Kultur

Weltbehindertentag: Wir vom Budapester Baltazár Theater sind besser

Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2010
Für geistig und körperlich beeinträchtigte Menschen ist es in Ungarn nach wie vor schwer, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Das Budapester Baltazár Theater zeigt Wege der Integration auf - mit Erfolg. Ein Porträt zum Weltbehindertentag am 3. Dezember.

Dóra Elek ist Profi. Und sie ist streng. Während der Proben erlaubt sie keine Nachlässigkeiten. Dass sie es nicht mit Schauspielern im üblichen Sinne zu tun hat, ist für die 43-Jährige kein Argument. Wenn der Vorhang aufgeht, müssen die derzeit 13 Schauspieler ihre Leistung abrufen. Dafür arbeiten sie täglich. Davon leben sie. Mit geistiger Behinderung.

Dóra ElekDas im Februar 1998 gegründete Baltazár Theater ist das einzige seiner Art in Ungarn, das ausschließlich aus geistig behinderten Schauspielern besteht. Das Ensemble sieht seine wegweisende Aufgabe darin, eine Behinderung nicht als Mangel zu sehen, sondern das künstlerische Potential in den Vordergrund zu rücken. "Somit wächst das Bewusstsein, dass behinderte Menschen von ihren Fähigkeiten leben können", so die künstlerische Leiterin und Theatergründerin Dóra Elek.

Die Weltgesundheitsorganisation hat 1992 den 3. Dezember zum Welttag der Behinderten erklärt. Er soll an die Probleme der Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft erinnern. Und derer gibt es in Ungarn noch reichlich. Die wenigsten öffentlichen Verkehrsmittel und Gebäude sind ihren Bedürfnissen entsprechend. Das ungarische Sozialministerium schätzt die Zahl der Behinderten im Land auf etwa 577.000, gerade einmal 10,5 Prozent davon gingen einer Beschäftigung nach.

Vor allem in kleineren Städten und den ländlichen Regionen gab es bis vor wenigen Jahren keine Möglichkeiten zur Weiterbildung, keine Möglichkeiten, in Bildungseinrichtungen einen Beruf zu erlernen und für Kinder keine Schulen und keine ausreichende Anzahl an Fachleuten, so das vernichtende Urteil einer 2003 erhobenen repräsentativen Studie der Stiftung "Kézenfogva" (Hand in Hand), die sich seit 1993 für die Verbesserung der Lebensumstände von behinderten Menschen in Ungarn engagiert. Eine künstlerische Ausbildung, die nicht-therapeutische Ziele verfolgt, war bislang nur für die Schauspieler des Baltazár Theaters möglich. 2005 schließlich öffnete das Baltazár Kunstzentrum seine Türen, deren integrative künstlerische Bildungsarbeit allen Interessierten offen steht.

"Picasso: Creation of the World"

Die Auftritte des Baltazár Theaters richten sich an kein Spartenpublikum. Grundlage ihrer Arbeit ist es, nicht als Behinderte wahrgenommen zu werden, sondern als Schauspieler. So treten die Mitglieder nicht trotz ihrer Behinderung auf, sondern für sich als eigenständige Künstler. Denen wird zuweilen auch ein Hang zur Exzentrik nachgesagt. Der Frage, ob es auch unter ihren Schauspielern kleine Diven gibt, weicht Dóra Elek diplomatisch aus: "Jeder Schauspieler ist verschieden, das hängt auch immer von der jeweiligen Person und Persönlichkeit ab."

Seit der Gründung des Theaters sind bereits elf selbst geschriebene und inszenierte Stücke zur Aufführung gekommen. Mittlerweile hat die Gruppe Auftritte in ganz Europa hinter und vor sich. Das Hauptaugenmerkt richtet sich jedoch auf das Heimatland. "Wir wollen mit diesem Theater eine solche Kultur in Ungarn mitgestalten, die Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Integration von Menschen mit geistiger Behinderung bietet", so Theaterleiterin Elek. Die in Paris ausgebildete Theaterwissenschaftlerin und Regisseurin kam Mitte der 1990er Jahre mit dem Ziel nach Ungarn zurück, ein Theater der anderen Art auf die Beine zu stellen.

Nicht aufgrund ihrer Behinderung, sondern ihrer Tätigkeiten sollen die Schauspieler des Baltazár Theaters beurteilt werden. Und an denen wird kontinuierlich gefeilt. Im Proberaum hoch oben in den Budaer Bergen erhalten die Schauspieler Unterricht im Tanzen, in rhythmischer Körperbewegung, im Gesang und in Sprachtechniken. Alle haben sich von Null angefangen ihre Fähigkeiten erarbeitet, gefördert und gefordert von professionellen Lehrern. Neben dem Stammpublikum will das Ensemble zudem auch Menschen anziehen, die bislang noch kein Theater dieser Art gesehen haben, doch deren soziale Sensibilität mit den Stücken des Baltazár Theaters geweckt werden soll.

Initiativen ähnlicher Art gibt es auch in Deutschland. Das Theater Thikwa in Berlin sieht sich als gelungenes künstlerisches und soziales Experiment von behinderten und nicht-behinderten Künstlern. 20-jähriges Bestehen feierte in diesem Jahr auch das ebenfalls in der deutschen Hauptstadt ansässige Theater RambaZamba. All diesen Gruppen ist gemein, dass die Künstler, die im Alltag immer noch unter dem Aspekt des Nicht-Könnens gesehen werden, mit ihrem Theaterspiel Publikum und Kritiker gleichermaßen überrascht und bewegt haben. Der Unterschied zum Budapester Baltazár Theater? "Wir sind besser!", so Dóra Elek selbstbewusst.

Fotos: ©Dusa Gábor/baltazarszinhaz.hu