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Auswanderer in Brüssel: Sex and the City

Artikel veröffentlicht am 7. September 2010
Artikel veröffentlicht am 7. September 2010
Warum verstricken sich meine Freunde aus aller Herren Länder immer wieder in den kompliziertesten Beziehungskonstellationen? Wollen alle Männer hier immer nur das Eine? Ein Beitrag über die Frage, warum sogenannte „Expats“ (Auswanderer) nicht in der Lage sind, Langzeitbeziehungen einzugehen.

Viele Ereignisse kann man mit dem Stempel „typisch Brüssel!“ versehen: Der Klempner, der wohl nie mehr eintrifft. Die Frau, die von einer großen, vom Umzugslift herunterfallenden Holzbox erschlagen wird. Der Vermieter, der vergessen hat, eine Versicherung für deine Unterkunft abzuschließen. Nun trifft die Redewendung auf ein weiteres Phänomen zu, das sich in dieser Mini-Metropole breit zu machen scheint - nämlich auf unmögliche Beziehungskisten, die sich am Ende noch gegen einen wenden. Die Rede ist hier von Expats, sprich von Ausländern, die sich für einen begrenzten Zeitraum in Brüssel aufhalten.

Globales Beziehungswirrwar

Ich habe mir das mehrmals durch den Kopf gehen lassen. Warum verstricken sich meine Freunde aus aller Herren Länder immer wieder in den kompliziertesten Beziehungskonstellationen? Lasst uns mit der Geschichte einer bezaubernden, 27-jährigen Südländerin beginnen. Staatsangehörigkeit sowie Namen werden aus Gründen der Privatsphäre nicht genannt. Sie hat sich in John verguckt, der wiederum einem Mädchen in New York verfallen war. Sie hat noch eine andere Trophäe an der Leine, Jim, dem sie das mit dem Mädel in New York anvertraut hatte. Nach einem Jahr will Jim mehr von meiner Freundin als nur eine Umarmung, doch der Beziehungsstatus auf seiner Facebookseite verrät, dass er auf dasselbe Mädchen im Big Apple abfährt. Meine Freundin fragt sich, wie und warum etwas derartig Unwahrscheinliches wahr werden kann.

"Halt mal, lagst du vor zwei Minuten nicht noch in meinem Bett?"

Oder nehmen wir die hübsche, pfiffige und witzige Französin mit viel Klasse, die ich kenne. In einer verregneten Nacht tanzte sie schon eine ganze Weile ungestört mit einem Italiener, was am Ende dazu führte, dass die Beiden in denselben Federn landeten. Bei einer zweiten Verabredung stellte sich jedoch heraus, dass er "an einem völlig neuen Ort sei und Freiraum brauche". Eines Morgens verließ sie das Haus, um zur Arbeit zu gehen - und sah ihn Händchen haltend mit einer wunderschönen und gut gekleideten jungen Frau aus dem Haus kommen. Es war offensichtlich, dass seine Begleitung noch die Kleidung vom Vorabend trug. Autsch! Da die Beiden nur wenige Häuserblocks voneinander entfernt wohnten, musste sie sich auch noch auf eine freundliche Unterhaltung mit dem Pärchen einlassen. Nochmal autsch!

Für so etwas habe ich folgende Formel entwickelt: Je größer der Bekanntenkreis, desto kleiner das Risiko, voll ins Schwarze zu treffen. Im drolligen Brüssel wird der Bekanntenkreis stets größer. Eine schnelle Umfrage bei den Expats ergibt, dass der Großteil von ihnen mindestens in zwei Ländern gelebt hat, und zumindest eine weitere Sprache neben seiner Muttersprache beherrscht. Die meisten von uns halten sich nicht lange in Brüssel auf. Jemand, der sich in Brüssel so richtig mit Sack und Pack niederläßt, hat bei Parties normalerweise eine erfurchteinflößende Wirkung. Diese Spezies hat aber meistens Glück und findet einen gesetzten Belgier, mit dem man Häusle bauen spielen kann.

Fernliebe aus Brüssel

Kurzum, wir sind hyper-globalisierte Nomaden. Und dabei machen wir dürftige 10 % von 1.8 Millionen Einwohnern aus. Die Fakten lassen mich vermuten, dass wir in diesem kleinen, aber sehr vielfältigen Prozentanteil, einfach zu viel Auswahl haben, um uns auf nur einen Typen festzulegen. Es ist viel zu einfach, mehrere Schönlinge in verschienden Ländern am Start zu haben. Sie kommen und gehen, sie mailen, wir fliegen davon, wir küssen uns und wir finden das gleiche Glück an anderen Orten. Scheinbar gilt dasselbe für Männer.

So zum Beispiel der Argentinier, der, seitdem er Brüssel letztes Jahr verlassen hat, Latino-Cyber-Liebe mit einer Freudin von mir macht. Natürlich gibt es einen Haken an dieser Fernbeziehung. Da wäre dieses Mädchen, die sich als seine Freundin vor Ort ausgibt, und die Ferngespräche nach Brüssel tätigt, um meiner Freundin zu drohen. „No mi corazón, ich habe nichts mit ihr, sie ist völlig verrückt", so der Mann aus Buenos Aires, der meine Freundin zu besänftigen versucht. Hmmmm. Eine weitere Journalisten-Freundin von mir hat kürzlich den Fehler begangen, sich in eine ihrer besten Quellen zu verknallen. Die Beiden lebten seiner Zeit in Brüssel, aber er hatte beschlossen, ihr in Prag den Kopf zu verdrehen, seiner Heimat und eine der romantischsten Städte Europas. Es folgte der Kuss danach auf der Karlsbrücke und dann sagt er ihr "Ach ja, ich habe eine Freundin..." In einem Zustand geistiger Verwirrung läuft er plötzlich davon.

"Wollen wir immer nur das Eine?"

Bei einer Sonntagmorgen-Plauderei mit ein paar Mädels über unsere Unfähigkeit, einen Mann an uns zu binden (normalerweise einen von diesen mit dem etwas egozentrischen Katzenblick), fragten wir uns, ob wir die falschen Signale von uns senden oder ob wir einfach zu sprunghaft sind. Drei Fragen kamen immer wieder auf: Wollen alle Männer in Brüssel immer nur das Eine? Wollen wir immer nur das Eine? Warum reicht nicht ein einziger Lover? Nicht alle von uns betrachten sich selbst als Opfer. Man könnte sogar sagen, dass wir uns auf dieses Spielchen mit großem Können einlassen. Warum? Weil wir die Gelegenheit dazu haben. Hier können wir all die Pablos, Laurents, Pauls, Pierres, Bernards, Giovannis und Andrews haben, die wir wollen. Man kann sie sogar in eine Sechs- bis Zwölfmonatsperiode quetschen, wenn wir uns richtig ins Zeug legen. Danach kehren wir in unsere Heimat zurück oder gehen wieder ins Ausland und versuchen uns an Langzeitbeziehungen, mit denen wir entweder sehr erfolgreich sind oder an denen wir scheitern und wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen. Die wohl einzige Nebenwirkung all dieser Sprunhaftigkeit ist, dass Du entweder als ein sehr untreuer Lover dastehst, oder schlimmer noch, dass Du als facebooksüchtiger Junkie endest.

Fotos: Artikellogo ©JLA Kliché/darkhalf.be; ©coschda/flickr