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Bratislava: Party ohne Grenzen

Artikel veröffentlicht am 1. April 2015
Artikel veröffentlicht am 1. April 2015

In den letzten Jahren ist Bratislava zu einer beliebten Partylocation geworden. Slowaken und Österreicher tanzen gemeinsam in den vielen Bars und Clubs der Stadt. Könnte der grenzüberschreitende Partytourismus ein dauerhafter Trend sein?

Wir gehen in den Untergrund, im wahrsten Sinne des Wortes. Auch wenn eine Buddhastatue über der Bar thront, ist die Atmosphäre doch alles andere als asketisch. Fast jeder Clubbesucher hat einen Cocktail oder ein Bier in der Hand. Die ohrenbetäubende Musik lässt kaum Raum für Meditation. Es ist aber nicht so laut, als dass nicht auffiele, wie viele Partygänger Englisch und Spanisch sprechen – nicht nur Slowakisch. Billigflüge und niedrige Getränkepreise haben Bratislava den Spitznahmen „Partyslava“ eingebracht. Lange war die Stadt vor allem ein beliebtes Reiseziel bei britischen Touristen, die hier ihren Jungesellenabschied feierten. Neuerdings fahren aber auch immer mehr junge Leute aus Wien und Österreich zum Party machen in die slowakische Hauptstadt. 

Wir treffen Richard und Bernadette, zwei junge Österreicher aus Hainburg, einer Kleinstadt direkt an der Grenze zur Slowakei. Beide kennen sich gut mit grenzüberschreitendem Clubbing aus. Richard, der für ein Wiener Theater arbeitet, ist schon oft in Bratislava weggegangen, das erste Mal mit 17: „Damals habe ich mich ziemlich gelangweilt, weil die Bars in Hainburg alle gleich waren. Deswegen bin ich mit meinen Freunden über die Grenze gefahren“, erzählt er. „In Bratislava gibt es viele junge, offene und kosmopolitische Leute. Wir sind einfach hingefahren, obwohl wir keine einzige Bar kannten.“ 

Die besten Wien-Partys? In Bratislava

Wenn man aus Hainburg kommt, dann ist Bratislava nur einen Katzensprung entfernt. Mit dem Bus 901 der städtischen Verkehrsbetriebe dauert die Fahrt rund 22 Minuten und wer unter 26 Jahre alt ist, zahlt nur 75 Cent. Drinks sind in Bratislava viel billiger als in Österreich, weshalb es logisch erscheint, dass man in der Grenzregion lieber nach Bratislava als nach Wien fährt. Was sind die besten Bars und Clubs? Richard und seine Freunde gehen oft in die Sky Bar in der Nähe der Amerikanischen Botschaft: „Da gibt es eine Dachterrasse und die Auswahl bei den Drinks ist auch gut.” 

Irena kommt ursprünglich aus Serbien, hat aber einige Zeit in Wien gelebt, bevor sie letztes Jahr als Erasmusstudentin nach Belgien gezogen ist. Auch sie ist eine Verfechterin des grenzüberschreitenden Feierns. Kaum in Wien angekommen, fragte Irena einen Bosnier, wo man am besten ausgehen könne. Seine Antwort? „Um ehrlich zu sein, habe ich die besten Partys meiner ganzen Wien-Zeit in Bratislava gefeiert.“ Irena lachte und lud sich auf seinen nächsten Partytrip ein. Daraus wurden schließlich fünf bis sechs Fahrten pro Jahr. Am liebsten ging die Gruppe in den Cirkus Barok, die Nu Spirit Bar oder das RIO. „Die Clubs sehen vielleicht nicht so super aus, aber die Atmosphäre ist auf jeden Fall viel spontaner“, meint Irena. „Die Männer finden außerdem, dass die Frauen in Bratislava besser aussehen als in Wien“, fügt sie lachend hinzu. 

Auch Bernadette war vor Kurzem in Bratislava, um zusammen mit Richard den Geburtstag eines Freundes zu feiern. Für sie war es der erste Partytrip über die Grenze. „Die Bars dort sind anders, aber genau das suchen die meisten ja“, meint sie. „Einfach mal was anderes sehen.“ Obwohl Bernadette erst einmal zum Feiern in Bratislava war, kennt sie die Szene in der slowakischen Hauptstadt vom Hörensagen ganz gut. Ihr Bruder ist Schlagzeuger und spielt in zwei internationalen Jazzbands – in jEzzSPRIT und dem Gabo Jonas Trio – die oft in Bratislava auftreten. „Über österreichische Bandmitglieder habe ich von tollen Konzerten in Bratislava gehört. Das würde ich mir gerne mal anschauen“, schwärmt Bernadette.

Auch wenn Österreich und die Slowakei vier Jahrzehnte lang durch den Eisernen Vorhang getrennt waren, finden weder Bernadette noch Richard, dass die beiden Hauptstädte unterschiedlich seien. „Bratislava sieht aus wie Wien, mit vielen schönen Graffiti“, meint Bernadette. „Es ist eine sich wandelnde Stadt, deswegen kann sie eigentlich gar nicht so anders sein.“

Mehr feiern, weniger posen

Der erste Eindruck von Bratislava ist aber nicht immer so schön. Wenn man die Stadt von Österreich aus betritt, ist die Aussicht kaum spektakulär: Der Petržalka-Plattenbau, in dem knapp 150.000 Menschen in Wohnblocks aus der Sowjetzeit leben, zählt zu Bratislavas größten Bausünden. „Auch der Busbahnhof und die Brücke sind komisch”, meint Irena, „aber die Statuen in der Stadt sehen echt lustig aus und machen sich gut auf Fotos.” 

Was ist mit den Einwohnern von Bratislava? Richard ist überzeugt, dass „die Leute dort öfter lächeln und grundsätzlich offener sind. In Wien sind alle immer gestresst.“ Bernadette sieht die Sache etwas nuancierter: „Ich denke, dass du in Bratislava einfach offener bist für deine Umgebung. Deswegen ist dein erster Eindruck vielleicht etwas verfälscht.“ Und wie sieht Irena die Sache? Historisch gesehen waren die Verbindungen zwischen Serbien und der Slowakei immer recht gut, weshalb uns ihre Antwort nicht überrascht: „Die Leute sind freundlicher, offener für neue Kontakte und Fremde. Sie sind lauter, wilder, nicht so formell und eingebildet. Es geht ihnen mehr ums Feiern und nicht ums Posen.“ 

Es wird wohl noch einige Jahre dauern, bis auch solche Unterschiede langsam verschwinden. Aber schon heute ist die Grenze zwischen den zwei Ländern kaum mehr als eine Linie auf einer Karte. Die berühmte Tram, die Wien und Bratislava von 1919 bis 1945 verband, gibt es zwar nicht mehr. Dafür nehmen Partygänger auf beiden Seiten jetzt den Bus 901. Wenn Bernadette und Richard das nächste Mal zum Feiern in Bratislava sind, kommen wir auf jeden Fall mit. Und wenn Irena wieder aus Belgien da ist, darf sie natürlich auch nicht fehlen. Partygänger aller Länder, vereinigt euch! 

Diese Reportage wurde zuerst im E-Magazin zu Beyond the Curtain veröffentlicht. Das komplette E-Magazin kann  hier gelesen werden.

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