Kultur

Zagar: "Außerhalb von Ungarn fängt man bei Null an"

Artikel veröffentlicht am 13. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 13. Juni 2008
In Gedanken stets bei seinem Computer oder Klavier, erinnert der 36-jährige Balázs Zságer müden Blickes an einen Nachtschwärmer. Mit einem Bein in der Elektro-Szene Ungarns, mit dem anderen im Ausland: Zagar über die Pop-Melancholie im Osten und die Schwierigkeiten, Erfolg im Ausland zu haben.

Sein Kopf erinnert an den eines Spatzen, der Körper dagegen wirkt schlaksig. Mit müden Augen lässt sich Balázs Zságer in einem der ältesten Cafés von Budapest, auf der Andrassy Ut, gegenüber der Oper der ungarischen Hauptstadt nieder. Hohe Decken wölben sich über unseren nassen Köpfen. Draußen regnet es in Strömen. Zagar, so sein Künstlername, reicht mir sein letztes Album, das zweite, stolz wie ein kleiner Junge: "Das ist die CD der Reife. Ich sehe darin etwas Spirituelles." Auf dem Cover von Cannot walk, fly instead sieht man die fünf Bandmitglieder in einem dunklen Wald voller nackter Bäume, eine Sonne, grell wie ein Scheinwerfer, erleuchtet ihre Gesichter. "Unsere Musik ist städtisch, man kann in ihr jedoch etwas Übernatürliches fühlen, das den Fans Energie schickt." Die Musik von Balázs Zságer hat Rock- und Hip Hop Einflüsse. Zagar läuft im Radio und den angesagtesten Clubs der Hauptstadt. 

Das Abenteuer Yonderboï

©zagarmusic.comZagar ist keines dieser frischgebackenen Bastlergenies aus der elterlichen Garage. Sagen wir es mal so, die Entdeckung des Computers und seiner grenzenlosen musikalischen Möglichkeiten liegen bei Zagar schon lang zurück. Genau wie die schräge Zeit, in der er sich dem Jazz und der Klavierimprovisation verschrieben hat. Und auch wenn er die Gesichtszüge eines Jugendlichen behalten hat, kann dieser Musiker von 36 Jahren bereits auf 150 Konzerte in den größten Städten Europas zurückblicken. Im Kreise des Quintetts des Ungarn Laszlo Fogarasi, alias Yonderboï, hatte er Anteil am Erfolg des im Jahre 2000 erschienenen Albums Shallow and profound. Diese CD ist nach der Gruppe Anima Sound System entscheidend in der Geschichte der ungarischen Elektromusik und gewinnt mit der Goldenen Giraffe für das beste Album des Jahres die größte nationale musikalische Auszeichnung. 

"Es waren die Anfänge der 'Lounge'- Musik, als Elektro wirklich anfing, gut zu laufen. Das Yonderboï Quintett wurde plötzlich bekannt in Ungarn und schaffte es auch, sich im Ausland einen Namen zu machen", erinnert sich Zagar. Die Interviews häufen sich, ebenso wie die Auftritte in Deutschland, Holland, Frankreich…Die Musiker treffen auf unterschiedlichstes Publikum. "Wir waren die Jungs, die aus einem unbekannten Land gekommen waren und ich denke, die Leute haben diesen kulturellen Unterschied damals gespürt!" Der Durchbruch einer osteuropäischen Band im Westen ist dennoch schwierig und bleibt eher die Ausnahme: "In Europa gibt es so viele Einflüsse, vor allem aus dem Internet, dass es schwierig ist, aus der Masse hervorzustechen."

Ein allzu kleiner Markt

Schwierig ist es auch, eine CD zu exportieren. Die Sparte 'Lounge' wird dem jungen Künstler schnell zu klein. Das Abenteuer Yonderboï ist längst vergangen, Zagar ist, zumindest auf dem ungarischen Markt, etabliert. 2001 gründet der Musiker, der stets mit seinem Mischpult, seinem Fenderklavier und seinem Keyboard unterwegs ist, eine neue Gruppe. Diesmal einfach unter dem Namen 'Zagar'. "Mit dieser neuen Formation mussten wir im Ausland bei Null anfangen, auch wenn wir schon gute Kontakte zu Leuten wie Daft Punk oder Busy P und dessen Produktionsfirma Ed Banger hatten", erzählt Zagar. "Der ungarische Markt ist zu klein und im Ausland ausreichend präsent zu sein, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit."

Um bekannt zu werden, nutzen manche, überlegt oder unüberlegt, eine andere Sparte - die der 'Welt Musik'. Zagar hält jedoch wenig davon, ungarische Folklore in seine Musik einfließen zu lassen: "Die Vermischung von Folklore oder traditioneller Musik mit Elektro, wie es beispielsweise das Gotan Project gemacht hat, funktioniert nur einmal. Es ist einfach nicht mein Ding."

Elektronische Melancholie im Osten

©zagarmusic.comDennoch finden sich in Zagars Mix osteuropäische Klänge, die das Ganze jederzeit tanzbar machen und vor allem durch Rock oder Bands wie Sigur Rós und Radiohead beeinflusst sind. Die ersten Refrains, die man in der Kindheit gehört hat, haben sich in das kollektive Gedächtnis dieser Künstlergeneration eingebrannt: "Die Musik von osteuropäischen Zeichentrickfilmen hat unsere Arbeit sehr beeinflusst!" Dieser Bezug ist für einen Westeuropäer nicht unbedingt offensichtlich, aber sie stößt auf Zustimmung im Universum des Ostens.

Polen, Tschechien, Ungarn oder die Slowakei teilen sich neben einer gemeinsamen Mentalität auch ein ähnliches musikalisches Umfeld: "Unser Teil des Kontinents hat ein spezielles Faible für Popmusik, vor allem für die mit einer gewissen Melancholie, etwas Bittersanftem, das man auch in den Filmen des Tschechen Milos Forman wiederfindet." Und wenn Europa sich verweigert, so wird die musikalische Route eben weiter gen Osten verlaufen…geradewegs bis ins Land der aufgehenden Sonne. Für Zagar liegt die Zukunft der Elektromusik in Japan oder China: "Tokio ist sehr offen, was Neuheiten in der elektronischen Musik betrifft. Und daran arbeiten wir."