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EXPO Milano 2015: Wanderlust und Welthunger

Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2015
Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2015

Jahrelang hat Mailand auf dieses Großereignis hingefiebert, nun hat die Weltausstellung in der Wirtschaftsmetropole Italiens endlich ihre Tore geöffnet – begleitet von einer Welle der Euphorie und des patriotischen Stolzes, doch schon weit im Voraus erschüttert durch Korruptionsskandale, brennende Autos und mehrere Zwischenfälle auf dem Messegelände. 

Als ich noch vor einigen Jahren in Mailand studierte, war sie schon nicht zu übersehen. Überall prangten Schilder: „Die Expo kommt!“ Unzählige Baustellen zu großen Infrastrukturprojekten prägten das Bild einer Stadt in Aufruhr, die sich pünktlich zu Anfang Mai 2015 als schicke, saubere und innovative Metropole präsentieren wollte. Und das hat sie auch geschafft, wenn auch auf den letzten Drücker – das sei bei Weltausstellungen doch schon immer so gewesen, kommentierte Mailands Bürgermeister Giuliano Pisapia im Vorfeld. 

Glitzer und Tränengas

Trotz Negativschlagzeilen, an die sich inzwischen kaum einer mehr erinnern mag, erlebe ich ein Land in Aufruhr und voller Stolz. Schluss mit der Krise. Jetzt heißt es Tatendrang und Blick nach vorn. So wurde auch die Eröffnung inszeniert – wie Olympische Spiele, bunt, euphorisch, die Welt zu Gast in Mailand. Ein gelungener Auftakt mit viel Gloria und Tamtam. Staatschef Renzi konstatierte kurz, woran viele bis kurz vor Schluss nicht geglaubt hatten: „Alles rechtzeitig fertig!“

Überschattet wurde das Spektakel jedoch von gewaltsamen Protesten. Gegenwind von Expo-Gegnern war zu erwarten, mit Ausschreitungen wurde jedoch nicht gerechnet. Demonstranten zündeten Feuerwerkskörper, sprayten ihren Zorn an Hauswände, Autos wurden angesteckt. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein.

Geht’s nur um Essen oder um den nächsten Urlaub?

Feeding the Planet, Energy for Life ist das Motto der Expo. Global, ambitioniert, aber vielleicht zu groß? Bei einer Welt, die in den kommenden Jahrzehnten auf neun Milliarden Bewohner zusteuert, spricht die Expo damit eine der größten Herausforderungen dieses Jahrhunderts an. Mit entsprechend riesigen Erwartungen bin ich angereist. In der einstündigen Schlange (leicht chaotische Sicherheitskontrollen) wurden diese noch größer. Und dann bist du drin.

Ab in den riesigen Pavillon der Vereinten Nationen (UN) und zur „Zero Hunger Challenge“. Es beginnt eine Reise durch die Geschichte unserer Nahrungsproduktion und des Konsums. Von: Wie haben wir uns vor Jahrhunderten vom Acker ernährt? Bis zu: Nahrungsspekulation und Müll-Inseln in den Ozeanen. Ich bin begeistert von der künstlerischen Umsetzung und meine Wahrnehmung ist justiert. Vielleicht denke ich noch mal über Plastik nach. Ein gelungener Auftakt.

Willkommen im Nepal-Pavillon. Seltsam, das Ding ist gar nicht fertig. Im Zuge des Erdbebens reisten viele Nepalesen ab, um in ihrem Land beim Wiederaufbau anzupacken. Die Bauarbeiten am Pavillon wurden daher gestoppt. Nepal wollte die Messe nutzen, um Werbung für Tourismus zu machen. Nun wird daraus wohl eher eine Spenden-Aktion. Ein selbstredendes Beispiel dafür, wie Katastrophen nicht nur die Sicherheit von Menschen, sondern auch der Ernährung bedrohen.

Weltreise und Konzert der Kulturen

Und so wandelt man von Land zu Land. Sudan, Belgien, Kambodscha. Trifft lachende Menschen, die stolz ihr Land und ihre Schätze präsentieren. Ich toure durch einen Reisekatalog und erlebe einen Rausch von Fernweh. Hier eine äthiopische Kaffee-Zeremonie, da ein kasachischer Pop-Star. Moment, es ging ja um Essen. Dazu gibt es dann einen Kaffee-Pavillon und einen über Reis. Immer wieder entdecke ich große UN-Löffel, Grafiken und Erklärtexte. Wer produziert wie viel, wie abhängig sind die Länder von diesen Produkten, welche Auswirkungen der Klimawandel haben könnte. Was, wenn der Meeresspiegel dramatisch ansteigt? Wer geht unter? Was, wenn es immer mehr Dürren gibt? Wie viele Menschen werden in Zukunft Hunger leiden?

In einigen Pavillons kann man noch mehr über den Zusammenhang zwischen Klima, Katastrophen und Ernährung erfahren – allerdings nur, wenn man die Haupt-Meile verlässt und sich an den Rand der Expo begibt (das ein oder andere Schild wäre ganz hilfreich). Ganz da hinten, trifft man dann auf diese Themen. Viele sehr arme Länder stellen dort aus, die meisten Türen sind noch geschlossen. Eine Hintertür jedoch steht offen. „Kann ich reinkommen?“ – „Natürlich, herzlichen Willkommen in Mali!“ Ein paar Kabel liegen rum, die Regale sind leer. „Wir sind bereit“, erzählt mir der Vertreter Malis, der allein im Pavillon hinter einem kleinen Tresen sitzt, „aber mit den Organisatoren hat das nicht so geklappt, deswegen sieht es hier so aus“. Er müht sich ein Lächeln ab und fragt mich, ob ich wisse, wo Mali auf der Weltkarte liegt. Ich sage ja, aber ich war leider noch nie dort, und er freut sich. Ich wünsche ihm viel Glück und ziehe weiter durch den großen Pavillon der Dürregebiete.

Ich besuche Senegal, wo sich alles um Essen dreht. Ich hatte keine Ahnung, dass sie so viel Reis und Erdnuss anbauen. Ich ziehe weiter durch die Wüste. Djibouti, Somalia, Palästina. Alle Türen zu. Ich denke an Renzis Worte. Wohl doch nicht alles fertig. Gerade bei den Entwicklungsländern dauert’s mal wieder länger. Ich bin enttäuscht.

Orgoglio: Eine Welt ohne Italien?

Den Pavillon von Italien muss ich mir ansehen. Wie präsentiert sich der Gastgeber? Er feiert sich (machen ja alle Länder auf der Expo irgendwie) und das nicht wenig. Die Landschaft und die Vielfalt der Regionen, schön. Die Küche, ein Genuss. „Eine Welt ohne Italien?“ Diese Frage dominiert einen ganzen Raum. In Videos erzählen mir Nicht-Italiener, wieso eine Welt ohne Italien keinen Sinn ergibt. Überall steht „Orgoglio“. Okay, ich mag Italien sehr, und man kann ja auch mal stolz sein, aber muss das überall drauf stehen? Ich bin genervt.

Da hat man die Welt zu sich eingeladen, muss aber klarstellen: Italians do it better. Während ich den Pavillon verlasse (über einen Gang, in dem noch Kabel aus der Wand baumeln), erinnere ich mich an die Schlagzeilen über Zwischenfälle auf dem Expo-Gelände in den ersten Tagen: Vize-Landwirtschaftsminister Olivero und der Vertreter der italienischen Tourismus-Branche Radaelli sitzen in einem Aufzug fest (Panik).

Am Pavillon der Türkei (Expo-Gastland im kommenden Jahr) fällt außen eine Metallplatte ab – eine Frau wird getroffen, Krankenhaus. Essen für lau - Fehlanzeige „Du musst alles probieren, du wirst den ganzen Tag nur essen“. Nein. Wer glaubt, auf der Expo ist das Essen gratis, irrt sich. Dennoch: Man kann viel probieren. Indischen Mango-Lassi, Schokoladen-Crêpes-Kebab, belgisches Bier, spanische Tapas. Auf der Suche nach dem Mittagessen, fällt mir auf: Kaum vegetarische Gerichte, vegan nirgendwo. Ich esse im Grunde alles, von daher kein Beinbruch für mich persönlich. Dennoch frage ich mich, wo diese Angebote sind – gerade, wenn wir von nachhaltiger, gesunder und der Ernährung der Zukunft sprechen.

Am Ende entscheide ich mich für ein französisches Sandwich. Nach fast zehn Stunden Ausstellung, vorwarten, zwischenwarten und viel Staunen tun mir die Füße weh (und ich habe längst nicht alles gesehen). Die Weltreise im Schnelldurchlauf war berauschend. In einem Tag habe ich so viele positive Menschen getroffen und mich von ihrer Lebensart faszinieren lassen. Zugegeben, ich war wohl etwas naiv mit der Annahme, in eine neue Galaxie der Nachhaltigkeit und Weltrettung zu gelangen. Das Ticket war nicht ganz so günstig (27 Euro im Vorverkauf), aber für eine Weltreise doch gar nicht so schlecht.

Die offizielle Webseite zur Expo Milano 2015.