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AutoLibs in Paris: Das fünfte Element

Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2011
In einem roten Doppeldeckerbus durch London fahren, in New York in ein gelbes Taxi steigen, aber in einem „Bluecar” durch die Hauptstadt Frankreichs rollen? Das konnte man bisher noch nicht. Ab Oktober ist dies möglich. Dann gibt es in der Stadt der Lichter einige hundert „AutoLibs”, mit denen Paris sein grünes Image weiter vorantreiben möchte.

Der frühere Gründer und Verkaufsleiter des Unternehmens Ecovisit Paris, Erwan Maizy, veränderte sein Leben, um „frei zu sein“. In seinem Hybridauto rollen wir über den Place de la Concorde in Richtung der Pariser Prachtstraße - die Champs-Elysées. Vorbei am Invalidendom, dem Grand Palais, der Madeleine, der Opéra Garnier, dem Place Vendôme, am Louvre und am Musée d‘Orsay: eine ruhige und sanfte Fahrt.

„Eigentlich ist es gefährlich“, erwidert Erwan. „Viele Leute hören das Auto nicht kommen. Aber die Klimaanlage verbraucht nur wenig, und die beim Bremsen gewonnene Energie wird wiederverwertet. Im nächsten Jahr werde ich einen TESLA-S haben, der von 0 auf 100km/h in 3,7 Sekunden beschleunigt. Es gibt nur zwei Modelle von Porsche, die das noch schneller schaffen!” Mit dem AutoLib sieht man gut aus und tut zugleich etwas für die Umwelt. Man kann die Stadt erkunden und dabei auch noch umweltfreundlich sein. Die Wasserflasche aus Recyclingmaterialien ist mittlerweile leer und wir fahren an ein paar Demonstranten vorbei. „Das ist Frankreich“, sagt Erwan und lacht.

Am Anfang waren die Fahrräder

In Paris gibt es bereits das Velib-Konzept: An einem Velib-Standort kann man sich gegen eine kleine Gebühr ein Fahrrad mieten und es an einem beliebigen anderen Standort innerhalb der Stadt wieder abstellen. Seit 2007 bieten immer mehr europäische Städte diesen Service an. Vor kurzem kam Ljubljana hinzu. Jeden Morgen sammelt ein riesiges (benzinbetriebenes) Fahrzeug die „Velibs“ ein, um sie wieder „nach Hause” zu bringen. The Guardian berichtete jüngst darüber, dass von den 24 000 Fahrrädern in Paris bis heute etwa 9, 000 beschädigt und weitere 9, 000 gestohlen wurden. Einer Legende zufolge wurde sogar eines der Fahrräder in Afrika gefunden!

Die Idee für das AutoLib-Konzept lieferte nun das französische Unternehmen Bolloré Group. Das Prinzip der elektrisch betriebenen Fahrzeuge ist das gleiche wie bei den Fahrrädern, mit dem einzigen Unterschied, dass die „AutoLibs“ im Gegensatz zu gewöhnlichen Fahrzeugen ohne Benzin fahren. Erwan, der allein für einen Parkplatz 150 Euro zahlen muss, gibt zu, dass die Pariser Straßen bereits zu voll seien. Im Süden von Paris kommt Jacques Boutault, ein Lokalpolitiker der Grünen und seit März 2011 Bürgermeister des 2ten Arrondissements, gerade aus einem Kongress über die Zukunft der Kernenergie. Er sitzt neben seinem Fahrrad. Er besitzt kein Auto und nutzt, wenn er nicht gerade mit seinem Fahrrad unterwegs ist, öffentliche Verkehrsmittel, wie es viele Pariser tun. Boutault zufolge sei sich jeder im Klaren darüber, dass die Folgen für die Umwelt größer sein werden, je mehr Autos es in der Stadt gibt. Er würde das Geld lieber für den Ausbau des öffentlichen Transportnetzes nutzen. So gibt es in Madrid beispielsweise eine U-Bahn-Linie ('6'), die um das Stadtzentrum herum verläuft. In Paris muss man zuerst einmal ins Stadtzentrum hinein, um in eine andere Metro-Linie umzusteigen oder in die Außenbezirke zu gelangen.

Wohnen und Verkehr sind in Paris für den größten Teil der CO2-Emissionen (rund zwei Drittel) verantwortlich, denn die Hauptstadt Frankreichs ist mit 7 MillionenTouristen pro Jahr die meistbesuchte Stadt der Welt. Es ist also zu befürworten, dass sich viele für eine Weiterentwicklung der öffentlichen Fortbewegungsmöglichkeiten einsetzen.

Bienenstöcke: Nur ein grünes Konzept von vielen 

Die sogenannten Bluecars befinden sich momentan in der Testphase, in der sie das gleiche System durchlaufen wie die Velibs, von denen viele gestohlen oder beschädigt wurden. Auf Seiten der Politik herrscht größerer Optimismus. „Wenn man sich näher mit diesen Fahrzeugen beschäftigt, sieht man, dass Elektroautos unendlich viele Vorteile für die Umwelt bringen”, sagte damalige französische Umweltminister Jean-Louis Borloo 2010 mit einer guten Portion Enthusiasmus. Mit seinem privaten Konzept schafft Erwan die Verbindung zwischen Tourismus und gutem Geschmack. „Wussten Sie, dass an vielen nationalen SehenswürdigkeitenBienenstöcke angebracht sind und dass der von den Bienen produzierte Honig verkauft wird?“ Nur eine von Erwans Weisheiten. Nicht nur für jemanden wie mich, der zum ersten Mal in Paris ist, sind dies Neuigkeiten, sondern auch für die bis zu fünf Kunden, die Erwan täglich herumfährt - überwiegend Touristen und Geschäftsleute. „Die aus dem Ausland und aus anderen Gegenden Frankreichs kommenden Besucher sind sehr überrascht, wenn sie sehen, dass Paris so viele grüne Seiten hat“, fügt Erwan hinzu.

„Staus gelten in Paris sowohl für normale Autos als auch für Bluecars!“

Kevin fährt mit seinem Motorroller zur Arbeit. Zwar trifft man die Zweiräder in Paris häufiger an, aber ihr Gebrauch ist nicht so verbreitet wie in den Städten am Mittelmeer. Der 25-jährige Kevin hat noch nie etwas vom AutoLib-Konzept gehört und selbst wenn, so sagt er, würde er es nicht nutzen. „Staus gelten in Paris sowohl für normale Autos als auch für Bluecars! Ich fahre lieber mit meinem Motorroller oder mit einem Velib”, sagt er lächelnd. Er spricht damit einen wichtigen Punkt an: Auch ein umweltfreundliches Auto kann für Staus sorgen und dazu beitragen, dass die anderen Fahrzeuge mehr Kohlendioxid in die Luft pusten.

„Paris ist bereits eine der grünsten Städte in Europa“

Bis jetzt scheint Paris seine Hausaufgaben in Sachen Umweltfreundlichkeit gemacht zu haben. „Paris ist bereits eine der grünsten Städte in Europa“, wiederholt Erwan. Der Eiffelturm, die bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt, ist nachts nun fünf Minuten kürzer erleuchtet als vorher und die kleinen weißen Busse, die im Montmartre-Viertel verkehren, werden seit 2002 mit Strom betrieben. Kann das Autolib-Konzept in gleicher Weise zum Umweltschutz beitragen? Als wir am Ende unserer Rundfahrt wieder am Place de la Concorde ankommen, stellt sich mir die Frage, ob die Autolibs nicht einfach nur zusätzliche Kosten verursachen und für mehr Abgase sorgen. Erwan argumentiert dagegen, indem er sagt, dass er das gesamte Auto mit nur sieben Litern Wasser sauber bekommt. So schafft man Umweltbewusstsein im täglichen Leben der Pariser Bevölkerung.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe „Green Europe on the ground 2010/2011“.

Fotos: Titelbild (cc)Andrea Pinchi/flickr; Paris by car (cc)victortsu/flickr; Autolib (cc)faberNovel2009/flickr