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Berliner Frauenpower: Thaiboxen im Lowkick

Artikel veröffentlicht am 25. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 25. Oktober 2012
Dank des Berliner Vereins Lowkick können Frauen, Cisgender oder Transgender sich in Martial Arts und Selbstverteidigung üben – und das ganz unter sich. In der Schwulen- und Feministinnenhauptstadt Europas ist das ganz normal. Unsere Reporterin hat sich in den Ring gewagt.

Die Damen schwitzen. Obwohl der Unterricht erst vor einer Viertelstunde angefangen hat, sind die Fensterscheiben an diesem Freitagabend in Berlin schon beschlagen. Acht Teilnehmerinnen sind heute zu Ruths Kurs angetreten, die alle begeisterte Thaiboxerinnen sind. Diesen Sport betreiben die meisten unter ihnen schon seit zwei Jahren in den Räumen von Lowkick, einem feministischen Boxclub in Neukölln.

„In gemischten Clubs hatte ich immer den Eindruck, dass ich den Männern etwas beweisen muss, um ernst genommen zu werden“, erklärt Caro mit modischem Kurzhaarschnitt, Tattoo im Nacken und rosa Minishorts. Nicole, die schon seit Längerem Martial Arts-Kurse besucht, vergleicht Lowkick ebenfalls mit den Gepflogenheiten in gemischten Clubs: „Entweder man haut mich gar nicht, weil ich ein Mädchen und deshalb zerbrechlich bin, oder man haut mich zu sehr, weil ich ein Mädchen bin – ich muss also immer beweisen, dass ich besser bin!“

Ein feministisches – aber nicht immer weibliches – Abenteuer

Das Ziel des 2009 von Claudia Inken und ihren zwei Schülerinnen Ruth und Gisa gegründeten Vereins Lowkick ist es, einen Ort für Frauen zu gestalten, wo sie Thaiboxen, Kickboxen und Selbstverteidigung lernen können. Lowkick zählt mittlerweile 250 Mitglieder. Ein feministisches Abenteuer, das aber nicht immer weiblich ist und auf Prinzipien basiert, die seit gut zwanzig Jahren in militanteren feministischen Milieus erarbeitet werden: „Für einige Frauen ist ein feministischer Club der einzige Ort, an dem sie nicht an ihr biologisches Geschlecht denken müssen. Machtspielchen sind hier nicht willkommen“, eint Ruth nachdrücklich, aber immer mit einem Lächeln auf den Lippen.

Wie vor jedem Kurs nehmen sich die im Kreis sitzenden Teilnehmerinnen die Zeit, sich vorzustellen und den anderen zu sagen, wie sie sich fühlen. Eine von ihnen hat sich am Fuß verletzt, eine andere muss auf ihre Schulter aufpassen. „Das ist unsere Art darauf aufmerksam zu machen, dass wir alle Individuen sind, mit unser eigenen Geschichte“, meint Ruth. Denn der feministische Ansatz von Lowkick ist auch eine Kritik an der Welt der Martial Arts: „Das ist ein Milieu militärischen Ursprungs und durch ein sehr besonderes Ehrfurchtsverhältnis zum Lehrer gekennzeichnet.“ Lowkick praktiziert einen anderen Ansatz. Und alle, für die der Preis zu hoch ist – zwischen 25 und 50 Euro, je nach Abonnement – können mit dem Team sprechen, um eine Lösung zu finden.

Ich bin ein Berliner queer

Ein Sprint, ein paar Liegestützen und das Aufwärmen zu zweit fängt an. Im Neonlicht bestimmt der mit Sportmatten ausgelegte gelbliche Boden die Raumfarbe. Draußen wird es langsam dunkel. Die Boxerinnen, die jetzt Handschützer tragen, wiederholen immer die gleiche Bewegung: Den Kopf der Gegnerin rechts erwischen, mit Schlägen in die linken Rippen reagieren. Diese Bewegung muss automatisiert werden. Das Biepen der kleinen schwarzen Box, die Ruth neben den CD-Player gestellt hat, legt die Länge jeder Übung und den Rhythmus der Stunde fest.

Ist Thaiboxen feministischer als andere Martial Arts? „Nein!“ lacht Ruth. „Das ist nur eben unser liebster Boxsport! Beim Thaiboxen muss man den ganzen Körper einsetzen, auch die Beine, beim normalen Boxen aber nur den Oberkörper. Und beim Kickboxen benutzt man die Knie und Ellbogen gar nicht.“

Caro nimmt ihre Nasenpiercings heraus und setzt ihren Mundschutz ein. Das Aufwärmen ist beendet, Ring frei für die Komplettausrüstung – Knie- und Beinschützer und natürlich Boxhandschuhe. „Tss! Tss!“ Zum Sound der thailändischen Kampfmusik begleitet ein Zischen jede ausgeführte Bewegung. Denn jeder Schlag wird beim Ausatmen geführt und um das nicht zu vergessen, zischen die Boxerinnen: „Tss! Tss!“ Mit den Ellenbogen auf Kopfhöhe die Fäuste der Gegnerin abfangen.

Als sie das erste Mal hier war, wollte Neko nur Selbstverteidigung lernen. Pauline hingegen wollte Kickboxen üben. Heute sind beide wegen des Sports und der guten Stimmung da: „Man merkt oft gar nicht, wie man mental Reflexe einübt und mehr Selbstvertrauen gewinnt“, kommentieren Caro und Maria. Das klingt ja ganz nach feministischem Empowerment, als Selbstverteidigung in die Praxis umgesetzt.

Empowerment? Jayrome C. Robinet, Autor des Blogs Ich bin ein Berliner queer, erklärt die Sprache des Milieus: „Empowerment impliziert das Wissen um das Ziel, das du erreichen willst. Zum Beispiel ein Sicherheitsgefühl. Und natürlich die Hebel, die in Bewegung gesetzt werden müssen, um das zu erreichen. Die Legitimität, die man verspürt, wenn man diese Hebel bewegt. Meistens fehlt dieses dritte Element aber, das man durch Selbstverteidigung auf psychologischer Ebene einüben kann.“

Lowkick bietet auch Selbstverteidigungskurse an, aber nicht heute Abend, denn Ruth will mögliche Verwirrungen ausschließen: „Wenn man auf der Straße von einem Typen mit einem Messer angegriffen wird, sollte man mit Selbstverteidigungstechniken reagieren, wegen derer man bei einem Boxmatch sofort des Rings verwiesen würde! Thaiboxen, Kickboxen oder normales Boxen setzen immer voraus, dass man die Regeln genau beachtet.“

„Tss! Tss!“ Der Kurs geht seinem Ende zu. Boxen ohne Anweisungen und letzte Übungen mit Körperkontakt: den Kopf der Gegnerin zwischen den Armen einklemmen und mit dem Knie in den Bauch treten. Ruth hat die CD mit Thaiboxmusik gegen die von Irie Révoltés, einer deutschen Ska-Reggae Band ausgetauscht: „Oh – les révoltés sont back again, denn der Widerstand muss weiter gehen.“ Im Rhythmus kicken die Frauen ihre Gegnerinnen in den Bauch: „Oh - les révoltés sont back again, denn der Widerstand muss weiter gehen.“

Die Transgender-Frage – wann ist man(n) eine Frau?

Um halb neun ist der Kurs vorbei. Alle springen auf ihre Fahrräder und strampeln in den Berliner Winter Richtung Weserstraße, eine der coolsten Meilen von Neukölln. Heute Abend waren alle Teilnehmerinnen Cisgender-Frauen [1]. Lowkick wendet sich aber ganz allgemein an „Personen, die sich als Frauen identifizieren.“ Daher auch an Transfrauen [2]. Einmal pro Woche ist der Kurs deshalb auch für Transgender offen. Am Stammtisch mit einem Bier vor der Nase sind sich die Boxerinnen einig: Trotz seiner politischen Agenda, hat der Club nicht gerade den Ruf, sehr „transfreundlich“ zu sein.

Caro erklärt: „Die Frage nach einer besseren Aufnahme der Transgender kommt ständig auf, wie auch bei Seitenwechsel, einem Old School Lesbensportclub in Berlin. „Bei Lowkick fehlt einfach ein Ort, an dem man diese Diskussion eröffnen könnte, zu welcher Entscheidung man auch immer kommen würde“, fügt sie hinzu. Denn auch wenn sie den Verein alle gerne für andere Geschlechteridentitäten öffnen würden, erkennen sie doch die Notwendigkeit eines nur Frauen vorbehaltenen Ortes an. Denn Boxen ist weiterhin eine vor allem von Männern dominierte Disziplin. Boxende Frauen bei den Olympischen Spielen? Das gibt es erst seit 2012.

[1] Cisgender: Geschlechtsidentität und bei der Geburt festgestelltes Geschlecht stimmen überein; Gegenteil von Transgender. [2] Transfrau: bei der Geburt als „männlich“ definierte Person, die sich aber als Frau wahrnimmt. Dies schließt nicht unbedingt eine Geschlechtsumwandlung oder Hormontherapie mit ein.

Dieser Artikel ist in Partnerschaft mit dem Deutsch-französischen Jugendwerk (DFJW) entstanden und ist Teil der Reportage-Serie Orient Express Reporter Tripled, im Rahmen derer Journalisten aus den Balkanstaaten, der Türkei, Frankreich und Deutschland aus der EU berichten. Mehr dazu im Blog.

Illustrationen: Teaserbild (cc)dabemurphy/flickr; Alle Fotos im Text ©Céline Mouzon