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Euro 2012 aus Sicht der BBC: Hooligans im Anmarsch

Artikel veröffentlicht am 6. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 6. Juni 2012
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die UEFA beschlossen, die Austragung der Fußballeuropameisterschaft 2012 zwei osteuropäischen Ländern anzuvertrauen: Polen und der Ukraine. Durch diese Entscheidung wird deutlich, dass die FIFA „neue Gebiete“ erschließen will.
Aber neben all den unerwünschten Nebenwirkungen, die das Turnier mit sich bringt (Unterkunft, Prostitution, Undurchschaubarkeit der Politik…), bleibt auch ein weiteres Problem bestehen: der Hooliganismus.

Die Welt zu Gast bei Ukrainern: Euro 2012 Facebook-Deal für Fußballfans

Die Gastgeberländer müssen nicht nur in der Lage sein, die nötige Infrastruktur zu bieten (Stadien, Beförderung etc.), sondern auch die Sicherheit aller Beteiligten während des Wettbewerbs zu gewährleisten. Hier scheint das Problem der diesjährigen Europameisterschaft zu liegen. Sind Polen und die Ukraine in der Lage, das zu leisten?

Am 28. Mai strahlte die BBC im Rahmen ihrer Sendung Panorama eine Reportage mit dem Titel 'Stadiums of Hate' (Stadien des Hasses) aus. Der Journalist Chris Rogers verbrachte einen Monat in Polen und der Ukraine, um Spiele zu verfolgen. Sein Fazit ist Besorgnis erregend.

Hooligans in der Ukraine? Niemals!

Der Bericht zeigt Bilder von Hunderten von Fans in der Ukraine, wie sie mit Nazigrüßen und „Sieg Heil“ -Rufen ihre Mannschaften unterstützen. Man sieht wie die Hooligans ihren Fanblock verlassen und zu einer friedlichen Tribüne gehen, um eine Gruppe Fans indischen Ursprungs anzugreifen – obwohl diese dieselbe Mannschaft unterstützen. Durch die offenkundig fehlende Reaktion der Sicherheitskräfte wird das Ganze auf die Spitze getrieben. Was macht die Polizei? Nicht sehr viel.

Auf Nachfragen des Journalisten leugnet der Chef der örtlichen Polizei, dass es zu rassistischem Verhalten gekommen sei. Obwohl der Journalist ihm erklärt, dass er 2000 nach vorne gestreckte Arme von Fans gesehen hat, behauptet er, dass es sich um keine Nazi-Gesten handelte. Die Fans hätten nur ihre Mannschaft gegrüßt. Wohl kaum …

Die Situation ist auch in Polen nicht besser, wo Nazi- und andere Herrschaftssymbole auf den Bannern und Schals der Fans prangen. Und das Sicherheitspersonal oder die Polizei zuckt nicht einmal mit der Wimper. Im Jahr 2007 hatte Ross Kemp im Rahmen seiner Dokumentationsreihe über Gangs auch Polen besucht, um die polnischen Hooligans und ihre Kontakte zu Neonazi-Gruppen zu untersuchen. Er hatte außerdem Auseinandersetzungen zwischen den besagten Hooligans und den Ordnungskräften miterlebt. Nur wenig scheint sich in den letzten fünf Jahren geändert zu haben. Wie soll also in nur wenigen Monaten etwas passieren?

Die Katastrophe von Heysel

Es ist offensichtlich, dass Hooliganismus nicht nur in Polen oder der Ukraine existiert. Über einen langen Zeitraum hinweg stellte auch Großbritannien einen Nährboden für Hooligans dar. Hier hat jede Mannschaft ihre eigene Fangemeinde, „Ultras“ genannt, die alle fest entschlossen sind, sich untereinander zu messen. Und wer könnte die Katastrophe von Heysel vergessen? Bei dem Aufeinandertreffen des FC Liverpool und Juventus Turin im Endspiel um den Europapokal am 29. Mai 1985 in Brüssel attackierten einige „Ultras“ des FC Liverpool italienische Fans, die zum Teil mit ihrer ganzen Familie angereist waren, um sich das Spiel anzusehen. Die Bilanz: 39 Tote (darunter 33 Italiener) und 600 Verletzte.

Daraufhin war es allen englischen Fußballclubs während der folgenden fünf (für den FC Liverpool sechs) Jahre verboten, an Fußballspielen auf europäischer Ebene teilzunehmen. Außerdem wurden 14 Anhänger des FC Liverpool wegen fahrlässiger Tötung zu drei Jahren Haft verurteilt. Die britischen Behörden reagierten auf diesen Vorfall mit verschärften Gesetzen und Sanktionen, die bis hin zu einer Gefängnisstrafe reichen können. Des Weiteren unterstehen die verurteilten Fußballfans während des Besuchs eines Spiels einer strengen polizeilichen Überwachung. All dies hat das Problem des Hooliganismus zwar nicht mit einem Fingerschnippen gelöst. Aber die Verschärfung der Gesetzeslage hat die Situation merklich verbessert.

Boykott, UEFA und Fred das Frettchen

Eines bleibt trotzdem beunruhigend. In der Reportage der BBC sieht das Verhalten der Behörden in der Ukraine eher nach Abwarten und Teetrinken aus. Das Bestehen eines Problems zu verneinen oder eine Vogel- Strauß- Politik zu betreiben ist keinesfalls das beste Mittel, die Sicherheit der Fans zu gewährleisten. Da die Ukraine unfähig zu sein scheint, das Wesentliche in den Griff zu bekommen, gibt sie sich größte Mühe den Schein zu wahren. Und es gibt viel zu tun: Neben Rassismus und Gewalt in den Stadien, muss sich die Ukraine auch mit dem Boykott einiger Regierungen auseinandersetzen (unter anderem aus Frankreich und Deutschland: Aufgrund der schlechten Behandlung Julija Timoschenkos durch die ukrainischen Behörden wird kein einziger französischer Minister die Spiele der EM besuchen, A.d.R.). Außerdem kritisiert die UEFA die überteuerten Hotelpreise.

Beide Gastgeberländer präsentierten beispielsweise zur Unterhaltung der Zuschauer Tiere, die in der Lage sein sollen den Ausgang der einzelnen Spiele vorherzusagen: Polen den Elefanten Citta und die Ukraine das Frettchen Fred. Paul der Krake würde sich im Grabe umdrehen. Ablenkungsversuche dieser Art werden bestimmt nicht ausreichen, wenn man einen Blick auf die Verkaufszahlen der Tickets wirft: Am 8. Mai standen noch 50.000 Eintrittskarten zur Verfügung. Ein anderes Beispiel: Der englische Fußballverband ist im Besitz von 24.000 Karten für die erste Runde. Für die ersten drei Spiele fanden allerdings nur insgesamt 3.000 Karten einen Abnehmer. Die wirtschaftliche Lage hilft da auch nicht gerade.

Aber kann dies das Vorhaben des Weltfußballverbandes „neue Gebiete“ zu erschließen in Frage stellen? Schwierig zu sagen, wenn die Vergabe der Veranstaltungen unvorhersehbar ist (kürzlich wurde die WM 2018 an Russland und die WM 2022 an Katar vergeben) und der Mangel an Transparenz frappierend.

Fotos: ©mit freundlicher Genehmigung der Website allocine.fr für den Film "The Football Factory"; Text (cc)powazny/flickr; Videos (cc)BBC Panorama JewishNewsOne/YouTube Le Reporter de l’extrême rapfrancais30/YouTube