Kultur

Yuri Khashchevatsky : „Weißrusse sein ist heutzutage in Mode“

Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2007
Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2007
Yuri Khashchevatsky (60) ist Regisseur und eine der führenden Persönlichkeiten der weißrussischen Oppositionsbewegung. Der Visionär preist die Stärke der weißrussischen Jugend und die Rolle des Internets für den Widerstand.

„Für das Interview kommen sie besser bei mir vorbei, Metrostation Lenin.“ Als Persona non grata in den Augen der weißrussischen Staatsgewalt, hat Yuri Khashchevatsky wenig Lust sich in den Cafés von Minsk aufzuhalten. Der Regisseur hat gerade seine neueste Dokumentation fertig gestellt, ‚Ploscha’, ein Film, der die Demonstrationen nachzeichnet, bei welchen sich im März 2007 ein großer Teil der weißrussischen Jugend Alexander Lukaschenko gegenübergestellt hat: Gegenüber dem Mann, der 'der letzte Diktator Europas' genannt wird.

Mit dieser Ersatz-Rebellion ist eine unerbittliche Verhärtung des Regimes einhergegangen. „Da letztendlich nur wenige Landsleute dieses Ereignis der friedlichen Besetzung des Platzes der Oktoberrevolution kennen, ist mein Film nur ein kleiner Beitrag, ein kleiner Wassertropfen zur Bewusstseinswerdung der Weißrussen.“

Doch sein kleiner Wassertropfen nährt die Flut der Proteste. Mit versteckter Kamera gedreht und anschließend heimlich mit Windows 98 geschnitten, wird ‚Ploscha’ mittels schwarzgebrannter DVDs, die unter der Hand innerhalb der weißrussischen Diaspora in allen Ecken Europas weitergereicht werden, verbreitet. Ein cineastisches Manifest für eine neue Revolution im Osten ?

Dokumentationen sind seine Leidenschaft

Versteckt in einem sehr alten Treppenhaus, erstreckt ein langgezogenes Appartement mit knarrendem Parkettboden seine mit Bücherregalen vollgestopften Flure: Im Büro des Hausherren fällt ein dünner Lichtstrahl auf Bücher, verstaubtes Papier und einen altehrwürdigen Computer und hüllt alles in eine blasse Wolke. Yuri Khashchevatsky hat eine entfernte Ähnlichkeit mit Bukowsky: ein weißer Bart verdeckt sein Gesicht und in seinen Augen blitzt der Schalk.

Geboren in Odessa im Jahre 1947 „von einer russischen Mutter und einem jüdischen Vater“ bekennt dieser ,Freigeist,´ wie er sich gerne selbst beschreibt, „sich auf den Grenzen zu bewegen.“ Er studierte an der Technischen Fakultät der Stadt, obwohl er davon träumte „Regisseur“ zu werden. Arbeitete anschließend mehrere Jahre als Mechaniker in der Ukraine, bevor er sich in Minsk niederlässt, wo, so erzählt er weiter, „sein Leben ist“ , bestehend aus: Frau und Kinder. Mit 25 zahlt sich sein Beharrlichkeit aus: Khashchevatsky wir vom Staatsfernsehen eingestellt um Drehbücher zu schreiben. „Ich habe mich ständig mit dem Regisseur, der meine Texte in Bilder umsetzten sollte, gestritten,“ erinnert er sich. Bis dieser, entnervt von seinen Kritiken ihm vorschlägt „sie selbst zu filmen.“

Schnell wird man auf seine ersten Filme aufmerksam und Khashchevatsky wird nach Leningrad geschickt um Kurse am prestigereichen nationalen Institut für Film und Fernsehen zu besuchen: zweimal pro Jahr verbringt er mehrere Monate in Russland wo er seine Regie- und Filmtechniken verfeinert. Sehr schnell bevorzugt er das Format des Dokumentationsfilms: „ dafür braucht man mehr Phantasie und Vorstellungskraft, als für einen klassischen Spielfilm, denn man muss eine interessante Geschichte mit gewöhnlichen Helden schaffen.“ Dem neuen Staatschef des Landes, Alexander Lukaschenko, gefällt es 1996 gar nicht die Hauptrolle in seinem politischen Pamphlet: ‚Ein gewöhnlicher Präsident’ zu spielen. Der Film wird, ein Jahr später, auf der Berlinale in der offiziellen Selektion präsentiert. Und Khashchevatsky zieht den Zorn eines Regimes auf sich, das er offen und ohne zu Zögern als „zeitgenössischen absoluten Totalitarismus” bezeichnet.

Doch auch unter strenger Überwachung durch den lokalen KGB, wird er ein anerkannter Cineast, der regelmäßig an internationalen Film Festivals teilnimmt. Schläge und Verletzungen, sowie Aufenthalte im Gefängnis fallen mit den Drehs zusammen. Als Mitglied der Eurasischen Akademie für Fernsehen und Rundfunk erhält er 1998 auf dem Internationalen Filmfestival der Menschenrechte in New York den Preis der Jury für ‘Die Gefangenen des Kaukasus’ eine Beobachtung in Tschetschenien. Nach 15 Filmen und Dokumentationen auf seinem Konto, bestätigt er, dass „die wirkliche Objektivität in der Subjektivität liegt die der Erzähler zeigt.“

Idiotische Oppositionsbewegung

„In den 70er Jahren in der UdSSR, brachte man die Widerständler einfach in die Psychiatrie, heute wird das gesamte Volk mittels des Fernsehens oder des Staatsradios betäubt.“ Empört er sich. Wann also die Zeit für eine neue Regierungsform gekommen? Es steht momentan außer Frage eine Orangefarbene Revolution nach dem Modell der Ukraine ins Leben zurufen. „ In Georgien oder in der Ukraine gab es demokratische Institutionen, sowie Medien und Oppositionsparteien. Das Volk verfügte über Instrumente um zu handeln. Weißrussland ähnelt in diesem Punkt eher Nordkorea als der Ukraine. Auch hier werden Menschen vergiftet oder getötet. Naja, sie „verschwinden“, erklärt er mit einem ironischen Augenzwinkern.

Von einem Anstoß zur Veränderung weit entfernt verhalten sich die verschiedenen weißrussischen Oppositionsbewegungen wie „Idioten“, sie sind festgefahren in ihren Meinungsverschiedenheiten und unfähig sich gegenseitig zuzuhören. „Alle von ihnen, auch Milinkievitsch, sind kleine Lukaschenkos die alle glauben alles zu wissen“. Der Satz, mit Inbrunst ausgesprochen, nimmt die Widerständler unter Beschuss die, so vervollständigt er, kaum die Gewohnheit haben zu „delegieren“. „Sie verstehen nicht, dass sie mit Professionellen zusammenarbeiten müssen: mit Juristen, Politologen und Kommunikationswissenschaftlern“, analysiert Khashchevatsky.

Auch muss sich der Widerstand von nun an auf einer „neuen Kultur“ begründen. Schluss mit Geheimschriften in Briefkästen oder Zeitungen die schwarz verkauft werden, die weißrussische Opposition kann virtuell besser agieren. „Der Samisdat [ein System eines inoffiziellen Selbstverlags, das die Verbreitung von Oppositionsschriften zur Zeit der ex-UdSSR ermöglichte] ist heute von Viral Marketing abgelöst worden,“ schmunzelt Khashchevatsky.

Er ist ein überzeugter Internet-User : Die Möglichkeiten des Internet sind unbegrenzt. „ Man muss neue Wege finden um zu kämpfen und um dies zu tun ist unsere Jugend perfekt: stark, entschlossen und reif“, sagt er bewundernd. Auf jeden Fall effektiver als die europäische Union, die „härtere Argumente gegen das Regime Lukaschenko suchen muss, ohne die sie sonst ihre Schwäche definitiv unter Beweis stellen würde.“