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Die Letzten ihrer Art

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2006
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2006
Nur in der Hohen Tatra gibt es noch Lastenträger, die Berghütten versorgen. Einmal im Jahr veranstalten diese Männer und Frauen einen Wettbewerb der besonderen Art – die Sherparalley.

Stary Smokovec, Slowakei. Ein wolkenloser, blauer Himmel spannt sich über das flächenmäßig kleinste Hochgebirge Europas, die Hohen Tatra. Wie eine Faust ragen die bis zu 2632 Meter hohen Berge in der Nähe von Poprad aus der Ebene empor. Es ist kurz vor zwölf Uhr, als sich der 54-jährige Victor Beranek vor die Mittelstation Hrebienok stellt und die ersten Worte an die versammelten Menschen richtet: „Liebe Genossen und Genossinen!“ Er macht eine kurze Pause, „oh, Entschuldigung, das ist eine der alten Reden“, und wartet, bis das Gelächter seiner Zuhörer abgeklungen ist. Dann begrüßt er feierlich alle Teilnehmer und Zuschauer zur 21. Sherparalley – dem alljährlich ausgetragenen Lastenträgerwettbewerb. Dieses Jahr gilt es, knapp 800 Höhenmeter bis hinauf zu Terry´s Hütte auf 2015 Meter zu überwinden. Zwei Stunden vorher waren die ersten Teilnehmer eingetroffen, um ihre Holzgestelle zu beladen. Sie schnürten wahlweise Limonade in grellbunten Plastikflaschen oder Tüten gefüllt mit Kohle auf die etwa 1,5 Meter hohe Tragevorrichtung. Auf einer Waage wurde das exakte Gewicht pro Träger festgestellt: 60 Kilo für Männer und 20 Kilo für Frauen.

Olympischer Geist

Der Wettbewerb hat Tradition. Begonnen hatte alles vor 21 Jahren als die Hohe Tatra noch in der Tschechoslowakei lag und die Zentralregierung in Prag kommunistisch war. Die Männer der Bergwacht versorgten die Berghütten auf ihren regelmäßigen Rundgängen mit Lebensmitteln und Kohle, die sie zu Fuß nach oben schleppten. In dieser Männerwelt blieb es nicht aus, dass in der Kneipe bei einem Bier die jeweiligen Zeiten und Gewichte verglichen wurden. Bis Victor Beranek 1985 den ersten offiziellen Wettbewerb der Lastenträger mit acht Männern organisierte. „Wir wollten einfach wissen, wer der Beste von uns ist“, erklärt er. Auch heute beschränkt sich der 4-malige Sieger der Sherparalley nicht auf die Begrüßungsrede. Punkt Zwölf Uhr laufen er und die anderen 36 Männern und 13 Frauen in den Wald Richtung Gipfel.

Inmitten der Fichten ist dann von der eben noch vergnüglichen Stimmung nicht viel übrig. Konzentriert schauen die Träger auf den weichen Boden, der immer wieder von Wurzelwerk überzogen ist. Nur matt tritt das Licht durch die dichten Baumkronen hindurch und ein Fehltritt könnte schlimme Folgen haben. Hier beginnt der erste schwierige Anstieg. In mehreren Serpentinenwindungen kämpfen sich die Träger wie Perlen an einer Schnur aufgezogen über 400 Höhenmeter einen Hang hinauf. Es ist vor allem der olympische Charakter, der die Teilnehmer reizt. „Beim Tragen geht es zu 70 Prozent um die Bewältigung der Schmerzen“, erklärt keuchend der 25-jährige Ivan Manga, der das erste Mal bei dem Wettbewerb dabei ist, jedoch schon jahrelange Erfahrung als Träger in der Tatra mitbringt. Er hat seinen Rucksack auf einen Stein gelehnt und wischt sich den Schweiß aus der Stirn, während andere Träger an ihm vorbei ziehen. „Man muß sich das Rennen gut einteilen und seine Ruheplätze kennen, ansonsten versagen die Oberschenkel im letzten Drittel.“

25 Cent pro Kilo

Die Sherparalley ist einzigartig in Europa. Denn nur noch in der Hohen Tatra gibt es Lastenträger, die Berghütten versorgen. In den Alpen oder anderen Hochgebirgen werden die abseits von Straßen gelegenen Hütten längst mit Hubschraubern versorgt. Das geht schneller und wesentlich kostengünstiger. In der Tatra bekommen die Träger normalerweise pro Kilo ungefähr 10 slowakische Kronen (ca. 25 Cent). Insofern ist die Ralley ein gutes Geschäft für die Hütte, die umsonst an einem Tag mit fast einer Viertel Tonne Güter versorgt wird.

Die Perlenkette der Träger hat sich inzwischen gelöst. Auf dem mittleren, sanft ansteigenden Abschnitt leuchten nur noch vereinzelt die weißen Kohlentüten zwischen dem satten Grün der Büsche auf. Erst in der steilen, grauen Steinwand des letzten Drittels treffen sie wieder aufeinander. Hier wird jede Serpentinenkurve zur Pause genutzt, während die isotonischen Getränke langsam zur Neige gehen. Auch Ivan Mangas Wasser ist inzwischen ausgetrunken. In seinem Gesicht zeichnen sich bei jedem Schritt die Schmerzen in den Oberschenkeln ab. Zwischen die schweren Atemzüge mischen sich leise Flüche. „Den Sieg kann ich vergessen“, sagt er resignierend und schaut dabei auf seine vor Erschöpfung zitternden Beine.

Urkunden, Bierkrüge, Teigmedaillen

Sobald jedoch die ersten Zuschauer oben auf dem Felsvorsprung sichtbar werden und der Wind ihr Geschrei und das Gerassel der Rätschen hinunter weht, spielen solche Gedanken keine Rolle mehr. Das Ziel ist nah und die Schmerzen haben bald ein Ende. Mit zügigem Schritt biegt Ivan Manga um den letzten Felsen und unter großem Gejohle und mit breitem Grinsen läuft er endlich ins Ziel ein. Die Stoppuhr der Schiedrichter zeigt seine Zeit: 1 Stunde 55 Minuten, 6.Platz. „Und jetzt ein Bier“, sagt er dennoch glücklich, läßt seine schwere Last von den Schultern gleiten und verschwindet in Terry´s Hütte.

Eine halbe Stunde später wird auch Victor Beranek gemütlich ins Ziel laufen und nochmals 1 Stunde später, nach Ankunft des letzten Teilnehmers, die Siegerehrung einleiten. Er verteilt Urkunden, Bierkrüge, Teigmedaillen und an die Sieger den hölzernen Pokal mit einer kleinen Bibersherpa-Figur an der Spitze. Das Wichtigste seien jedoch nicht die Preise oder die Zeiten, sagt er: „Das Schönste an der Sherparalley ist, dass wir uns alle zusammen einmal im Jahr in den Bergen wiedersehen und Spaß haben.“

Wenn Malicky unten an der Mittelstation in die Drahtseilbahn nach Stary Smokovec steigt wird er an der Infotafel der Wanderwege vorbeilaufen. Für den Weg zu Terry´s Hütte ist dort eine Zeit von 2 Stunden 45 Minuten in das dunkle Holz eingepinselt. Mit leichtem Gepäck, versteht sich.