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Claudia Cardinale: „Innerlich stark bleiben, egal ob Du die Hure oder Prinzessin spielst“

Artikel veröffentlicht am 2. März 2009
Artikel veröffentlicht am 2. März 2009
Ein 30-jähriger französischer Schauspieler, Alexandre Styker, nimmt neben der italienischen Diva auf dem Divan Platz. Visconti, Fellini, Delon… Vierzig Jahre Karriere trennen die beiden. Kleine Szene zwischen zwei Freunden, die über das Kino, Gestern und Heute reden.

„Ich vermute, du willst eine Zigarette“, spottet Claudia, auf ihrem Kanapee liegend. Cardinale und Alexandre Styker haben sich vor vier Jahren bei einem Stück unter der Regie von Philippe Adrien, Sanfte Vögel der Jugend, im Theâtre de la Madeleine in Paris kennengelernt. „Da wir nebeneinander wohnten, nahmen wir das gleiche Taxi, so sind wir Freunde geworden.“

Es ist die Geschichte eines blonden Jünglings, der die Bretter der Welt betritt, und einer großen Dame des Kinos, die noch längst nicht vorhat, sich von der Leinwand zu verabschieden. Claudia Cardinale, 1938 in Tunis als Kind sizilianischer Eltern geboren, ist 70 Jahre alt und gehört zu den „Happy few“, jenen Schauspielern, die über hundert Filme mit den größten Regisseuren gedreht haben. Alexandre Styker hat neben seinen Theaterauftritten kürzlich in einer französischen Fernsehserie, La Commune, für den französischen PayTV-Sender Canal+ gespielt.

Ist Claudia Cardinale im Leben so wie im Kino? „Nein, in Wirklichkeit bin ich ein normaler Mensch!“, verteidigt sich die Schauspielerin. „Du bist nicht normal“, erwidert Alexandre, „die Normalität ist beunruhigend!“ Wenn die beiden Freunde auch im gleichen Viertel wohnen, ist das Schauspielerleben oft nomadisch. „Aber wir haben ein kleines Ritual für uns: Wir rufen uns vor Neujahr an und verabreden, was wir essen und was wir zu Silvester machen wollen. Fast immer gibt es am Ende Couscous und Tajine.“

Delon und Cardinale - ein ewiges Paar

Auch heute noch nehmen Alexandre und Claudia dasselbe Taxi zum Theater, auch wenn sie sich  meistens als Zuschauer dort hin begeben. „Claudia hat mich mitgenommen, um ein Stück mit Delon anzuschauen. Das war komisch, auf einmal hatte ich Le Guépard [Der Leopard] vor Augen“, erinnert sich Alexandre. „Alain ruft mich oft an, wir sind immer noch sehr verbunden“, setzt Claudia Cardinale fort. „Und obwohl es nur Kino sei, wären wir ein ewiges Paar, sagt er!“

An Theatervorstellungen mangelt es in der Lichterstadt jedenfalls nicht. „Mein Viertel in Paris ist wie ein Dorf, keiner stört mich. In Rom springen die Leute hoch und in Tunis schreien die Leute ‚Claudia, Claudia´, weil ich die einzige bin, die dort unten geboren ist. Ich muss dann immer Tee in der Medina trinken, ansonsten sind die Leute beleidigt.“ Auf dem Kaminsims drängen sich eine Vielzahl an vergoldeten Trophäen und Preisen. „Mein Glück war es, meine Karriere im magischen Moment des Kinos gestartet zu haben - den 1960er Jahren. Ich habe fünf oder sechs Filme pro Jahr gemacht. Es waren die großen Regisseure und es war immer ein bisschen Risiko dabei: Man wusste nie, ob man den Film beenden würde.“

Visconti und die vorbeiziehenden Jahre

Ob Alexandre Styker einen Film im Kopf habe, in dem er Claudia gerne das Stichwort gegeben hätte: Er antwortet: „Das Mädchen mit dem leichten Gepäck [Valerio Zulini, 1960]! Das ist vor allem ein Film, den ich zusammen mit ihr gesehen habe. Claudia hat mir gesagt, ich ähnele Jaques Perrin und so habe ich mir gesagt, ich muss diese Rolle übernehmen. Nur dass ich zu dieser Zeit noch nicht einmal so richtig geboren war!“ Alexandre wurde geboren, als Claudia, mitten im Dreh von Viscontis Gewalt und Leidenschaft, schon mehr als fünfzig Kinofilme gedreht hatte. Doch die Freundschaft zählt keine Jahre: „Vierzig? Das sind gerade mal ein paar Jahre…einige Monate sogar bloß!“

„Warum nicht auch mit Visconti“, fügt der junge Mann seinen Tagträumen hinzu. „Na von wegen“, wirft ihm die Grand Dame ironisch zurück, „er war ein Genie! Ich habe vier Filme mit ihm gemacht und er hat mich in vier Ecken der Welt mitgenommen, er hat mich mit Geschenken überhäuft. Er hat gesagt ich sei eine Katze, die man streicheln kann, aber eine Katze, die ihre Krallen ausfährt. Visconti war ein Mann des Theaters, du konntest keinen Gesichtsmuskel bewegen, wenn er nicht einverstanden war. Es war nötig, dass die Augen sagen, was die Augen nicht sagen. Mit Federico Fellini dagegen, mit dem ich 8 ½ gedreht habe, gab es kein Szenario, das war totale Improvisation…“ Alexandre Styker bestätigt: „Das ist wahr, schlussendlich sieht man bei Visconti die Strenge und dass es bei Fellini drunter und drüber geht!“

Hure oder Prinzessin

Begehrte und begehrenswerte Cardinale: „Man schlug mir vor zu drehen, ich ging aber auf keines der Angebote ein. Sie mussten ganz schön hartnäckig sein, damit ich einwilligte.“ „Ein bisschen wie in der Liebe, man muss sich hingeben, damit es läuft“, vergleicht ihr Komplize. Doch heutzutage hat sich das Kino verändert: „Etwas Zeitgenössisches zu machen, ist nicht so leicht“, räumt die Schauspielerin ein. „Alle rackern sich ab, um Geld zu haben. Wenn man keine Mittel hat, braucht man Ideen und Energie.“ Gewisse Wahrheiten kommen trotzdem nicht aus der Mode: „Das Wichtige ist, innerlich stark zu sein, um du selbst zu bleiben, wenn du die Hure oder die Prinzessin spielst.“

Auch wenn sie künftig öfter Prinzessin als Hure ist, „der Cardinale“ mangelt es nicht an Arbeit. Ein Theaterstück und vier Filme, davon einer über Camus und Drehs in Marokko, Algerien und Tunesien. „Unglaublich, aber wahr“ (wie sie sagt), hat die Veteranin des europäischen Kinos „eine Unmenge an Angeboten.“ „Du hast wirklich Glück“, beeilt sich der junge Alexandre zu erwidern. Es ist keine einfache Zeit für Komödianten.