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Frauenfußball: Kick it like Ukraine

Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 19. Juni 2012
Kunstrasen und Flutlicht, nebenan ein überdachtes Stadion, eine Mensa und neu errichtete Doppelzimmer: Was wie das Nachwuchsinternat eines deutschen Profivereins klingt, ist tatsächlich das Vereinsgelände des FK Skala Morschyn/Stryi, 70 Kilometer von Lviv. Hier, an den Ausläufern der Karpaten, lässt sich die Zukunft des ukrainischen Frauenfußballs begutachten.

Im Grunde handelt es sich sogar um die Gegenwart. Denn Morschyn unterscheidet sich in puncto Frauenfußball von anderen ukrainischen Orten und ist doch sehr typisch. An nur wenigen Orten in der Ukraine wird Frauenfußball unter solch hochklassigen infrastrukturellen Bedingungen betrieben wie hier. Und doch beruht die Frauenfußballmannschaft wie fast überall in der Ukraine vor allem auf einem: Eigeninitiative.

Trainer der Mannschaft ist Igor Schvez. Er war früher selbst Erstligaspieler, aber hatte nach dem Ende seiner aktiven Karriere eigentlich mit dem Fußball abgeschlossen. Als seine Tochter Lilja vor gut zwei Jahren fragte, ob er nicht sie und ihre Freundinnen trainieren wolle, hoffte Schvez noch, dass dieser Wunsch schnell verginge. Aber seine Tochter blieb standhaft. Und so gibt es seit zwei Jahren eine Frauenfußballmannschaft mit Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren in Morschyn, die zunächst nur aus Lilja und ihren besten Freundinnen bestand, inzwischen aber auf knapp 20 Spielerinnen angewachsen ist.

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Ohne Liljas Hartnäckigkeit und das anschließende große Engagement ihres Vaters wäre Frauenfußball in Morschyn wahrscheinlich immer noch ein ferner Traum. So wie in vielen Orten der Ukraine: ob in Vereinen oder Universitäten, die Weiterentwicklung des Frauenfußballs ist stark auf persönlichen Einsatz einzelner Enthusiasten angewiesen. Das Image der kickenden Mädels scheint sich langsam aber stetig zu wandeln, so auch in Morschyn.

Der Cheftrainer des Vereins, Volodimir Rewa, betrachtete seine neue Mannschaft anfangs noch skeptisch: „Als sie angefangen haben, war es für mich sehr interessant und ungewöhnlich zugleich. Ich dachte sie würden bald mit dem Fußball wieder aufhören, aber jetzt machen sie weiter und weiter.“ Dieser Ehrgeiz und schnell einsetzende Erfolge veränderten Rewas Einstellung: „Wenn ich auf unsere Mädchen schaue, dann ist meine Einstellung sehr positiv. Bei jedem Wetter, egal ob es regnet oder schneit, sind unsere Mädels immer am Abend hier auf dem Sportplatz. Und wir schätzen sie, weil sie weiter trainieren.“ Rewa hat zudem ein ganz besonderes Potential des Teams erkannt: „Die Mädchen spielen nicht nur guten Fußball, sie sehen auch noch gut aus!“

Während die Attraktivität bekanntlich Geschmackssache ist, so lässt sich der sportliche Erfolg anhand der bereits gewonnenen Pokale, die der Trainer stolz präsentiert, bestens belegen. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Neben den außergewöhnlich guten Trainingsbedingungen – es wird nicht nur auf Kunstrasen und bei Flutlicht, sondern sogar mit originalen Champions League Finalbällen trainiert – stimmt auch die Betreuung. Co-Trainer ist mit Jurij Antoniw ein Spieler des Morschyner Drittligateams, die Mutter einer Spielerin steht als Teamärztin bereit und auch psychologische Betreuung ist gewährleistet. Die ist gleichwohl nötig, denn es wird 5 Mal pro Woche trainiert. Außerdem sind den Mädchen Alkohol- und Zigarettenkonsum verboten. Gerade in ihrem Alter keine leicht einzuhaltenden Vorgaben.

Aber die Jungs sind vom Spiel der Altersgenossinnen begeistert.

Für Iryna Vanat, Präsidentin des regionalen Frauenfußballverbandes im Oblast Lviv, besitzt Skala Morschyn Vorbildcharakter für andere Vereine. Deshalb hat sie auch Trainer Igor Schvez zum Auswahltrainer ihres noch jungen Regionalverbandes berufen, ein Viertel der Auswahlspielerinnen kommen von Skala. Vanat wünscht sich allerdings einen geregelteren Spielbetrieb. Da es noch keine Mädchenliga gibt, können die Morschynerinnen ihr Können bisher nur bei Freundschaftsspielen und kurzen Turnieren beweisen.

Nicht nur die Funktionäre sind vom Morschyner Modell überzeugt, auch die Jungen aus dem vereinseigenen Fußballinternat sind ganz offensichtlich vom Spiel ihrer Alterskolleginnen begeistert – obwohl sie dies auf Nachfrage nicht zugeben wollen – und sehen nach dem eigenen Training häufiger bei den Einheiten der Mädchen zu.

Das Potential für Frauenfußball – nicht nur in Morschyn, sondern in ganz Lviv – ist groß, nur muss es durch bessere Strukturen erst noch richtig erschlossen werden. Morschyn bildet noch eine Ausnahme, vor allem dank eines verständnisvollen Präsidenten, eines engagierten Trainers und eines solventen Sponsors der Männermannschaft. Vielleicht hilft die EURO 2012, mehr ukrainische Mädchen und Frauen für den Fußball zu begeistern und auch einen Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit auf das Potential des ukrainischen Frauenfußballs zu lenken. Lilja und ihren Freundinnen wären mehr und besser ausgebildete Gegnerinnen in professionellen Strukturen jedenfalls zu wünschen.

Die Autoren dieses Artikels, Stephan Merkle und Peter Hartmann, sind Mitglied der unabhängigen und länderübergreifenden Gruppe Kick-off Ukraine 2012, eine junge Blogging-Initiative von Studenten der Freien Universität Berlin.

Illustrationen: Teaserbild (cc)Pink Sherbet Photography/flickr;(cc)mixmaster/flickr