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Comeback des Turnbeutels: die Infantilisierung der Hauptstadtmode

Artikel veröffentlicht am 7. April 2014
Artikel veröffentlicht am 7. April 2014

Vor­bei die Zei­ten, in denen Ray-Bans und Ju­te­beu­tel der letz­te Schrei waren. Der coole Ber­li­ner klei­det sich mitt­ler­wei­le wie ein Grund­schü­ler. Kann er so doch so­wohl sei­nen alten Turn­beu­tel als auch die Woll­jop­pe sei­nes Opas öko­lo­gisch kor­rekt re­cy­celn. Woher kommt diese Angst vor einer er­wach­se­nen Kör­per­lich­keit? 

„Da kommt schon der nächs­te Turn­beu­tel!“ Wer sein Fei­er­abend­bier bei früh­lings­haf­ten Tem­pe­ra­tu­ren nicht wie ge­wohnt in einer der Sze­ne­knei­pen Neu­köllns, son­dern auf dem Bänk­chen davor ge­nießt, mag sich ge­le­gent­lich auf dem Spiel­platz wäh­nen. Wann genau kamen Ju­te­ta­schen aus der Mode und wur­den durch Turn­beu­tel er­setzt? „Mitt­ler­wei­le läuft fast jeder mit so einem blau­en Sack auf dem Rü­cken herum. Mich er­in­nert das immer an den schreck­li­chen Sport­un­ter­richt in der Grund­schu­le“, meint Chris­ti­an, der schon län­ger im Süden Ber­lins lebt.

Ich wär so gern wie­der ein Kind... mo­disch ge­se­hen

Wäh­rend der Turn­beu­tel den gro­ßen Nach­teil hat, dass man nicht nur stun­den­lang mit dem Tun­nel­zug kämp­fen, son­dern auch noch eine halbe Ewig­keit nach sei­nem Geld­beu­tel kra­men muss – schließ­lich hat das Säck­chen keine In­nen­ta­sche – för­dert er doch die Gleich­be­rech­ti­gung der Ber­li­ner Männ­lich­keit: Auch wenn ein bär­ti­ger Hemd­trä­ger kaum mit einer Hand­ta­sche am Hand­ge­lenk durch Neu­kölln wan­deln würde, ist der Turn­beu­tel ein gen­der­tech­nisch gänz­lich un­pro­ble­ma­ti­sches Ac­ces­soire. Schließ­lich tru­gen wir in der Grund­schu­le alle nur Hose und T-Shirt und wi­der­set­zen uns – ge­schlechts­nor­ma­ti­ve Dis­ney-Print-Swea­ter hin oder her – er­folg­reich der Se­xua­li­sie­rung un­se­rer Kör­per. „Der Turn­beu­tel ist so er­folg­reich, dass er sogar fast schon Fjäll­rä­ven Kan­ken ab­löst!“, lacht Chris­ti­an. Der qua­dra­tisch-prak­tisch-blaue Ruck­sack aus Schwe­den ist eben­falls ein Kind­heits­ac­ces­soire, dass die deut­sche Haupt­stadt im Sturm er­obert hat. Wer sich als Mäd­chen noch Söck­chen und einen Pulli mit Schnee­witt­chenmotiv zu­legt, hat sein Out­fit per­fek­tio­niert. Dann nur noch die Füße ge­konnt nach innen dre­hen, wenn man vor der Knei­pe seine Zi­ga­ret­te raucht, und man sieht wie sein ei­ge­nes ver­ruch­tes Selbst zu Grund­schul­zei­ten aus. 

Als Mann hin­ge­gen kann man ent­we­der dem jun­gen­haf­ten Ma­tro­sen­stil frö­nen, der sich durch Rin­gels­hirts, eine runde Stre­ber­bril­le und kind­lich hoch­ge­krem­pel­te Ka­rot­ten­jeans­auf­schlä­ge aus­zeich­net. Oder aber man be­dient sich an Opas Klei­der­schrank: „Das ist das Pa­ra­do­xe an der Sache“, meint Chris­ti­an. „Viele Män­ner hier tra­gen Woll­jop­pen und grüne Cor­d­ho­sen – wie ihre ei­ge­nen Opas.“ Auch das ver­träum­te Spiel mit Ru­biks be­rühmt be­rüch­tig­ten Zau­ber­wür­fel ist wei­ter­hin be­liebt. Über­haupt soll­te man je­der­zeit etwas zum Spie­len oder Bas­teln in sei­nem Turn­beu­tel mit sich füh­ren. Doch da mitt­ler­wei­le selbst Klein­kin­der schon Han­dys haben, sind als Aus­druck ahis­to­ri­scher Ab­sur­di­tä­ten meis­tens auch Smart­pho­nes er­laubt.

Die ewi­gen Spiel­kin­der der Ge­ne­ra­ti­on Y

Ob In­fan­ti­li­sie­rung oder Ger­ia­tri­sie­rung der Mode: Woher kommt diese Angst vor dem Aus­druck der ei­ge­nen er­wach­se­nen Kör­per­lich­keit? Der Ge­ne­ra­ti­on Y, zu der viele Be­woh­ner der Sze­ne­vier­tel Neu­köllns ge­hö­ren, wird nicht um­sonst stän­dig vor­ge­wor­fen, dass sie vor der ei­ge­nen Ver­ant­wor­tung fort­lau­fe und sich in pseu­do-idyl­li­sche Spiel­wel­ten zu­rück­zie­he. Doch warum nur, fragt sich der bier­trin­ken­de Zu­schau­er, soll­ man sich an seine schreck­li­che Schul­zeit er­in­nern wol­len? Un­glück­li­cher­wei­se hat die all­ge­mein vor­herr­schen­de Nost­al­giewelle mitt­ler­wei­le aber auch die ei­ge­ne Kind­heit er­fasst, so­dass wir auf den braun­sti­chi­gen Fotos im Fa­mi­li­en­al­bum nur noch die cool ver­wa­sche­nen T-Shirts sehen und uns nicht mehr an den trä­nen­rei­chen Turn­un­ter­richt er­in­nern. 

Der Turn­beu­tel ist in Ber­lin so be­liebt, dass sogar ein Elek­tro-La­bel nach ihm be­nannt wurde. Oli­ver Scho­ries, Be (Ori­gi­nal Mix), 2013.  

Viel­leicht ist das Ver­steck­spiel in kind­li­chen bzw. groß­el­ter­li­chen Klei­der­schrän­ken aber auch Aus­druck der all­ge­mei­nen se­xu­el­len Ver­un­si­che­rung. Vor allem Män­nern wird – dank Eman­zi­pa­ti­on und Gen­der Stu­dies – die ei­ge­ne Ge­schlech­ter­rol­le glück­li­cher­wei­se nicht mehr auf dem Sil­ber­ta­blett ser­viert. Da mag sich man­cher lie­ber hin­ter die kla­ren Fron­ten, die noch zu Grund­schul­zei­ten herrsch­ten, zu­rück­zie­hen oder sich – als Dop­pel­gän­ger sei­nes Opas – aus dem wil­den Paa­rungs­zir­kus ver­ab­schie­den. Die Frau­en be­för­dern mit ihren mäd­chen­haf­ten Out­fits je­doch kei­nes­wegs einen Lo­li­ta­wahn – dem ja­pa­ni­schen Kind­heits­fanatismus steht die Ber­li­ner Söck­chen-und-Turn­beu­tel-Be­we­gung nun wahr­lich nicht nahe. 

Wie alle Trends wird aber auch die Kind­heits­nost­al­gie in den nächs­ten Jah­ren ihrem ekla­tan­ten Ge­gen­teil, einer hy­per­se­xua­li­sier­ten Push-Up- und Mus­cle-Shirt-Wel­le, Platz ma­chen müs­sen. Bis dahin ist zum Glück noch genug Zeit, um auf die Rück­kehr des Brust­beu­tels und des Scout-Schul­ran­zens zu spe­ku­lie­ren. Die sind bis­lang noch nicht in Neu­kölln ge­sich­tet wor­den – aber es dau­ert si­cher nicht mehr lange, bis die ers­ten Sze­ne­gän­ger das grün-pink-blaue Un­ge­tüm beim Stö­bern auf dem Dach­bo­den ent­de­cken. Und zum neon­bun­ten Re­tro­t­rend passt ein Scout-Schul­ran­zen na­tür­lich wie die Faust aufs Auge.