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Europa macht denjenigen Angst, die es nicht kennen

Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2017
Artikel veröffentlicht am 26. Mai 2017

Einheit ist Macht: Das in etwa ist die Botschaft, die Yannis Mouhoun in seinem Kurzfilm 'Voices for Europe' streuen möchte. Realitäten, Unsicherheiten, neue Challenges - der französische Regisseur erzählt uns von seinem Europa.

cafébabel: Yannis Mouhoun, können Sie die Botschaft von Voices for Europe genauer erklären?

Yannis Mouhoun: Voices for Europe beruht auf einer Feststellung: in der Öffentlichkeit seiner Nationalstaaten kommt Europa ziemlich schlecht weg. Was heute als Argument für die Existenz der EU herhalten muss, ist immer pragmatischer Natur. Da geht es vordergründig nur um wirtschaftliche und politisch strukturelle Fragen. Aber um einen reellen Zugehörigkeitsgedanken im Volk zu zünden und eine solide Legitimität zu verkörpern, fehlt es in Europa nachwievor an etwas. Ich bin der Meinung, dass eine Nation ein sozio-kulturelles Konstrukt ist! Und ich denke, dass Europa - im föderalen Sinne - vergessen hat zu existieren, da es noch keine eigene Geschichte vorzuweisen hat. Europa ist die Summe nationaler Interessen, Geschichten und Traditionen. Es ist ein einzigartiger demographischer Block mit einer starken Wirtschaft und einer politisch ausgereiften Organisation. Aber es hat es nie geschafft, einen eigenen Wertekatalog aufzustellen. Es fehlt an eigenem Storytelling, über das man seine Existenz begreiflich machen könnte.

cafébabel: Wie sind Sie von dieser Botschaft ausgehend auf den Kurzfilm Voices of Europe gekommen?

Yannis Mouhoun: Zunächst war der Kontext wichtig. Mit den Wahlen in Frankreich und Deutschland dachte ich mir, es wäre interessant, sich dem Thema emotional zu nähern. Ich habe mich sehr dafür interessiert, wie Europa eigentlich kommuniziert, und ich finde, die Kommunikation der Institutionen ist katastrophal. Sie zeichnet ein ultra-technokratisches Bild. Die Idee hinter meinem Projekt war es dann, diese ganzen technischen Punkte mal auszublenden und eine Grundsatzdiskussion zu führen. Warum haben wir Europa gemacht? Für den Frieden, für Wachstum und Fortschritt. Wie viele andere Menschen bin ich in einem Land mit Grenzen großgeworden. Man hat uns erklärt, Grenzen seien wichtig, dass man den Anderen definieren müsse, um sich selbst zu definieren. Aber auf meinen Reisen habe ich dann festgestellt, dass unsere Generation eine ziemlich ähnliche Kultur und Praxis herausgebildet hat, welche die nationalen Gegensätze überwinden. Ich denke, Europa macht denjenigen Angst, die es nicht kennen.

cafébabel: Wie reagieren Sie darauf, dass 11 Millionen Franzosen Front National und damit die Angst gewählt haben?

Yannis Mouhoun: Das war vorhersehbar. Wir in Frankreich haben so eine Angst vor dem Front National, dass wir davon ausgehen, dass es unmöglich ist, sich mit ihm zu unterhalten. Es war schon immer schwer mit jemandem zu diskutieren, der sich nicht im Feld der Wahrheit bewegt. Ein ähnliches Phänomen herrscht in den USA mit Trump, der einfach alles und nichts erzählt. Da fragt man sich doch echt, ob man nicht erst darauf warten muss, dass die Populisten an die Macht kommen, damit sich die Leute klar darüber werden, dass sie unfähig sind, ein Land zu regieren.

cafébabel: Was sagen Sie zum neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron? 

Yannis Mouhoun: Zumindest sind wir aktuell eher alle auf der gleichen Wellenlänge - es gibt aktuell viele Pro-Europäer an der Spitze der verschiedenen Nationen. In Deutschland werden die nächsten Wahlen auf ein Duell zwischen Merkel und Schulz hinauslaufen, beide sind für Europa. Ich denke, dass unsere große aktuelle Chance im Brexit besteht. Denn er ist ungefähr das einzige Thema, auf dass sich die 27 einigen könnten. Aber wenn er zum Erfolgsmodell für die Briten würde, hätte die Union in ihrer heutigen Funktionsweise keine Daseinsberechtigung mehr. Sollte der Brexit lukrativ für die Briten sein, wäre das einzig ziehende Argument der Europäer seit den 1990ern plötzlich Luft. Ich bin mir sicher, dass das einzige historische Argument in einer globalisierten Welt, die dazu tendiert, sich in Blöcken aufzustellen, ein föderales Europa sein muss. Das macht politisch Sinn und wäre kulturell eine Selbstverständlichkeit. Die Wahl von Macron stimmt mich deshalb hoffnungsvoll, denn ich bin aus tiefstem Herzen Pro-Europäer. Aber ich denke nicht, dass seine Wahl Europa heute zum Föderalismus führen wird, unser Erbe als Nationalstaat ist seit Jahrhunderten tief verankert.

cafébabel: Warum engagieren sich junge Menschen weiterhin für Europa?

Yannis Mouhoun: In Europa wächst gerade eine der gebildetsten Jugend-Schichten der Welt heran. Die Bildung geht parallel mit einem starken Bewusstsein für sich selbst und auch für die Welt, in der wir leben, einher. Ich vertraue der Generation, die gerade entsteht. Auch wenn sie mit Komfort groß geworden ist, wurde sie mit vielen Realitäten konfrontiert. Wir sind viel mehr gereist als unsere Eltern, wir sprechen mehr Sprachen als sie und wir haben ein 'unaufgeregteres' Verhältnis zur Welt.

cafébabel: Wie sieht Europa in zehn Jahren aus?

Yannis Mouhoun: Ich denke nicht, dass es in den nächsten zehn Jahren große Umbrüche geben wird. Aber zwei Szenarien sind auf lange Sicht denkbar: Entweder wir harmonisieren die europäische Politik weiter oder Europa lässt sich von den Sirenen des Populismus leiten und bricht auseinander. Das könnte zwar passieren, ich bleibe aber überzeugt davon, dass die EU sich dann später neu aufstellen würde. Man darf nicht vergessen, dass der europäische Traum bereits seit dem 19. Jahrhundert besteht. Es scheint nicht undenkbar, dass die Staatsoberhäupter Europas in den nächsten Jahren eine Wirtschaftsregierung für die Eruozone gründen, ohne dass ein Riesen-Aufriss darum gemacht wird. Aktuell hängt der Erfolg Europas davon ab, wie die Regierungen ihr Wirtschaftswachstum ankurbeln. Wenn eine Nation ihren Wohlstand gut verteilt, dann teilt sie ihre Erfolge anstatt sich Feinde zu suchen. Genau an diesem Scheideweg sind wir in Frankreich gerade.

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Offizielle Webseite von Yannis Mouhoun