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ChPD: Polens Doktortitel im beschissenen Haushalten

Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2017
Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2017

Nudeln aus dem Wasserkocher? Rostbraten in Rotwein dünstet ihr grundsätzlich auf Prozac? Und zu Hause habt ihr gleich mehrere Mount Evermess? Dann seid ihr in bester Gesellschaft auf der satirischen Facebook-Seite der polnischen Anti-Hausfrauen - ChPD. Ganz sicher ohne Herdprämie.

ChPD ist ein Titel - fast wie ein Ph.D. Ein Doktorat in Unordnung, Faulsein und vor allem im Seelebaumeln-lassen. Die 'Chujowa Pani Domu' (etwa: beschissene Hausfrau) alias ChPD ist im Haushalt vollkommen nutzlos. Die Schuhe braucht ihr bei ihr zu Hause gar nicht erst auszuziehen, weil sie den Boden sowieso nicht wischt. In ihrem Kühlschrank befinden sich Lebensmittel, die schon seit einer Woche klinisch tot sind. Sie trägt T-Shirts mit der Aufschrift „It’s not PMS. It’s you.“ Sie zitiert gern Agatha Christie, die sie zur Schirmherrin des Projekts machte, weil ihr beim Abwasch immer die Ideen für einen Krimi einfallen: „Diese Tätigkeit ist derart stupide, dass ich dabei immer Selbstmordgedanken bekomme.“ Und sie greift auch Worte der serbischen Künstlerin Marina Abramović auf, die in Sachen Hausarbeit auch bestens aus dem Nähkästchen plaudert: „Die Küche ist der Anfang des Abstiegs, danach folgen nur noch Langeweile, Krankheit und Tod.“

Brot, Spaghetti, Cyanid

All diese Aktivitäten der 'bescheidenen Haushaltsführung' werden auf der gleichnamigen polnischen Facebook-Seite zusammengetragen. Dort kann man Fotos von Frauen sehen, die den Teig aufgrund des unauffindbarn Nudelholz' mal eben mit einer Flasche Wodka ausrollen. Den Hund würden sie am liebsten in die Waschmaschine stecken. Sobald sie die Lust am Aufräumen packt, nehmen sie einen Schluck Wein und warten, bis sie wieder vergeht. Das Konzept der Chujowa Pani Domu ist klar: Du vergisst nie, den Ofen auszumachen, wenn du ihn erst gar nicht einschaltest. Und wie sieht die Einkaufsliste aus, wenn du dich mit deinem Freund streitest und ihn dann einkaufen schickst? Hähnchen, Knoblauch, Spaghetti, Cyanid, Brot.

Die beschissene Hausfrau, die hinter der Initiative steckt, heißt in Wirklichkeit Magdalena Kostyszyn. Die Polin ist eine hübsche, knapp dreißigjährige Frau, die schon lange im PR-Bereich tätig ist und einen Studienabschluss in Polnischer Philologie besitzt. Sie benutzt gern Kraftausdrücke und hasst Schlafanzüge.

Magdalenas Hang zum Anti-Hausfrauendasein begann zunächst ganz harmlos: An einem Freitag stopfte sie ihre Wäsche in die Waschmaschine und vergaß, sie anschließend aufzuhängen. Erst am Sonntag erinnerte sie sich wieder daran. Sie öffnete die Waschmaschine, machte die Tür aber lieber gleich wieder zu, stellte auf das Doppelspülprogramm und taggte sich auf ihrem Blog als #ch*** panidomu. Sofort hatte sie Tonnen von Likes.

Mittlerweile ist ihre Facebook-Seite bereits mehrere Jahre alt und Magdalena folgen über 600 000 weitere beschissene Hausfrauen und -männer. Die Fans wirken an der Gestaltung der Seite mit und unterstützen sich gegenseitig in den besten parodien darüber, dass ein perfekt aufgeräumter Haushalt, eine noch perfektere selbstgemachte Torte und das perfekteste Make-up wirklich zu viel sind. Die Posts werden vielseitig kommentiert: „So mach ich das auch“, „Du bist nicht allein“, „Ich fühle mich schon viel besser“ oder „Bei meiner Waschmaschine ist das auch so!“. Kleine und große Misserfolge im Haushalt werden geteilt und lösen sich am Ende in Luft auf.

Von der Anti-Hausfrau zur Superheldin

Vergangenes Jahr verlieh die Zeitschrift Hohe Absätze (Wysokie Obcasy) Magdalena Kostyszyn das Label „Superheldin“ („Superbohaterka“) - für die Verbreitung ihrer kritisch-bissgen Haltung zur Hausarbeit und zum Lebensgefühl junger Frauen im 21. Jahrhundert. Hohe Absätze erscheint als Beilage der bekannten Tageszeitung Gazeta Wyborcza und erzählt die Geschichten von Frauen, die sich für mehr Gleichberechtigung, Freiheit und „Schwesterlichkeit“ einsetzen. Die Chefredakteurin der Wochenzeitschrift bedankte sich bei der Bloggerin dafür, dass sie „Frauen zeigt, dass sie keine perfekte Hausfrau sein müssen, sondern die Möglichkeit haben, in anderen Bereichen gut zu sein.“

Im breiteren Kontext von Gender-Rollen und gesellschaftlichen Stereotypen, könne, so die polnische Feministin und Journalistin Anna Dudek, komischerweise die Generation unserer Großmütter sogar wegweisend sein: „Ein Mann sollte nicht zu viel trinken, er sollte Geld nach Hause bringen und ein bisschen besser aussehen als der Teufel“, hieß es damals. Allerdings hatten die Frauen aus der Großmutter-Generation auch ziemlich hohe Ansprüche an sich selbst: „Sie scheuerten den Fußboden, machten Essen, brachten Kinder zur Welt und führten den Haushalt so, dass sich die perfekten Hausfrauen mit ihren weißen Handschuhen schämen würden.“ Zum Glück gibt es da heute Magdalena Kostyszyn. Sie kehrt Misserfolge ins Positive und zerstört dabei das perfekte Hausfrauen-Klischee.

Unordnung ist in Ordnung

Aleksandra Magryta vom feministischen Infoservice Feminoteka bestätigt: Wenn es um den Haushalt geht, sind es nachwievor Frauen, denen diese Rolle zugeschrieben wird. Auch wenn mehr und mehr Männer als noch vor 50 Jahren im Haushalt mit anpacken, bleibt der Job weiterhin fest in Frauenhand, wie die letzte OECD-Studie zeigt. „Haushaltspflichten erfordern jedoch kein Super-Gen oder besondere Fähigkeiten, über die nur Frauen verfügen. Männer könten die Herausforderungen der Hausarbeit mit Sicherheit bewältigen.“ Auch wenn es einige gibt, die sich die Haare mit dem Staubsauger föhnen, wie uns die Seite ChPD zeigt.

Auch Bloggerin Matylda Kozakiewicz hat die beschissene Hausfrau zu ihrem offiziellen Idol erklärt: „Soll ich vorgeben, dass ich nicht esse und nicht schlafe?! Ich mag mein schmutziges Geschirr und mein ungemachtes Bett. Das sind meine kleinen Erfolge im Wettbewerb um den Titel der ChPD, sie ist mein Idol und ich würde ihr am liebsten die Füße waschen.“ Jeden Tag bekommt ChPD eine Menge an Nachrichten, User-Fotos und witzige Kommentare zu ihren Posts. ChPD ist eine Anti-Heldin. Sie zeigt den Leuten, dass es in Ordnung ist, in Unordnung zu leben. 

Die Autorin Magdalena Kostyszyn, die mittlerweile auch ein Buch zur Seite veröffentlicht hat, behauptet, das ganze Projekt sei aus der „Sehnsucht, normal zu sein“ entstanden. Wenn gerade nichts da ist, mit dem man ein Brot belegen könnte, bestreicht man es einfach mit Butter und schreibt dann mit schwarzem Filzstift „Käse“ darauf. Und pfeift auf die Warnung des Gesundheitsministeriums: Saubermachen kann tödlich sein.

Tschechisch im Original von Irena Dudová; Übersetzung: Julia Miesenböck

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In Partnerschaft mit jádu, dem jungen deutsch-tschechischen Online-Magazin des Goethe-Instituts Prag.