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Frauen-WM 2015: Heiser ins Halbfinale

Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2015
Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2015

Die deutsche Damennationalmannschaft schießt sich in einem nervenaufreibenden Elfmeter-Krimi in das Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft. Trotz Spielstärke und streckenweiser Überlegenheit verlieren die Spielerinnen der Équipe tricolore in Montréal. Nur wenige Zentimeter entschieden darüber, wer Koffer packen und wer weiterträumen darf.

Am späten Freitagnachmittag wehte im Olympiastadion der frankophonen Millionenmetropole kein laues Lüftchen, sondern ein Hurrikan. Angriffslustige Französinnen treffen auf deutsche Abwehrspielerinnen, die ihren Sechzehnmeterraum wie Löwinnen verteidigen. Eine spannende Partie, die dem WM-Viertelfinalspiel zwischen Deutschland und Frankreich vor etwa einem Jahr in nichts nachsteht. Ab der ersten Minute preschen die französischen Damen nach vorne. „Allez les Bleues, allez les Bleues“: Die knapp 25.000 Zuschauer heizen ihre Spielerinnen mit inbrünstigen Fangesängen an. Unter ihnen mehrere hundert Fans mit Deutschlandfahnen, bemalten Wangen und bayrischen Lederhosen. Schwarz-rot-goldene Farbtupfer in einem Meer gutgelaunter Frankreich-Fans.

Flagge zeigen

Im Block 108 links seitlich vom Tor tummeln sich die meisten deutschen Anhänger. Au-Pair-Mädchen und -Jungen, Lehrer und Schüler der Deutschen Schule in Montréal, Unternehmer, bilinguale Familien und Studenten versuchen gegen die Jubelschreie des Gegners anzukommen. Nach zwei unmittelbar aufeinander folgenden Torchancen von Simone Laudehr und Alexandra Popp in der 27. Minute reißt es die deutschen Fans und Bundestrainerin Silvia Neid von ihren Plätzen. „Deutschland“- und „Jetzt geht’s los“-Rufe erklingen. Doch die lautstarken „Allez les Bleues“-Parolen ersticken die zaghaften Anfeuerungen im Keim.

Flagge zeigen kann man jedoch auch ohne seine Stimmbänder zu ruinieren, weiß Sochand aus Deutschland. Zusammen mit ihrem deutschen Mitbewohner Lieven hat sich die Studentin, die in Montréal Mathematik auf Lehramt studiert, extra eine Deutschlandfahne für das Spiel zugelegt. 34 Dollar, umgerechnet knapp 25 Euro, hat sie dafür hingeblättert. „Wir müssen doch unsere Frauen in Montréal unterstützen und den deutschen Familien und Freunden vor dem Fernseher zeigen, dass wir da sind.“, sagt die 26-Jährige begeistert.

Unterstützung, die sehr gelegen kommt. Denn die DFB-Damen spielen bei dieser 7. Frauen-WM erstmalig nicht unter freiem Himmel, sondern vorwiegend in Hallen mit Plastikrasen. Im Olympiastadion von 1976 sind die grünen Halme mit kleinen Krümeln aus dem Kunststoff TPE bestreut. Diese schwarzen Splitter sind in ihrem vorherigen Leben als Reifen durch die ganze Welt getourt. Jetzt sorgen sie für spektakuläre Zeitlupen-Bilder, aber auch für Schürfwunden und schwere Füße bei den Spielerinnen.

Wir sind Weltmeisterin

Trotz des ungewöhnlichen Geläufs spielen beide Mannschaften, vor allem die französische von Trainer Philippe Bergeroo, sehr kampfbetont. Nachdem Louisa Necib mit einem abgefälschten Schuss Frankreich in Führung schießt, zeigt „la Nationalmannschaft“ deutlich mehr Einsatz. 20 Minuten später verwandelt die deutsche Stürmerin und Halbfranzösin Celia Sasic einen Handelfmeter und pfeffert den Ball in die linke Torecke. Alles auf Anfang. Nicht nur die deutschen Spielerinnen, auch ihre Fans, gewinnen nach diesem Ausgleichstreffer an Mut und Selbstvertrauen. Die „Deutschland“-Rufe wirken selbstbewusster, die Lupfer, Doppelpass-Aktionen und Dribblings ausgefeilter und entschlossener.

Nach 90-minütiger Spielzeit steht es unentschieden. „Ich freue mich, dass der Nervenkitzel um 30 Minuten verlängert wird. Aber Frankreich soll bitteschön gewinnen.“, meint die 50-jährige Hélène le Coq, die mit ihren drei fußballverrückten Töchtern aus Frankreich angereist ist.

Doch sie und die anderen französischen Fans werden enttäuscht. Torfrau Nadine Angerer hält den alles entscheidenden zehnten Strafstoß von Claire Lavogez. Die deutschen Fans liegen sich in den Armen. „Wir sind Weltmeisterin!“ prusten einige heraus. Freudentaumel und Fassungslosigkeit zugleich. Mit dem Lied „Heroes“ von David Bowie lassen sich die deutschen Mädels von ihren Fans feiern. Am Stadioneingang haben sich bereits einige Frankreich-Anhänger um die deutschen Fans gescharrt. Kein Hupkonzert, kein Autokorso, sondern Selfies mit dem Gegner. An diesem Abend hat der Frauenfußball viele Fans dazugewonnen. Oder in Bowies Worten: Wir können Helden sein, nur für einen Tag. Wir können wir sein, nur für einen Tag.