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Europaplatz Brüssel: Stadtplanung für den Mülleimer

Artikel veröffentlicht am 31. März 2008
Artikel veröffentlicht am 31. März 2008
Der Platz "Esplanade de l´Europe" erfüllt nicht die Erwartungen, die man städtebaulich an Brüssel als Europahauptstadt stellt: ein unattraktiver Platz neben dem Südbahnhof.

Anlässlich der Universalausstellung in Brüssel 1958 gebaut, finden sich am Esplanade de l'Europe heute mehr Mülltonnen als Menschen. Die wenigen Menschen, die über den Platz schlendern, sind größtenteils Einwanderer, die in diesem Viertel wohnen: in Saint-Gilles. Das Esplanade de L'Europe hat weder Läden, noch Kioske, nicht einmal Hundeklos. Kein einziger Baum, der wie anderenorts diese grüne Stadt verschönern würde. Immerhin stehen einige Straßenlaternen im Industriedesign herum und Bänke gibt es, auf denen aber niemand Platz nimmt. Ein Durchgangsort.

Ein Platz, der nur einen Tag lang arbeitet

Der Esplanade de L'Europe passt sich gut in das Viertel Saint-Gilles ein, auch dies ein geeignetes Beispiel, um die Widersprüche Brüssels aufzuzeigen. Mit einem Einwandereranteil von 43 Prozent lässt sich das Viertel nicht als Lieblingsort der 15.000 europäischen Beamten bezeichnen, die in der Stadt wohnen. Brüssel ist ein Mosaik aus verschiedenen ethnischen Hintergründen, Sprachen und Farben. Doch das, was am Ende des Monats ausgezahlt wird, bestimmt wo man wohnt, essen und spazieren geht. Man muss lange Minuten warten, bis jemand hier vorbei kommt.

Abdelbassir (20) ist Marokkaner. Obwohl ich mich bemühe, ihm ein paar Überlegungen zu Europa aus der Nase zu ziehen, spricht er von Belgien und dem, was er und die seinen "diesem kleinen Land verdanken". Für ihn gilt 'Europa ist Belgien'.

Während Abdelbassir seinen Weg fortsetzt, umwabern mich übel riechende Geruchsschwaden von der langen Reihe Mülltonnen, die um den Platz herumstehen. Gefüllt mit Abfällen vom sonntäglichen Marktgeschehen, dem einzigen Tag an dem das Esplanade de L'Europe arbeitet.

Eurostar, Wolkenkratzer, Obdachlose

Es kommt jemand aus dem Bahnhof. Der Reisende fragt mit britischem Akzent (vielleicht ist er gerade aus dem Eurostar gestiegen) nach dem Gebäude Tour du Midi. Es liegt genau gegenüber, nur eine Querstraße entfernt. Der Tour de Midi ist eines der höchsten Gebäude in Brüssel. Vielleicht sind der Eurostar und die 150 Meter des modernen Tour de Midi die einzigen Gründe, um diesen Platz mit Europa in Verbindung zu bringen.

Die nach Urin riechenden Ecken der angrenzenden Brücke bieten an verregneten Tagen Unterschlupf für Obdachlose, die mit einem Bier die Zeit totschlagen. Zeitgenössische Fotografien kleben an den Wänden. Sie zeigen Figuren in schwarz-weiß. Es ist als ob sie selbst an den Wänden lehnten, Personen mit künstlich verbundenen Händen und geschminkten Gesichtern, die Mitgefühl erwecken sollen. Das Bild wird von den mit Graffiti übersäten Säulen abgerundet.

Eindruck und Kommunikation wahren

Noch immer ist der Platz wie leergefegt. Es ist neun Uhr an einem normalen Montagmorgen. Fast will ich aufgeben, als ich eine Gruppe Jugendlicher erspähe, die den Esplanade de l'Europe überquert. Elodie ist Belgierin und nimmt die U-Bahn zur Kommission der europäischen Regionen, wo sie arbeitet. Was beunruhige sie am meisten in Bezug auf Europa? "Weder die Arbeitslosigkeit noch der Terrorismus." Elodie sieht die Probleme woanders: "Die fehlenden Informationen und damit das Unwissen der europäischen Bürger bezüglich der großen Menge der europäischen Institutionen; wir müssen erreichen, dass sich die Menschen für Europa interessieren und nicht nur an Subventionen denken." Man muss an der Basis beginnen, die Kommunikation und das Image verbessern: ich verlasse Brüssel mit dem Eindruck, dass es mehr verdient hätte als den Platz Esplanade de L´Europe. Europa verdient mehr als diesen Platz, der kein Platz ist. Ich glaube kaum, dass ich hierher zurückkehre. Oder vielleicht doch, falls irgendwer diesen Text liest, die Ärmel hochkrempelt und einen geschäftigen, vielsagenderen Platz als diesen einweiht.