Lifestyle

Die Krainer Wurst-Saga

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2017
Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2017

Auf den Wurst-Amateur mag die Krainer wie ein beliebiges Schweinefleisch-Erzeugnis wirken. Doch vor einigen Jahren schaffte es diese unscheinbare Wurst, einen internationalen Food-Fight vom Zaun zu brechen, der halb Europa zu verschlingen drohte. 

März 2009. Die slowenische Regierung beantragt die geographisch geschützte Angabe (g.g.A.) für ihre Kranjska Klobasa - die slowenische Bezeichnung für Krainer-Wurst - bei der Europäischen Kommission. Diese Schutzmarke genießen bereits kulinarische Juwele wie Gruyère-Käse, Scotch Whisky und CornishPasty und sollte nun auch den in Slowenien produzierten Krainer-Würsten das Recht verleihen, als einzige unter diesem Namen verkauft werden zu dürfen.

Diese Nachrichten waren ein harter Brocken für Österreich und Deutschland, unbestrittene Anführer des Wurst-Imperiums. Es folgte eine Beschwerde ihrerseits bei der EK, da mit „Krainer“ auch verschiedenste Schweinefleisch-Produkte in beiden Ländern bezeichnet werden. In diesen hitzigen Dreikampf mischte sich dann auch noch Kroatien, das damit argumentierte, dass die Wurst südlich der slowenischen Grenze mindestens genauso beliebt sei.

Die Diskussion nahm bald einen unfreundlichen Ton an. „Wir werden niemandem erlauben, uns das Krainer-Würstel wegzunehmen!“, erklärte Niki Berlakovich, der damalige österreichische Landwirtschaftsminister. Josef Bitzinger von der Wiener Handelskammer pflichtete ihm bei und bestand darauf, dass es „ein Ding der Unmöglichkeit sei, diese geliebte Delikatesse umzubenennen“.  In einem Akt beispielloser Kooperation vereinten dann das Landwirtschaftsministerium und die Handelskammer ihre Kräfte mit dem Patentamt, um Slowenien zu verklagen.

Beleidigte Krainerwurst

Unbeirrt konterten darauf die Slowenen: „Alle Argumente sind auf unserer Seite“, beteurte der uneinsichtige Franc Bogovic, slowenischer Amtskollege aus dem Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft. Nach fast sechs Jahren bürokratischen Hickhacks gewährte die EK der Kranjska Klobasa schließlich geschützten Status - wenn auch unter der Prämisse, dass auch andere Länder weiterhin die Bezeichnung „Krainer“ benutzen dürften.

Es ist leicht, sich aus diesem ganzen Drama rauszuhalten, nicht zuletzt, weil ich Vegetarier bin und solche Beschreibungen wie des Würstels „exquisite Saftigkeit“ auf mich leicht Übelkeit erregend wirken. Doch der theatralische Charakter der Geschichte ist in Wahrheit beispielhaft für Lebensmittelpolitik, eine der aufsteigenden Fronten im globalen Kampf um soft power. Andere aktuelle Beispiele von Lebensmittel-Streitigkeiten sind Libanon vs. Israel, die sich um die Frage zanken, wer den Hummus kreierte, oder Australien und Neuseeland über die Erfindung der Pavlova, oder der Dreiländerzwist zwischen Chile, Bolivien und Peru um den Ursprung der Kartoffel.

Diese Dispute erreichen oft surreale Proportionen - wie zum Beispiel als Neuseeland quasi als kalorienreicher Konterschlag gegen Australien eine Pavlova gebacken hat, die groß genug war, um 10.000 Menschen satt zu machen. Oder als Südkorea Kimchi ins All geschossen hat, um das Hoheitsgebiet der scharf-sauren Gemüse-Beilage gegenüber Japan abzustecken.

Abseits dieser Show-Einlagen ist Lebensmittelpolitik allerdings knallhartes Business. Italiens Speise- und Getränke-Delikatessen, wohl seine berühmtesten Exportprodukte, bringen jährlich an die 40 Milliarden Euro ein. 2016 krönte das Land seine hochgeachtete Essenskultur mit dem gastro-diplomatischen Spektakel der „World Wide Week of Italian Cuisine“ mit Events in über 100 Ländern. Außerhalb Europas nutzt auch China die globale Popularität seiner Küche gehörig aus, um sein Image aufzupolieren, internationale Kooperation zu stärken und der Welt ein freundlicheres Bild des autoritären Staates zu präsentieren.

Was in der Lebensmittelpolitik ironischerweise oft ins Abseits gerät, ist das Essen an sich. Die Landesküchen werden selten dafür gefeiert, was sie sind, sondern eher für das, was sie darstellen. Im gesamten Streit um die Krainer-Wurst hat niemand offen gesagt, dass die Wurst besonders wäre, weil sie lecker schmecke, viel wichtiger war es, dass es ihre Wurst war. Sie diente nur als fleischgewordene Schachfigur in der Welt der politischen Angeberei.

Solange sich Staaten immer mehr darauf fokussieren, ihre Macht primär durch kulturelle als durch politische Präsenz auszuüben, wird Lebensmittelpolitik in absehbarer Zukunft wahrscheinlich weiterhin ein heißes Thema bleiben. Besonders gastronomische Fehden bieten einen relativ geschützten Raum, innerhalb dessen die Duellierenden ihre diplomatischen Muskeln spielen lassen können - obwohl die Dinge auch schnell hässlich werden können, wie es beispielsweise vor über 50 Jahren im Kabeljau-Krieg zwischen Großbritannien und Island passiert ist (ja, den gab es wirklich).

Während also die Krainer-Saga wieder runtergekühlt ist, brodeln bestimmt andere kulinarische Spannungs-Potenziale in den Tiefen Europas, die nur darauf warten, das nächste politische Tauziehen zu provozieren. 

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Dieser Artikel wurde von David Mountain geschrieben und ursprünglich vom europäischen Storytelling-Kollektiv Are We Europe veröffentlicht.