Kultur

Warum der neue Asterix diesmal alles richtig macht

Artikel veröffentlicht am 29. Oktober 2015
Artikel veröffentlicht am 29. Oktober 2015

Volltreffer! Der neue Asterix hat das Zeug zum modernen Klassiker. Der Papyrus des Cäsar strotzt vor lustigen Ideen, charakterbasiertem Humor und gelungenen Anspielungen auf die Gegenwart. Vor allem aber wird endlich wieder eine in sich stimmige Geschichte erzählt. Und es gibt Einhörner! BÖSE EINHÖRNER!

Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Ja! Behauptet zumindest ein frischgebackener Buchautor namens Gaius Julius Cäsar in seinem Erstlingswerk. Seine Niederlagen gegen ein gewisses gallisches Dorf hat der römische Feldherr kurzerhand unter den Tisch fallen lassen. Auf Anraten seines PR-Beraters wurde das entsprechende Kapitel XXIV zwar geschrieben, dann aber ersatzlos herausgestrichen. Doch nun steht Cäsars Ruf auf dem Spiel. Ein Schreiber hat die kompromittierenden Geschichten an einen Whistleblow… Verzeihung, Kolporteur – weitergeleitet, der nun die ganz große Enthüllungsgeschichte wittert.

Die Anspielungen sind mehr als deutlich – nicht nur, weil eben jeder Kolporteur die Gesichtszüge von Wikileaks-Gründer Julian Assange trägt. Der neue Asterix ist im Internetzeitalter angekommen – und dabei ganz sich selbst treu geblieben. Natürlich, es gab sie, die Unkenrufe, die ihren Kindheitshelden modernisiert und missbraucht sahen. Sollte es nun Twitterbeef in Aremorica geben? Würden die Piraten ihr Schiff im Datenstrom versenken? Beim Teutates, nein!

Dabei hätten die selbsternannten Puristen nur in ihren alten Alben blättern müssen: Anspielungen auf aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse stellen eben keine Anbiederung an ein modernes Publikum dar, sondern etwas, das die Asterix-Reihe seit ihrer Geburtsstunde ausgezeichnet. Als Legionär nimmt den Massentourismus auf’s Korn, Obelix GmbH & Co. KG den Kapitalismus und Die Trabantenstadt ein Phänomen, das heute gemeinhin als Gentrifizierung bekannt ist. Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Popkultur standen ebenfalls von Beginn an Pate, wenn es darum ging, eine Nebenfigur aufzubauen. Stan Laurel und Oliver Hardy (Dick & Doof) hatten einen Gastauftritt in Asterix als Legionär. Für Die goldene Sichel borgte sich Albert Uderzo die Gesichtszüge von Schauspieler Charles Laughton (als Grachus Überdrus) aus.

Promibesuch im gallischen Dorf

Als Kinder mögen wir so manche visuelle Anspielung nicht verstanden haben, zumal viele der französischen Gesellschaft entlehnt waren. Heute blättert eine neue Generation in den alten Heften – und dürfte ebenfalls ihre Probleme haben, die Promis von einst zu identifizieren. In der Zukunft wird es nicht anders sein: Werden die Asterix-Leser in 30 Jahren noch die Farbe des Twitter-Maskottchens in Parabolix‘ Piepmätzen wiedererkennen? Sich an die Gesichtszüge von Julian Assange erinnern? Sehr unwahrscheinlich. Schlimm ist das nicht: Die Gags gelten Eingeweihten, sind für das Verständnis der Handlung aber unerheblich. Das war die Meisterleistung des Dreamteams Goscinny und Uderzo: Ihre Geschichten nahmen aktuelle Trends auf, gallifizierten sie und blieben doch allgemein genug, um auch Jahrzehnte später noch verstanden zu werden.

Mit dem Tod Goscinnys änderte sich das: Uderzo, dieser begnadete Zeichner hatte nie das Händchen für eine dichte Story. Er war ganz Visionär: Das Bild, nicht der Text stand im Vordergrund seines Schaffens. Im Tandem mit dem Wortakrobaten Goscinny fiel das nicht auf. Uderzo konnte sich ganz auf seine Leidenschaft konzentrieren. Nach dem viel zu frühen Tod seines Freundes übernahm er – widerstrebend – dessen Aufgaben. Und von Band zu Band schwand sein Interesse daran, es mit einer in sich stimmigen Geschichte zumindest zu versuchen. Latraviata, Obelix auf Kreuzfahrt, Gallien in Gefahr – die späten Asterix-Alben erinnern in ihrer Zerfasertheit an die späten Simpsons-Folgen, die sich längst mit der Aneinanderreihung mehr oder weniger gelungener Einzelgags zufrieden geben.

Kleine, zeichnerische Schwächen

Nun wendet sich das Blatt wieder: Ferri und Conrad haben aus den Fehlern ihres passablen Erstlingswerks gelernt und erzählen eine Geschichte, die endlich wieder einer stringenten Handlung folgt. Dabei verlieren sich die beiden nicht in Zitaten an die gute, alte Zeit, sondern schaffen selbst neue. Bekannte Themen (der Hang zu Aberglaube und Rauflust der Gallier, Obelix‘ Wildschweinsucht) werden zwar aufgenommen, erhalten aber einen frischen Dreh. Und Druide Miraculix bekommt endlich seinen eigenen Yoda-Badass-Moment.

Also alles eitel Sonnenschein in Aremorica? Nun, an eins, zwei Stellen haben sich tatsächlich kleine zeichnerische Ausfälle eingeschlichen. Man beachte auf Seite 36 Idefix, der eigentlich auf Obelix‘ Bauch schlummern sollte, aber leider wirkt wie ein zweidimensionaler Hosenaufnäher. Auch in Sachen Dynamik und Dreidimensionalität kann Conrad seinem Vorgänger Goscinny das Wasser (noch) nicht reichen, glänzt dafür aber durch wimmelbildartige Massenszenen. Aber Übung macht bekanntlich den Meister – man vergleiche nur Uderzos erste Asterix-Zeichnungen mit seinem Spätwerk. Und Rom wurde bekanntlich auch nicht an einem – okay, lassen wir das…

Fazit: Ferri und Conrad haben einen Asterix-Band geschaffen, den man endlich wieder rundheraus empfehlen kann.

Hier geht's zum Blog des Autoren Jens Wiesner.

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Asterix Band 36: Der Papyrus des Cäsar; Egmont Comic Collection; Auflage: 1 (22. Oktober 2015)