Lifestyle

Europäischer Kaffeeklatsch: Sex, Stress und Revolution

Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2008
Vom 'wartenden' Kaffee in Neapel über die 'fika' in Schweden und die 'nube' in Malaga bis hin zum Mythos rund um seine aphrodisierende Wirkung in Weißrussland. Das europäische Getränk schlechthin ist alles andere als kalter Kaffee.

Wenn Europa ein Getränk wäre? Dann wäre es wohl ein Kaffee. Und dies nicht nur, weil sein Verbrauch zwischen durchschnittlichen 12 Kilogramm pro Finne und 2 Kilogramm in England und Tschechien liegt.

Tatsache ist, dass die Pflanze erstmals in Äthiopien angebaut wurde und im13. Jahrhundert schließlich nach Arabien gelangte, bevor sie um 1517 die heutige Türkei erreichte. Dort wird das Getränk auch heute noch ‚kahve‘ genannt. Von dort aus war es nur noch ein Katzensprung nach Venedig, wo man 1615 den ersten Kaffee schlürfte. Allmählich verbreitete sich das aromatische Getränk auf dem ganzen Kontinent.

Der Italiener Francesco Procopio brachte es schließlich nach Paris und gründete somit auch das erste Kaffeehaus in der französischen Hauptstadt, das Procope, wo sich die wichtigen Köpfe der Französischen Revolution zum Kaffeklatsch trafen. Das anregende Getränk galt nämlich als Symbol für progressive Ideen. So wurde 1764 auch die italienische, aufklärerische Zeitung Il Caffè nach dem Getränk benannt.

Aber was verbinden die Europäer heute mit dem Röstgetränk? Die cafebabel.com-Community behauptet, dass der Kaffee eine wichtige Komponente unserer Gesellschaft sei. Wenn man in Athen auf einen Kaffee eingeladen wird, muss man sich auf zwei bis vier Stunden Klatsch und Tratsch einstellen. In Antwerpen heißt “einen Kaffee trinken”, wie übrigens auch im restlichen Europa, einfach ‚sich zu unterhalten‘, auch wenn man nicht immer einen Kaffee dabei trinkt.

Wenn ein Schwede seinen Kaffee genießt, spricht er von ‚fika’, was gleichzeitig auch ein Verb ist und soviel heißt wie „sich ein Päuschen gönnen”, „sich mit jemandem treffen“. In der Türkei hingegen entscheidet der Kaffee gar über die Zukunft zweier Verliebter: Die Verlobte muss das schwarze Getränk nämlich während des Zusammentreffens der Familien servieren, bei dem darüber entschieden wird, ob es zur Hochzeit kommt oder nicht. In Weißrussland ist das Getränk noch heißer: Kaffee gilt nämlich als Aphrodisiakum und ist ein beliebter „Wachmacher”.

Kaffee wie Europa: grenzenlos, aber doch so verschieden

Wie dieses Video des Karikaturisten Bozzetto zeigt, sind die Italiener nicht nur die einzigen, die ihren Kaffee am liebsten schwarz trinken. Sie sind auch ein ziemlich kompliziertes Volk in Bezug auf die Koffeinbombe. Wenn man in Rom einen 'genovese' (einen Genuese) bestellt, bekommt man einen kleinen Kaffee mit Kakao 'befleckt' (macchiato), also einen Cappuccino in Miniatur. Der Name leitet sich wohl davon ab, dass die Genueser allgemein als die italienischen Geizkragen, das Pendant zu den Schwaben, bekannt sind. In Neapel hingegen ist es üblich, einen Kaffee zu bezahlen (einen sospeso), der dann auf die nächste (bedürftige) Person wartet, die danach fragt.

©Café Santa CristinaAuch im spanischen Malaga tauft man den Kaffee je nach seinem Kaffee-Milch-Verhältnis mit einem anderen Namen. Und wenn er die Anzeigetafel der Marke Santa Cristina betrachtet, staunt der Kaffeliebhaber nicht schlecht.

Neben ihrem warmen Kaffee, der wie der bulgarische dem türkischen sehr ähnlich ist, sind die Griechen ganz heiß auf den so genannten Café Frappé (daher auch der Name des Babelblogs). Und ebenfalls die Leidenschaft für das Lesen des Kaffeesatzes teilen ältere Griechinnen mit den Bulgarinnen und Neapolitanerinnen. Auch in Frankreich ist der Kaffee sehr en vogue und oft Sinnbild für das hektische Leben in Paris, wie in diesem Video mit Oldelaf und Monsieur D. (französische Band). Aber als Neapolitaner in Paris muss ich sagen, dass es keine leichte Mission ist, dort einen richtigen Espresso zu finden. 

Rezept

Amerikanischer Kaffee

Wie man einen Kaffee zubereitet und... verdirbt. Vielen Dank an Pierpaolo von der Bar Pozzetto, wo es den besten Kaffee in Paris gibt!

Vielen Dank an die Babelianer für die vielen Kaffeetipps: Elina (Griechenland),Waldemar (Schweden), Lotte (Belgien), Pedro (Spanien), Jane (Frankreich), Hana und Marysia (Polen), Christiane (Deutschland), Özcan (Türkei), Andrea (Italien),Michael (Österreich), Milos (Serbien), Anna (Holland), Sergei (Weißrussland),Zlatimira und Mina (Bulgarien), Zuzana (Slovakei), Joshua (USA), Jo (Großbritannien).