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Berlin: Auf der Suche nach dem guten russischen Hacker

Artikel veröffentlicht am 29. März 2018
Artikel veröffentlicht am 29. März 2018

Wenn vom russischen Einfluss in der Welt die Rede ist, geht es entweder um die eiserne Hand Putins oder um Internetpiraterie. Aber sind wirklich alle Russen böse Hacker großen Kalibers im Auftrag des Kremls? Die Antwort suche ich in Berlin, wo eine Blogger-Community gegen die Stereotype aus dem Land des Zaren anzukämpfen versucht.

Es sind bewegte Zeiten in Sachen Politik und internationale Konflikte. Seit den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016 ereignen sich auch die europäischen Wahlkampagnen scheinbar unter „russischem Einfluss“. Als sei der Kreml in der Lage, jede aufkommende Wahl zu verhexen. Die Niederlande, Frankreich, Deutschland, die Tschechische Republik - all diese Nationen wurden auf dem Höhepunkt ihrer Wahlen mit einem Begriff assoziiert: Russiagate.

Remake eines alten James-Bond-Films

Die Strategie ist mittlerweile bekannt: In all den genannten Ländern habe Russland die rechtspopulistischen Parteien unterstützt, um das Gleichgewicht der westlichen Politik zu destabilisieren. Im Zentrum des Spiels: Hacker, die mit dem Ziel der Einflussnahme in die angeblich undurchdringlichen IT-Systeme eindringen, um Falschmeldungen - sogenannte Fake News - zu streuen. Je mehr man hierüber hört, desto mehr stellt man sich die Frage, ob es tatsächlich eine unanfechtbare russische Übermacht im Bereich der Internetpiraterie gibt, die es Programmierern mit zweifelhaften Absichten ermöglicht, die politischen Systeme verfeindeter Länder ins Wanken zu bringen.

Um Antworten auf meine Fragen zu finden, habe ich mein Augenmerk auf Berlin gerichtet, denn hier lebt und arbeitet eine wichtige russische Community und hier scheint die Bedrohung eines „russischen Einflusses“ präsenter als andernorts. Bevor ich meine Wohnung verlasse, weihe ich meine Mitbewohnerin in meine journalistische Mission ein - eine Schweizerin, die halb Russin und zu 100 Prozent perplex ist, und mich im Grunde verstehen lässt, dass ich das nie verstehen werde. Das Thema sei zu kompliziert. Zu Russen ergreife man, ganz egal, was man schreibt, letztlich immer Partei, für oder gegen sie.

Der internationale Kontext hilft mir dabei nicht gerade weiter. Seit einigen Tagen wird in der Presse über eine vermeintliche Giftaffäre berichtet, die als Remake eines alten James-Bond-Films durchgehen könnte. Sergeï Skripal, ehemaliges Mitglied des russischen Geheimdienstes, wurde zusammen mit seiner Tochter bewusstlos in einer Stadt im Süden Großbritanniens gefunden. Die Behörden fanden Spuren eines Nervengases, eines Giftes, das man zur versuchten Ermordung des ehemaligen Spions verwendet habe. Seither eskaliert die Diplomatenwelt. Theresa May spricht von Sanktionen, Russland droht mit Repressalien. Und in den Köpfen vieler Menschen sprießt noch immer das Bild des bösen Russen, der gekommen ist, um Mr. Bond einen bösen Streich zu spielen. Nicht aber in allen Köpfen, wohlgemerkt. Mit ihrer halbrussischen Seele scheint meine Mitbewohnerin weniger emotional als andere: „Als Doppelagent war das unvermeidlich“, folgert sie. 

Liebesgrüße aus Berlin

Zuerst treffe ich die Gründerin von Berlinograd, einem Blog, der es sich zur Aufgabe macht, die russische Künstlercommunity der deutschen Hauptstadt vorzustellen. Ich sitze in einem Café im Prenzlauer Berg und warte auf meine Gesprächspartnerin, die mir meine Zweifel über das berüchtigte Russiagate austreiben soll. Nach einer halben Stunde quält mich der Gedanke daran, vergeblich hier herumzusitzen, dass diese ganze Geschichte ohnehin nur meiner Fantasie entsprungen ist.

Die Bloggerin Bea Grundheber hat sich auf die russischsprachige Künstlerszene Berlins spezialisiert. Mit ihrem sprechenden Namen erscheint mir der Gedanke schlüssig, dass sie die richtige Person für mein Unterfangen sein muss. Bea lässt allerdings, während sie auf ihren Cappuccino pustet, mein Kartenhaus sofort zusammenfallen. „Mit der digitalen Welt, insbesondere der von Hackern, beschäftige ich mich nicht,“ sagt sie ruhig. „Das interessiert mich nicht.“ Sie erklärt mir, dass sie sich vielmehr für die „Leute und das, was sie zu bieten haben“ begeistert. Bea ist in Trier geboren, eine ursprünglich römische Stadt, die historisch und geographisch ein ganz schönes Stück vom Land der Zaren entfernt liegt. Sie sei aber, erzählt sie mir, mit russischen und arabischen Leuten großgeworden. Diese Erfahrungen in der Kindheit haben sie dann auch bald nach Russland geführt. Im Sankt-Petersburg der Nuller Jahre erlebte sie Menschen mit großer Leidenschaft für den Westen, dessen Kleidung, Musik und Lebensstil. Ihrer Meinung nach war dieses Russland regelrecht begeistert vom europäischen Nachbarn.

Bei ihrer Ankunft war Bea bereits auf dem Laufenden über die kulturelle Aktivität der deutschen Hauptstadt, die historisch bekannt ist für ihre Mélange aus west- und osteuropäischen Kulturen. Ein Reichtum, der von der hier lebenden russischen Community sehr geschätzt wird. Anfangs kannte sie praktisch niemanden, aber es genügte ein guter Kontakt, um Zugang zu diesem lebenshungrigen Universum zu bekommen. Dort fühlt sie sich wohl und beschreibt uns eine sehr offene Gemeinschaft, die Personen jeder Art und Couleur ohne Vorbehalte aufnimmt.

„Wenn ich jemanden auf der Straße habe russisch sprechen hören, wenn auch nur am Telefon, bin ich sofort hingegangen, um ihn oder sie kennenzulernen“, erzählt sie. Beas Geschichte ist zweifellos an die Motivation gebunden, vom kulturellen russischen Einfluss auf diese Stadt zu berichten, um dadurch auch gegen gängige Klischees anzugehen. „Was mich interessiert, ist, wie die Person, die mir gegenübersitzt, diese Stadt schöner macht“, erklärt sie.

Doch auch wenn immer mehr nette Begegnungen auf ihrem Blog zu finden sind, lässt sich die Bloggerin nicht täuschen. Sie merkt, wie sich das Klima in der russischen Community durch all die Anschuldigungen verschlechtert. Sie weiß weder warum noch wie all dieses Misstrauen plötzlich auftauchte. Es ist schwierig, Bea die guten Erinnerungen auszutreiben, die sie mit dem russischen Nachbarn verbindet. Für sie ist es schlicht unmöglich, sich eine Horde Russen vorzustellen, die ihre Zeit mit dem Versuch verbringen, unsere persönlichen Daten zu stehlen und in IT-Systeme von Regierungen zu hacken. 

Deutsche Medien haben eine sehr voreingenommene Meinung von den Russen

Nach Bea ist Anton Himmelspach an der Reihe, mir zu helfen, Russland zu dekodieren. Er ist Mitarbeiter des Online-Magazins дekoder und erzählt mir, dass das 2015 gegründete Abenteuer von Dekoder „aus dem Bedürfnis heraus entstanden ist, von einem anderen Russland zu berichten als dem, das von den deutschen Medien - und ihren häufig voreingenommenen Ansichten - gezeigt wird.“ Eine nicht immer ganz leichte Aufgabe in Anbetracht der Gefahr, in die gängigen Pro-/Anti-Haltungen gegenüber Russland zu verfallen. Daher haben die Gründer beschlossen, als Sprachrohr unabhängiger Initiativen zu fungieren, die Schwierigkeiten haben, eine größere Öffentlichkeit zu finden. Dekoder greift auf ein Netz aus Übersetzern, Rechercheuren und Kommunikationsexperten zurück, um auf unabhängige Medien, Journalisten und Fotografen zuzugehen. Mit der wenigen Zeit, die mir zur Verfügung steht, und trotz des Rauschens der Telefonleitung versuche ich von ihm zu erfahren, ob die Hacker in den russischen Berichten ebenso Thema seien wie in der westlichen Welt, aber die Antwort ist ein klares Nein: „Das kommt schon vor, aber nicht oft“.

Anton macht kein Geheimnis daraus, dass es den russischen Medien an Objektivität fehle. Der Journalist macht mich darauf aufmerksam, dass die Pressefreiheit in Russland unter 180 untersuchten Ländern auf Rang 148 liegt. Aber er bestätigt auch, dass es der Digitalisierung zu verdanken ist, dass nunmehr auch regimekritische Stimmen auftauchen. Als ich ihn frage, was genau er über die russischen Hacker wisse, antwortet er mir, dass Russland tatsächlich eine Brutstätte fähiger ITler sei. Er erklärt mir auch, dass die russischen Gehälter selbst in der Informatik relativ gering sind und die Besten schließlich in den Westen emigrieren würden, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. „Das ist schon seit den 1990ern so“, erklärt er. Er vertraut mir an, dass er persönlich zwei oder drei Programmierer mit russischem Pass kennt und weist mich aber darauf hin, dass sie nichts mit den in einigen Medien dargestellten Fanatikern zu tun haben.

Grundsätzlich kann man sagen, dass eine russische Propaganda wahrscheinlich existiert und auch recht gut funktioniert. Immerhin wählt Wladimir Putin noch immer die Journalisten der großen Medien und unterstützt sie, wenn es nach seinen Interessen geht, drängt sie aber mit einem Fingerschnippen zurück, wenn es anders läuft. Und das wird sich in den nächsten sechs Jahren auch nicht ändern, wie die Ergebnisse der russischen Präsidentschaftswahlen vom 18. März 2018 vorausdeuten lassen: Putin verbuchte mit 76 Prozent das beste Wahlergebnis seiner gesamten Karriere.

Die Vorstellung, eine Armee russischer Hacker zu seinen Füßen programmiere im Keller des Kremls Programme zur Steuerung der Welt, erscheint hingegen ein wenig abgedreht. Anton jedenfalls, der seit Jahren an seiner Abschlussarbeit über das „Legitimitätsdispositiv des Putinismus“ arbeitet, glaubt nicht daran. Was Bea angeht, so denkt sie, dass diese ganze Idee alten Hirngespinsten entspringt.

Als ich mit gesenktem Kopf nach Hause komme, gebe ich meiner Mitbewohnerin recht. Es ist mir letztlich nicht geglückt, meine Ausgangsfrage klar zu beantworten. Das Thema ist extrem komplex und der Versuch, es zu lösen, stellte sich als Gleichung mit mehreren unbekannten Variablen heraus. Aber eines habe ich immerhin gelernt: Ich werde James Bond fortan mit völlig anderen Augen sehen.

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