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Am Ende der Welt

Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2007
Artikel veröffentlicht am 26. Februar 2007
Bis heute leben Tausende Flüchtlinge aus der Westsahara im algerischen Exil. Sie sind auf internationale Hilfe angewiesen und hoffen, dass die Welt sie nicht vergisst. MIT FOTOGALERIE

Wenn es in der südalgerischen Wüste Nacht wird, kann man wieder atmen. Man trifft kleine Gruppen, Menschen die plaudern und lachen. Sogar in den nicht gerade einladenden Orten wie dem Krankenhaus in Rabuni kann man Freude fühlen, ein Gefühl von Vertrautheit. Das Zentralkrankenhaus von Rabuni ist ein kleines Gebäude neben dem Sitz der Nicht-Regierungsorganisationen, die in den Lagern der Westsahara arbeiten. Dazu gehören Ojos del mundo, Pentalux, Trabajadores y Técnicos sin Fronteras oder Ärzte ohne Grenzen. Das Krankenhaus ist 30 Kilometer vom nächstgelegenen Wilaya entfernt, einem Verwaltungsgebiet der Lagers, das je vier Siedlungsgruppen umfasst.

Konflikt ohne Ende

Etwa 200 000 Menschen aus der Westsahara leben im algerischen Exil. Seit der Ausrufung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara Dars im Jahr 1976 durch die Befreiungsbewegung Polisario steht die Westsahara im Konflikt mit ihrem nördlichen Nachbarn Marokko, der einen Großteil des Gebietes kontrolliert und die Dars nicht als Staat anerkennt.

Der Konflikt in der Westsahara ist einer der am längsten andauernden Territorialkonflikte Afrikas. Trotz der Vereinbarung eines Waffenstillstandsabkommens durch die Uno im Jahr 1991 ist eine Lösung nicht in Sicht. Tausende Flüchtlinge aus der Westsahara leben in Lagern nahe der algerischen Stadt Tindouf, in der die Exilregierung der Dars ihren Sitz hat.

Ohne die Hilfe der Uno könnten die Flüchtlinge nicht überleben. Das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) und das Welt-Ernährungsprogramm (WFP) koordinierten die Hilfsaktion. Hinzu kommt Hilfe von unabhängigen Spenden-Vereinigungen und einzelnen Spendern. So ermöglichen beispielsweise die Familien, die in das katalanische Projekt Vacances en Pau („Ferien in Frieden“) eingebunden sind, dass jeden Sommer Hunderte von Kindern aus der Westsahara nach Spanien kommen.

Doch auch Staaten wie Kuba, Venezuela oder eben Algerien bieten Hilfe an. Sie unterstützen die Demokratische Arabische Republik Sahara und ihre Exilregierung. Während Marokko weiterhin einen Großteil der Westsahara kontrolliert und das Gebiet für sich beansprucht, muss die Bevölkerung der Westsahara von internationaler Hilfe leben.

Flüchtlingsalltag im Exil

In dem kleinen Krankenhaus von Rabuni nehmen die verschiedenen Ärzte-Teams die chirurgischen Eingriffe vor, die die prekären Umstände erlauben. Den größten Teil des Materials bringt jede medizinische Abordnung selbst aus Europa mit. Das Material in Rabuni kann durch die Spendengelder finanziert werden, die jede einzelne Organisation gesammelt hat. Die Gelder stammen aus öffentlichen Quellen, so zum Beispiel von der spanischen Organisation für internationale Zusammenarbeit ATTsF, die ein Projekt zur Verbesserung der humanitären Hilfe finanziert. Doch auch private Spender unterstützen die Flüchtlinge aus der Westsahara. So wurde die katalanische NGO Ulls del món [Augen der Welt] 2006 zu fast zwei Dritteln durch Privatmittel finanziert.

Das vielleicht charakteristischste Merkmal des Rabuni-Krankenhauses ist sein großer Innenhof. In der Wüste sind die Nächte nie ganz dunkel: Im Licht der Nacht treffen sich die Kranken mit ihren Familienangehörigen im Hof. Sie lassen sich dort nieder, als ob sie zu Hause wären und Gäste auf einen Tee einladen würden. Wenn ein Besucher nach einem Patienten „Fatimatu Muhammad!” ruft, suchen ihn sofort alle, alle kennen sich in dieser neuen Familie, die jeden Kranken aufnimmt, der auch nur eine Nacht in Rabuni verbringt. Die Zimmer bleiben derweil leer. Um sich auszuruhen, sind die Stunden des Tages da. Die Nächte mit ihrer kühlen Luft darf man in der Wüste nicht ungenutzt lassen.

Warten auf Hilfsmaßnahmen

Die aktuelle Situation in den Lagern ist besonders kritisch. Schon seit Oktober 2006 sind die Nahrungsvorräte aufgebraucht. Auf eine Klage durch die Hilfsorganisation Roter Halbmond hin, spendete die AECI (Agencia Española de Cooperación Internacional, Spanische Agentur für internationale Zusammenarbeit) 1,5 Millionen Euro. Das Amt für humanitäre Angelegenheiten der Europäischen Kommission (ECHO) schloss sich mit einer Spende von einer Million Euro an, die finnische Regierung gab 240 000 Euro.

Alle diese Spenden wurden vom Welternährungsprogramm koordiniert. Allerdings stellte das Wfp daraufhin die Lieferung finanzierter Lebensmittel ein und ließ keine Notfallhilfe mehr kommen. Die Hilfsorganisation Roter Halbmond richtete daraufhin einen Aufruf an den UNHCR. Er solle Druck auf die internationale Gemeinschaft ausüben und eine Katastrophe verhindern. Als Antwort auf den Aufruf besuchten Vertreter des UNHCR und des Wfp die Anfang Februar 2007 die Flüchtlingslager und bestätigten den Notstand. Zeitgleich sammelten in Spanien verschiedene Verbände der Freunde des Volkes der Westsahara Geld, um bis einer Reaktion durch die internationale Gemeinschaft eine möglichst große Menge an Hilfsmitteln schicken zu können.

In den algerischen Lagern warten unterdessen die Menschen aus der Westsahara aus Hilfe. Immer mehr macht sich unter ihnen der Eindruck breit, dass die Welt sie vergessen hat.

Núria Serra ist Entwicklungshelferin der NGO Ulls del món ("Augen der Welt")