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Die Zukunft in Helsinki heißt Start-Up

Artikel veröffentlicht am 1. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 1. Oktober 2013

Seit dem langsamen Niedergang von Nokia bringt Finnland immer mehr junge Unternehmer hervor, denen es nicht an Ambitionen fehlt: Sie wollen aus Helsinki die Welthauptstadt der Start-Up-Industrie machen. Tauchen wir ein ins Arctic Valley, dessen Kreativkraft dabei ist, die gesamte Gesellschaft zu verändern.

Einen Becher in der Hand wirbelt Pauliina in den Fluren der Design Factory an der Universität von Aalto herum. Ein dezentes Winken hier an jene, die in ihren MacBooks versunken sind, ein breites Lächeln da für die kleine Gruppe, die gerade dabei ist, sich mit Hilfe eines Mixers etwas zu essen zu machen. Ab und an weist sie auf die letzten Arbeiten der Universität hin, um diesem alten Industriegebäude auf dem Campus von Espoo – wenige Kilometer von Helsinki entfernt – den letzten Schliff eines Zukunftslabors zu geben. Auf vier Etagen befinden sich hier ein Atelier, eine Küche, ein Konferenzzentrum und eine Bibliothek... natürlich alles in finnischem Design. Und hier, zwischen gemütlichen Sofas und Wandlampen von Ikea, machen sich etwa einhundert junge Menschen daran, die finnische Wirtschaft tiefgreifend zu verändern.

„Unternehmer sind Rockstars“

Pauliina bekennt allerdings, dass sie sich "nie wirklich für Wirtschaft interessiert“ habe. Sie habe nie daran gedacht, einen Fuß ins Unternehmertum zu setzen. Die junge Frau (28) träumte viel eher davon, Gymnasiallehrerin zu werden, um von dem komfortablen Leben im Bildungswesen zu profitieren, welches so sehr von der finnischen Gesellschaft gehegt wird. Aber dann, eines Tages, hatte Pauliina eine Idee und beschloss etwas daraus zu machen. Zwei Jahre lang leitete sie ein Programm für den Hersteller Tinkercard: die Herstellung von Computerzubehör mittels eines 3D-Druckers. „Das hat quasi mein Leben verändert“ sagt sie, gedankenversunken in die Dampfschwaden ihres Kaffees blickend. 

Mit ihrem karierten Hemd, ihren Vans-Sportschuhen und ihren glatten Haaren ist Pauliina ein Symbol für eine ganze Generation junger Finnen mit Weitblick. „In Finnland herrschte irgendwie immer Pessimismus, welcher die jungen Menschen davon abhielt, Unternehmen zu gründen. Aber die Mentalität hat sich geändert. Und Unternehmer gelten heute als Rockstars“, ergänzt sie. Um die Jugend zu elektrisieren, braucht man heute keine Metalheads mehr. Vielmehr träumen die finnischen Jugendlichen von Supercell und Rovio – die Macher von Computerspielen wie Clash of Titans und Angry Birds – wenn sie an die Zukunft denken. Wie Pauliina gibt es unzählige Studenten, die bereit sind, ihr Studium aufzugeben und den Sprung ins Ungewisse zu wagen. 

Schwitzen in der Startup Sauna

Gegenüber der Design Factory steht ein anderer alter umgebauter Hangar, die Zuflucht der finnischen Zuckerbergs von morgen. Auf 4000 Quadratmetern Coworking-Space unterstützt die gemeinnützige Organisation Startup Sauna angehende Unternehmer. Neben Kaffee und kostenlosem WiFi bietet die Organisation Fortbildungen, Praktika und Ausbildungsprogramme an, um die Studenten auf die Härten des Marktes vorzubereiten und sie mit interessierten Investoren zusammen zu bringen.

Startup Sauna behauptet, bis heute etwa einhundert Start-Ups auf den Weg gebracht zu haben. Das Erfolgsgeheimnis ist genauso simpel wie der Slogan auf den Punkt: „Just do it“. Das meint in jedem Fall Annie Talvasto – Unternehmerin, 19 Jahre jung, aktives Mitglied bei Startup Sauna und Organisatorin der nächsten Global Entrepreneurship Week in Helsinki. „Die Botschaft, die wir vermitteln wollen, lautet: Hör auf nachzudenken, mach einfach! Wenn du immer Angst hast, zu scheitern, wirst du niemals etwas tun.“ Ein bisschen Hakuna Matata. Aber die finnische Gesellschaft ist sich dadurch zumindest einer Sache bewusst geworden: Wirtschaft ist jetzt sexy. Einige sprechen von „unternehmerischer Revolution“, andere gar von „Finnish Spring“, um das Phänomen der Start-Ups zu beschreiben.

„Wir sind dabei, eine neue Kultur zu schaffen“, sagt Annie ganz cool und rückt dabei ihre Brille mit dem großen Rahmen zurecht. „Das Durchschnittsalter hier liegt bei 25 Jahren. Wir versuchen, die Macht der Jugend aufzuzeigen.“ Das Schlimmste: Es funktioniert. Die finnische Regierung unterstützt Startup Sauna mit 300.000 Euro aus öffentlichen Mitteln wie Tekes und SITRA. Und dann verrät die Gruppe ihre Ziele: „Finnland bis 2017 zum Start-Up-Hub in Europa und Russland zu machen“. 

Schwimmen oder Untergehen

Und wie es für rasante Zeiten nun mal typisch ist, kommt diese neue Garde schnell voran, sehr schnell sogar. Super vernetzt, solidarisch und mit Hoodie erfinden die jungen Soldaten des Kapitals die Art des Unternehmens neu. Annie nimmt hier kein Blatt vor den Mund: „Wir wollen kein neues Nokia werden“. Zu seriös, zu sehr nach Protokoll, zu sehr von gestern. „Ich kenne keinen einzigen jungen Menschen, der sein ganzes Leben für ein und dieselbe Firma arbeiten will“, sagt Timo, Gründer des erfolgreichen Start-Ups Catchbox. „Und noch dazu war es erst der Niedergang von Nokia, der diese neuen Tätigkeitsfelder möglich gemacht hat.“ Nokia hat gerade seine Telefonsparte für 5,4 Milliarden Euro an Microsoft verkauft und das hat das gesamte Land erleichtert. Man munkelt, dass sogar der finnische Wirtschaftsminister Jan Vapaavouri gesagt hätte: „Das ist das beste, was uns passieren konnte.“

In Wirklichkeit ist dieser Satz Arctic Startup entnommen, dem einflussreichsten Wirschaftsblog in den nordischen Ländern. Antti Vilpponen, der 33-jährige inzwischen zurückgetretene Gründer des Mediums – er konzentriert sich jetzt auf Cloud Enginieering – begrüßt die Entwicklung, die von den Start-Ups ausgeht. „Das hat viel Werbung für das Unternehmertum in Finnland gemacht und dazu beigetragen, die Mentalität zu verändern“, räumt er ein. „Jetzt müssen sich diese neuen Firmen auf dem Markt behaupten.“ Zeigen, dass sie sich langfristig etablieren können und fähig sind, ein tragfähiges und nachhaltiges Ökosystem zu schaffen. Start-Ups werden im Durschnitt drei Jahre alt; aus schätzungsweise 70% von ihnen wird nichts. Die wahre Herausforderung liegt also im Umgang mit der Zukunft. Aber dafür haben Annie und ihre legendäre Gelassenheit die Lösung: Wenn du der beste bist, kannst du einfach machen, was du willst.“

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe EUtopia on the ground, die jeden Monat die Frage nach der Zukunft Europas aufwerfen soll. Dieses cafébabel Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, der Fondation Hippocrène sowie der Charles Léopold Mayer-Stiftung unterstützt.