es scheint, als müsse die Etablierung des Sports in den Medien immer noch über die Schiene 'Sex sells' laufen.

„Für mich wäre das nichts, aber von mir aus soll jeder machen was er will.“ Sabrina Großer gehört nicht zu denjenigen, die die sexy Fotos der Fußballerinnen verurteilen. Die Verteidigerin des Berliner Drittligisten 1. FC Union hat gerade ihr Abitur gemacht und spielt schon seit fast zehn Jahren Fußball. Wenn man sie im Alltag so sehen würde, würde man im ersten Moment vielleicht nicht darauf tippen, dass ihre Leidenschaft dem Rasenballsport gehören würde. Zu oft ist in den Köpfen noch das Bild der maskulin geprägten ‚Kampfmaschine‘, und so sieht die zierliche Blondine nun wirklich nicht aus. Blöde Sprüche hat sie bisher selten geerntet, und wenn, „dann sag ich einfach: komm doch einfach mal mit und schau’ Dir ein Spiel an. Die meisten ändern danach ihre Meinung.“

Einen richtigen Unterschied zwischen dem Männer- und Frauenfußball kann sie auch nicht erkennen. „Klar, vor allem im Fernsehen sieht der Frauenfußball manchmal schon etwas statisch aus. Es ist einfach langsamer als bei den Männern, aber ansonsten ist es kein anderer Sport – wir trainieren nicht anders als die Männer!“ Ihre Mannschaftskollegin, Torhüterin Josefine Westphal, sieht das ähnlich: „ Auf Grund der körperlichen Konstitution ist Frauenfußball nicht so schnell und somit mehr taktisch bestimmt. Im Leistungssport ist es bei den Frauen auch nicht so unfair, es gibt wesentlich weniger grobe Fouls.“ Den Meckerern und Zweiflern setzt sie eine klare Ansage entgegen: „Sollen sie es doch erstmal besser machen!“

1% des Gehalts von Schweinsteiger

Unterschiede gibt es nicht nur zwischen Männer- und Frauenfußball, sondern auch zwischen den Kontinenten. In den USA verdienen die Spielerinnen pro (sechsmonatiger) Saison durchschnittlich bis an die 40.000 US-Dollar (ca. 28.000 Euro), europäische Profifußballerinnen müssen sich oft mit weitaus weniger zufrieden geben. Deshalb gehen viele Fußballerinnen neben ihrer Sportkarriere auch noch einem anderen Beruf nach. Sabrina Großer jobbt derzeit im Supermarkt, bis sie ihr Studium an der Polizeischule beginnt, Josefine Westphal arbeitet als Physiotherapeutin.

Ihr ansehnliches Äußeres und ihre Ausstrahlung machten sie zum Werbe- und Medienstar. Sabrina Großer hat kein Problem mit einer solchen Einstellung: „PR ist absolut notwendig für den Frauenfußball!“

Richtig krass wird die Gehaltsschere zwischen männlichen und weiblichen Bundesligaspielern. Während der deutsche Fußballprofi Bastian Schweinsteiger, laut Medienberichten, an die 13 Millionen Euro im Jahr bekommt, verdient sein weibliches Pendant, Birgit Prinz, gerade mal 1 Prozent dieser Summe. Ungerecht? Vielleicht, doch rein volkswirtschaftlich gesehen bringt ein Schweinsteiger durch Merchandising auch deutlich mehr in die Kassen als eine Prinz. Josefine Westphal stört, dass die Werbetrommel für die Männerspiele immer noch kräftiger gerührt wird als für Frauenfußball: „Von der Bundesliga zum Beispiel kommt man nur sehr spärlich etwas mit und für die Frauen-WM gab es auch erst viel später Werbung als für die Männer-WM vor zwei Jahren.“

Für das Eröffnungsspiel der Frauenfußball-WM am 26. Juni hat Sabrina Großer leider keine Tickets mehr bekommen – sie musste sich das Spiel im Fernsehen anschauen. Kickt it like Beckham? Kick it like Prinz! So heißt es zumindest in Deutschland, und wenn sich die Schwedinnen, Französinnen, Norwegerinnen und Engländerinnen wacker schlagen, bringt das auch was für den Frauenfußball in anderen Teilen Europas.

Illustrationen: Homepage (cc)visiticeland/flickr; WM-Song (cc)YouTube; Birgit Prinz ©birgitprinz.de; Playboy ©playboy.de; Lira Bajramaj ©Offizielle Homepage lirab.com; Video Liras Manifest (cc)YouTube