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AIR: 'Wir sind keine Männer des Geschäfts'

Artikel veröffentlicht am 15. März 2008
Artikel veröffentlicht am 15. März 2008
AIR sind Ikonen des Elektro und bewegen sich mit ihrem neuen Album 'Pocket Symphony' weiter auf dem Weg, den sie bereits vor 12 Jahren eingeschlagen haben.

Im Backstagebereich des legendären madrilenischen Konzertsaals La Riviera herrscht Chaos. Drei Polizeiwagen, zwei Rettungsfahrzeuge und das unablässige Heulen der Notfallsirenen... das typische Ambiente eines Unfalls. Und tatsächlich - Nicolas Godin, der Gitarrist von AIR, hat sich während des Soundchecks ein Stückchen seines Fingers herausgeschnitten. Wir haben keine Ahnung, ob er vorhatte vor dem Auftritt einen Iberischen Schinken zu zerlegen oder ob die Saiten der Gitarre einfach zu scharf waren. Die Einsatzkräfte jedenfalls nehmen ihn mit, um die Wunde zu versorgen. Und auch wenn es so aussieht, als würde ihm nicht viel fehlen, hängt das für den Abend geplante Konzert zunächst in der Schwebe. Trotzdem empfängt uns Jean-Benoît Dunckel, der zweite im Bund, in seiner Künstlergarderobe.

Dunckel, 38, und Nicolas Godin, 39, sind in gut betuchten Verhältnissen in Versailles aufgewachsen. Sie haben sich in der Schule kennengelernt. Bereits als von den Seventies begeisterte Jugendliche versuchten sie getrennt voneinander ihr Glück im Musik-Business. Dunckel sendete seine Tapes an Häuser wie Virgin, bevor er begann Mathematik zu studieren. Godin übte zunächst eine Tätigkeit als Architekt aus und spielte nachts Klavier in Pianobars. Kritiker sagen oft, dass Godin für den melodischen Touch der Band verantwortlich sei. Heute haben die zwei unterschiedlichen Charaktere eine erfolgreiche Sound-Symbiose entwickelt, die bereits drei Alben und verschiedene Filmsoundtracks veröffentlichen konnte, sowie mit Künstlern wie beispielsweise Charlotte Gainsbourg zusammenarbeitete.

Japan und das Kino in Partituren

Schon nach wenigen Minuten des Plauderns mit Dunckel zeigt sich, warum die Musik des Duos AIR (Amour, Imagination, Rêve - Liebe, Fantasie, Träume) der perfekte Ausdruck ihrer Macher ist. Eine Art Nirwana umfasst die Konversation über die Musik und seine Bezüge zur japanischen Kultur. "Japan gefällt uns, weil es sehr sauber ist. Außerdem fasziniert uns die dortige Modernität." Das Album Talkie Walkie ist vermutlich jenes, das dem Land der aufgehenden Sonne am nächsten steht. Und die magische Nummer 'Alone in Tokyo', die auf dem Soundtrack zu Lost in Translation von Sofia Coppola zu finden ist, wirkt fast wie ein eigener Charakter des Films.

Dunckel erzählt weiter, dass er die Tochter der Coppolas bereits von klein auf kannte, als sie den kompletten Soundtrack zu The Virgin Suicides aufnahmen. Ohne seinen Tonfall zu ändern, erzählt er uns von der Flöte zum Titel "Cherry Blossom Girl" und berichtet uns von seiner Leidenschaft für das Kino. "Das einzige Problem am Kino ist, dass du einen ganzen Haufen Arbeit investieren kannst, um im Nachhinein festzustellen, dass der Film abgedreht ist, kurz vor der Premiere steht und sie dir sagen, dass deine Nummer letztendlich doch keinen Platz mehr darin findet. Aber so ist sie eben, die Welt des Kinos", meint er mit einem jugendlichen Grinsen.

AIR in The Virgin Suicides

Verschlossen - die Engländer. Offen - die Tschechen

Neben den Arbeiten zu Sofia Coppolas Streifen müssen auch andere Werke, die in Kooperation mit internationalen Künstlern entstanden sind, hervorgehoben werden. So zum Beispiel die mit AIRs Loungemusik untermalten Verse von City Reading, ein Album, das sie gemeinsam mit dem italienischen Dramaturg Alessandro Baricco aufgenommen haben. "Niemand konnte das so richtig verstehen. Sie hielten uns für verrückt."

Wir fragen Dunckel nach internationalen Erfahrungen und Unterschieden hinsichtlich des Publikums, woraufhin er uns eine völlig unerwartete Antwort gibt: "Natürlich ist das Publikum jedes Mal anderes, aber wenn ich reise, konzentriere ich mich lieber auf die Gemeinsamkeiten. Wir haben doch alle nur ein Ziel - glücklich zu sein. Und das herauszufinden macht mich ebenfalls glücklich."

Die Tschechen seien durchschnittlich das offenste Publikum, weil sie gerade dabei wären, den Westen zu erkunden. "Die Spanier kommen immer mit einer anständigen Portion Partylaune. Die Engländer hingegen sind viel schwerer zu begeistern - möglicherweise, weil sie selber etliche Bands haben", wirf er diplomatisch ein.

Wir sind keine Businessmänner

Bei dem Thema Internetpiraterie wirkt Dunckels Tonfall resigniert. Das Thema mag er scheinbar nicht besonders, zumal auch AIR mit dem erfolgreichen Radiohead-Produzenten Nigel Godrich zusammenarbeiten. Zum ersten Mal holpert seine Sprache. "Die Leute sind nicht daran schuld. Hier kann man einfach nichts machen." Kurz darauf aber begradigt er seine Aussage: "Gut, ich glaube die EU müsste etwas machen, um die Situation zu entschärfen. Sie hätte die Macht dazu. Einige Bands wie Radiohead zum Beispiel haben bereits reagiert - auf ihre eigenen Kosten. Sie suchen andere Mittel und Wege, um die Piraterie zu bekämpfen. Das erscheint uns richtig, aber gleichzeitig bedeutet es auch, dass wir Businessmänner zu sein hätten. Und die sind wir aber einfach nicht."

Air ist auf Tour in Australien bis Ende April 2008

Jean-Benoît Dunckel: Darkel