Kultur

Zukunftsvisionen in Zagreb: Von den Sternen in den Matsch

Artikel veröffentlicht am 20. August 2013
Artikel veröffentlicht am 20. August 2013

Die Zukunft war gestern. Hoffnungsvoll voran blicken heute nur noch Idealisten, Tagträumer und Spinner. Sind sie die letzte Rettung der Menschheit? In Kroatiens Hauptstadt Zagreb habe ich mit einigen Science-Fiction-Autoren die perfekte Zukunft ausklamüsert. Vorhang auf für Utopia 2.0!

Das Jahr 1971 war gerade angebrochen, als mitten vor dem kroatischen Nationaltheater eine Sonne zur Landung ansetzte. 30 Jahre später gesellten sich Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto hinzu. Und natürlich auch unsere Erde, ein fingernagelgroßer Winzling verglichen mit dem zwei-Meter-Bronzestern.

Für Mihaela Marija Perković ist die Installation der Künstler Ivan Kožarić  und Davor Preis das perfekte Sinnbild für ein besseres Morgen der Menschheit - und für den steinigen Weg dorthin. Fünf Minuten Fußweg vom Saturn entfernt machen wir es uns in einem Café an der Maksimirska Cesta bequem. Eine Zukunft ohne Koffein? Nein, danke!

Von den Sternen in den Matsch

Gefragt nach ihrer perfekten Welt, muss die Autorin lange grübeln. Echte Utopien spielen in der kroatischen Science Fiction eine untergeordnete Rolle - eine perfekte Gesellschaft bietet wenig Angriffsfläche für Drama. Und die Balkankriege taten ihr übriges hinzu, eine weitere Schicht Düsternis über die Zukunftsgeschichten zu legen.

Mihaela schiebt mir ein schwarzes Taschenbuch über den Tisch. Kontakt, eine Kurzgeschichtensammlung kroatischer Scifi-Autoren, ins Englische übersetzt. "Kroatische Science-Fiction ist düster. Sie hat ihren staunenden Blick von den Sternen abgewandt und blickt nun herunter in den Matsch", lese ich dort im Vorwort, verfasst von einem gewissen Darko Macan, der sich mir später per E-Mail als deprimierter und pessimistischer Misanthrop vorstellen wird. Ich schlucke. Ist Kroatien wirklich der richtige Ort, um über eine bessere Zukunft zu sprechen?                                                                                                  "Unsere Art zu lernen muss sich grundlegend verändern", platzt es plötzlich aus Mihaela heraus. Ihre Freundin und Schreiberkollegin Irena Rašeta nickt. Zwang und Auswendiglernen haben für sie keine Zukunft - nicht in Kroatien, nirgendwo. Mihaelas eigene Schulzeit hatte es nicht geschafft, ihre Neugierde auf die Wunder des Universums zu wecken. Diese Faszination kam erst später, dafür aber mit Wucht.

Großfamilie Menschheit

Trotzdem spielt der technologische Fortschritt in Mihaelas Zukunftsvision nur eine untergeordnete Rolle. "Meine Geschichten entwickeln sich oft in eine feministische Richtung", erklärt die Mutter eines Sohnes. Aber eigentlich gehe es um die Möglichkeit des Menschen, sich selbst zu verbessern, zu einem selbstloserem, emphatischen Wesen zu werden - auch aus pragmatischen Gründen: "In einer Gesellschaft mit immer mehr Singles sind wir unweigerlich auf Hilfe im Alter angewiesen." Die Menschheit müsse sich als Großfamilie verstehen, in die jeder seinen Teil einbringt: vom Babysitten zur Krankenpflege bis zur Wissensweitergabe.

Die klassische Mann-Frau-Familie ist in Mihaelas Zukunft nur eine Option unter vielen. "Ich wünsche mir eine Welt, in der alle Arten von Beziehungen möglich und selbstverständlich sind - schwul, lesbisch, zu zweit, zu fünft oder zu siebt." Und jede dieser Gemeinschaften solle das Recht besitzen, Kinder zu adoptieren und zu erziehen. "Hier in Kroatien gibt es viele verlassene Kinder, gleichzeitig dauert es oft zehn Jahre, bis eine Adoption gelingt", schimpft sie. "Zusammengefasst ist mein Utopia also ein Mischmasch aus einer perfekten Hippiewelt der 70er, die aber in einer urbanen, futuristischen Umgebung angesiedelt ist, Technologie wertschätzt und freie Bildung für jeden bietet."

Irena hält eine solche Zukunft nur mit Schummelei für möglich: "Ich würde eine Droge erfinden, die die Menschen dazu bringt, sich mehr umeinander zu kümmern und sie ins Grundwasser mischen", sagt die 34-jährige und lacht. "Wir haben verlernt, für uns selbst zu denken. Kinder müssen auch lernen, Autoritäten infrage zu stellen!"

Ein Hauch Apokalypse

Autoritäten infrage stellen ist Aleksandar Žiljaks Spezialität. Der 50-jährige Mit-Herausgeber der Sci-Fi-Anthologie Ubiq hat schon über die Zukunft geschrieben, als meiner einer noch gar nicht den Geburtskanal verlassen hatte. Einige seiner Geschichten haben gar den Sprung über die kroatischen  Landesgrenzen geschafft, sind in deutschen, polnischen oder englischsprachigen Magazinen erschienen. So auch Ultramarine, Aleksanders Lieblingsgeschichte. Ich treffe dieses Urgestein der kroatischen Science-Fiction in einer Openair-Bar im Atrium des Archäologischen Museums. Ausgerechnet. Aber das Bier ist kühl, die Musik loungig.

Schnell wird klar: Aleksandars Gedanken zeichnet ein gewisser Hang zu Fatalismus und Galgenhumor aus. Während er über sein persönliches Utopia doziert, scheint immer wieder durch, dass er ein anderes Szenario für weitaus wahrscheinlicher hält: den totalen Kollaps. Seine Visionen aber sehen denjenigen von Mihaela und Irena recht ähnlich. Aleksandars Stadt der Zukunft ist vor allem eins: grün. Ein einziger großer Park, in dem private Autos keinen Platz mehr haben. Stattdessen soll ein dichtes Netz von öffentlichen Nahverkehrsmitteln Mensch und Material an Ort und Ziel bringen.

"Milliarden von Menschen können auf der Erde nicht überleben, wenn wir Landwirtschaft wie im 17. Jahrhunderts betreiben", ist sich Aleksandar sicher. Stattdessen müssten lokale, gemeinschaftliche verwaltete Strom- und Wasserkraftwerke die Erdbewohner versorgen. "Die Privatisierung der wichtigsten Versorgungsadern einer Gemeinschaft ist reinste Idiotie und extrem gefährlich!" warnt der Kapitalismuskritiker - ein deutlicher Seitenhieb auf die aktuelle Politik in seinem Land. "Zwanzig Jahre lang haben wir alles mögliche hier privatisiert und was ist passiert? Die meisten Fabriken sind geschlossen, die Arbeiter gefeuert." Aleksandars Redefluss lässt sich nur noch schwer stoppen. "Wir haben eine Armee an Arbeitslosen, nicht wegen der Kriegsschäden, sondern dank des Missmanagements unserer Wirtschaft!"                  In der Zukunft soll ein Mix aus privatem und öffentlichem Besitz für die richtige Balance sorgen. Gewisse Nutzgegenstände könnten miteinander geteilt werden, Haushalts- und Gebrauchsgegenstände bequem zuhause produziert - dank hochentwickelter 3D-Drucker. Eine Art Sozialismus 2.0

Bildung für jedes Kind

Doch wohin mit den Millionen Arbeitslosen? Nur 20 Prozent der Menschheit, glaubt der Autor, und bei dieser Zahl muss ich schlucken, sei zu echter kreativer Arbeit fähig und viele davon könnten ihr Potenzial nicht entfalten, weil sie in ärmlichsten Bedingungen aufwüchsen. "Für die jetzige Generation kommen wir zu spät, wir müssen in die Kinder investieren." Nur mithilfe eines globalen Bildungsnetzes sei es möglich, wirklich jedem Kind, ganz egal ob in Afrika, den USA, Asien oder Europa geboren, die gleichen Bildungschancen zu bieten.

Die Mittel für seine Utopie, da ist sich Alexandar ganz sicher, liegen in greifbarer Nähe. Technisch gesehen. Das eigentliche Problem bestehe dagegen bei den Politikern und Staatsführern: "Das heutige System ist einfach nicht daran interessiert, die Früchte der Erde gleichmäßig zu verteilen." Also Neustart? Sollten wir einfach den Kollaps abwarten, um aus der Asche unserer Zivilisation eine neue, bessere Welt zu bauen? Für meine Frage ernte ich einen bitterbösen Blick: "Diese Asche wird radioaktiv sein. Ein neuer Weltkrieg bombt uns mindestens ins Mittelalter zurück!" Einen Krieg für eine bessere Zukunft herbeizusehnen, sei daher nichts anderes als Bullshit. "Wer von diesen Leuten weiß denn schon, wie es ist, wenn auf ihn geschossen wird oder man 50 Kilometer mit voller Ausrüstung marschieren muss? Geschweige denn, wie man eine Kuh melkt? Aus totalem Chaos entsteht niemals etwas Gutes!"

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe EUtopia on the ground, die jeden Monat die Frage nach der Zukunft Europas aufwerfen soll. Dieses cafébabel Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, der Fondation Hippocrène sowie der Charles Léopold Mayer-Stiftung unterstützt.