Kultur

Wolfgang Stranzinger, mit Tigeraugen

Artikel veröffentlicht am 16. September 2006
Artikel veröffentlicht am 16. September 2006
Abgedrehter Visionär, Künstler oder eiskalter Unternehmer? Der Österreicher Wolfgang Stranzinger, 36 Jahre alt und Gründer der Internationalen Lomographischen Gesellschaft schildert die „zufällige“ Entstehung seines Imperiums der Spontan-Fotografie.

Wolfgang Stranzinger empfängt mich barfuß in seiner Mietwohnung in einem Wiener Altbau. Die großen Räume und klaren Linien der Wohnung, alle im schicken Bohème-Stil gehalten, fesseln mich. Wir setzen uns zum Gespräch auf die Terrasse mit Schwimmbad, in dem das Wasser in der Junisonne glitzert. Während ich mich an der atemberaubenden Aussicht über die Dächer der österreichischen Hauptstadt ergötze, bietet mir Stranzinger ein thailändisches Bier an. Dann erzählt er mir die Lomo-Legende.

Am Anfang waren Stranzinger und seine Freunde: eine Gruppe von abgedrehten, partywütigen Studenten. 1991, kurz nach dem Mauerfall, entdecken Stranzinger und sein Freund Matthias Fiegl leicht beschwipst auf einem Flohmarkt in Prag eine Kamera aus Sowjetzeiten, die ihre Kreativität beflügelt. LOMO steht für „Leningradskoye Optiko-Mekhanicheskoye Ob'edinyeniye », eine Waffenfabrik in Sankt Petersburg und soll der Legende nach in den 80er Jahren für Spionageaktionen des KGB entwickelt worden sein. Das Besondere? Eine spezielle Linse, die Schnappschüssen verschwommene Farbkontraste verleiht.

Ansteckendes Lomo-Fieber

Nach ihrem Ausflug in den Osten besorgen sie die Kameras in Wien erst für Freunde, dann für die Freunde der Freunde, bis sich die Lomo in ganz Europa verbreitet. Bald können sie sich vor Nachfragen nicht mehr retten. Matthias beendet 1994 sein Wirtschaftsstudium, Wolfgang macht seinen Abschluss in Jura. Nach einer gigantischen Parellelausstellung in Moskau und New York mit über 10 000 Schnappschüssen, beschließen die beiden Freunden, aus ihrem Hobby ein brummendes Geschäft zu machen.

Als gewiefte Geschäftleute unterzeichnen sie 1996 einen Vertrag mit Vladimir Putin, damals noch Bürgermeister von Sankt Petersburg. Der Exklusiv-Vertrieb der „Lomo Compact Automat“ (LCA) ist gesichert. 12 Jahre später schreibt das Unternehmen Umsatzzahlen von zehn Millionen Dollar pro Jahr und beschäftigt 50 Angestellte, die rund 60 nationalen „Botschaften“ nicht mitgezählt. Diese halten das lomographische Feuer durch Partys, Wettbewerbe und Ausstellungen für Gleichgesinnte am lodern.

Stranzinger ist überzeugt: Die Begeisterung komme daher, dass eigentlich kein Konzept gebe. „Zu Beginn waren wir nur ein paar Kumpels, die Spaß haben wollten. Wir wollten kein Geld verdienen, und das hat uns eine enorme Glaubwürdigkeit gebracht“. Technische Mängel und fehlende Zuverlässigkeit brachten Lomo noch bis vor ein paar Jahren den Ruf eines technisch minderwertigen Produktes ein. Heute haben die Lomographen diese Mängel behoben und ein neues Zeitalter der Fotografie eingeläutet. „Uns wurde schon oft Größenwahn vorgeworfen“, sagt Stranzinger und ergänzt: „Ok, wir waren ein bisschen verrückt. Aber das Wichtigste ist, dass nicht nur geträumt haben.“

Wer Erfolg hat, muss auch Kritik einstecken: Wie kann Lomo seinen antikonformistischen Geist trotz der vielfältigen Veränderungen der Marke bewahren? Die Kritiker sind überzeugt, dass das Geschäft die Authentizität des Produkts zwangsläufig aufhebt. Aber für Stranzinger steht fest: „Ohne die lomographische Gesellschaft hätte sich der Geist von Lomo niemals zu einer so lebendigen und mannigfaltigen Gemeinschaft entwickeln können“.

Andy Warhol der Fotografie

Von Mehrfach-Objektiven, die Schnappschüsse vierteilen, bis hin zu Kameras mit Farbfiltern oder 170°- Winkel-Modell „Fisheye“: Rund 300 000 Analog-Kameras verkauft die Internationale Lomographische Gesellschaft pro Jahr. Hinzu kommen noch Bücher, Taschen oder Kleidung.

Die Gesellschaft bedient über 200 000 treue Kunden am Ladentisch, die Internet- Käufer nicht mitgerechnet. Die Lomographen schießen Photos wie es ihnen gerade in den Kopf kommt, mit der Kamera in der Hüfte oder mit dem Kopf zwischen den Beinen. Ihre Philosophie ist vier Wörter kurz: „Don’t think, just shoot!“

„Jeder bekommt das Gefühl, ein Künstler zu sein, deshalb möchte auch jeder mitmachen“ analysiert Stranzinger und schlürft sein Bier. „Manche Journalisten bezeichnen uns als ‚Warhol der Fotografie’. Und immer wieder wird die Frage gestellt: Ist das Kunst oder nicht? Aber diese Debatte interessiert uns gar nicht“, schnauft er.

Krimskrams- Hype?

Selbst wenn er gerne auf Anfragen von Museen oder Galerien antwortet, behält Stranzinger klaren Kopf: „Unsere Plattform bietet Werkzeuge, die die Kreativität jedes Einzelnen erweitern und den Leuten Spaß verschaffen“ hämmert er mir ein. Punkt.

Der Aufschwung des Internet hat die Entwicklung des kleinen Unternehmens forciert. Obwohl die Anhänger der analogen Fotografie immer weniger werden, pflegt die Internationale Lomographische Gesellschaft ihre Nische: „Wir bieten kreative Werkzeuge, wir sind keine Konkurrenz“, so Stranzinger.

Auch wenn das Projekt sich demokratisch nennt, bleibt es doch auf eine bestimmte Zielgruppe beschränkt. Der durchschnittliche europäische Lomograph ist 28 Jahre alt, verfügt über eine Hochschulbildung, reist viel und hat ein gutes Einkommen. „Unsere Idee gilt jedem, am meisten aber sind Amerikaner und Asiaten von der europäischen Art begeistert, sich frei und spontan auszudrücken, zu kommunizieren und kreativ zu sein“, erklärt Stranzinger.

Inzwischen haben Großbritannien und Spanien Berlin den Rang der größten „Lomo-Addicts“ abgelaufen. Die Initiatoren betonen lieber das Stammesgefühl der Lomo-Bewegung als die europäische Identität, behalten aber ihre Zentrale in Wien. Noch hat Stranzinger nicht ausgeträumt: „Wir würden gerne weiter expandieren: Mailand, Rom, Brüssel …. In jeder Großstadt sollte es eine Lomo- Galerie geben.“ Das Experiment geht weiter.