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Branco Stoysin: 'Man kann sich alles selbst beibringen'

Artikel veröffentlicht am 30. November 2007
Artikel veröffentlicht am 30. November 2007
Der Selfmade-Gitarrist aus dem ehemaligen Jugoslawien hat es geschafft, seinen Traum in London zu verwirklichen. Seine Musik feiert die Sonne und den Balkan in Liedern irgendwo zwischen Jazz und Tradition.

"Ich bin in Novi Sad geboren. Und ich bin sehr schnell gewachsen: Mit zehn Jahren war ich schon 1 Meter 80 groß. Und jetzt, jetzt lebe ich in London", sprudelt es aus Branco Stoysin anstelle einer Begrüßung hervor. Lange Haare, kleiner Bart, schmale Lippen - mein Gesprächspartner ist ein echter Kerl. Man sieht es ihm nicht an, aber er ist eitel: Sein Alter will er partout nicht verraten - ich schätze ihn um die 40. Dieser Sänger praktiziert Prägnanz und Ausweichmanöver bis zur Perfektion - da heißt es zwischen den Zeilen zu lesen.

Hundert Meter von der Themse entfernt sitzen wir in einem Café, mitten in Europas größter Rock-Metropole. Allerdings werden nicht über Rock, sondern vielmehr über Jazz reden: Stoysin kann sich zu den wenigen serbischen Gitarristen zählen, die in der berühmten Londoner Royal Albert Hall ein Konzert gegeben haben. Zu Beginn seiner Karriere gab er Gitarrenkurse am Goldsmith College.

Autodidakt

"Ich habe mit 15 angefangen zu spielen. Ich hatte meine Eltern gebeten, mir eine Gitarre zu kaufen und dann habe ich alleine angefangen spielen zu lernen." Stoysin ist Autodidakt - und stolz darauf. "Man kann sich alles selbst beibringen - das ist zwar schwer, aber nicht unmöglich. Nach meinem Studium der Ingenieurwissenschaften mit Schwerpunkt Chemie habe ich neun Jahre als Techniker gearbeitet, nebenbei Stücke geschrieben und ab und zu gespielt", erinnert sich Branco.

"Erst in London bin ich zum professionellen Musiker geworden." Zu Beginn der Neunziger zwangen ihn die politischen Zustände im ehemaligen Jugoslawien zum Aufbruch. "Es gab immer mehr Probleme und ich habe den Hass der Menschen gesehen. Ich wollte nicht Teil einer geteilten Gesellschaft sein." Stille. Stoysin redet nicht gern darüber. Schließlich hat er seine Sachen gepackt, sein Heimatland verlassen und es seitdem auch nicht mehr besucht.

Er macht sich nach Griechenland auf, um einen Jugendtraum zu verwirklichen. "Im Sommer Musikmachen - im Winter neue Lieder schreiben und Winterschlaf halten." Er lacht bei dem Gedanken an diese Zeit in Griechenland. 1992 kam er dann in London an: erlebte Chaos und schwierige Zeiten in den ersten Jahren. Stoysin spielt unter anderem in einem Jazz-Trio und veröffentlicht 1998 schließlich sein erstes Album. Es folgen vier weitere Alben – alle mit bedeutungsschweren Titeln wie "Something between the sea and the sky", "Amber" und "Heart is the bridge" - und CD-Cover mit strahlend schöner und stiller Natur.

Lausche 'Quiet Stream Breaks the Rocks', Titelsong des 5. Albums

Sonne

Nicht umsonst hat Stoysin seine Produktionsfirma 'Sun Recordings' genannt. Seine Inspiration ist die Sonne. "Die Menschen sind sich der Sonne nicht bewusst - sie nehmen sie als selbstverständlich hin. Dabei ist es die Sonne, die uns Licht und Leben schenkt! Es stört mich, dass man sie nur mit einem kleinen 's' schreibt. Ich habe darum gekämpft, ich habe sogar an Zeitungen und Schulen geschrieben, um sie zu bitten soleil mit großem 's' zu schreiben!" Eine Bitte, die er bei jedem Konzert wieder vorträgt.

Joey Bass und Charlie Parker, brasilianische und klassische Rhythmen und nicht zuletzt traditionelle, serbische Elemente prägen seine Musik. "Meine Mutter hat diese Musik geliebt, ich bin damit aufgewachsen. Aber bevor ich in London ankam, habe ich sie nie selbst gespielt. Erst hier habe ich entdeckt wie schön sie ist."

"Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht", ist ein Lebensmotto Stoysins - er ist sich der Zerbrechlichkeit des Glücks bewusst. Auch wenn er nie in seine Heimat zurückgekehrt ist, lässt Branco seine Heimat in seiner Musik zwischen Jazz und Tradition aufleben. So bleibt das Bild seiner Heimat intakt. "Ich benutze die Musik, wie ein Schriftsteller ein Buch benutzt", erklärt der Musiker.

Als ich ihn frage, ob er sich als Serbe fühle, bekomme ich eine überraschende Antwort: "Ich fühle mich als Jugoslawe. Aber da Jugoslawien politisch nicht mehr existiert, gibt es mich eigentlich nicht mehr - also sprichst du genau genommen gerade mit einem Fantom!"

Lieder schreiben, mit seinem Trio Konzerte geben, Gitarrenkurse am Goldsmith College geben: Stoysin verwirklicht seinen Traum. Auch wenn die Konkurrenz hart ist, kultiviert er Authentizität wie eine Religion.

Nie würde er seine Seele verkaufen. Der Balkan-Gitarrist produziert seine Musik und seine Cover selbst, das kleinste Detail ist für ihn noch Bedeutungsträger. Stoysin kritisiert das Internet, das "die Menschen abkoppelt", und widersetzt sich der Allmacht von Community-Seiten wie "MySpace. "Was soll ich da? Ich habe doch meine eigene Seite!" Lakonisch versichert er selbst keine Musik mehr zu hören. Denn er habe ein "Bedürfnis nach Stille, um zu hören, was um ihn herum geschieht".

Branco Stoysin über…

... Politik

Man muss sich einfach für Politik interessieren. Sonst versaut sie dir das Leben!

...die Ironie des Lebens

Am Tag, bevor ich Jugoslawien verlassen habe, bot man mir einen Plattenvertrag bei Novi Sad an. “Das kommt zu spät” – antwortete ich. Aber die Versuchung dazubleiben war groß.

... Musik-Download im Internet

Wovon sollen dann die Musiker leben? Leute denken dann: "Warum soll ich eine CD kaufen - ich kann die Songs doch frei im Netz herunterladen." Wenn ich in ein Geschäft gehen könnte, in dem es kostenlose Waren gibt, würe ich auch meine CD frei zur Verfügung stellen. Oder wenn ich meine Telefonrechnung mit einem Lied bezahlen könnte… Das ist aber leider nicht der Fall.

Foto Homepage: Branco Stoysin (Mary Ryan/ www.brancostoysin.co.uk), Intext Album Cover (Branco Stoysin)