Kultur

Von Trier, Bier, Mikkelsen : Dänemark sahnt beim European Film Award 2011 ab

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2011
Zum 24. Mal verlieh die Europäische Filmakademie (EFA) am 3. Dezember 2011 den European Film Award. Melancholia und The King’s Speech räumten ab.

Kämpferische und leidenschaftliche Worte waren auf der Verleihung des European Film Award am Samstagabend in Berlin zu hören. Nachdem Regisseure, Produzenten, Schnittmeister, Drehbuchschreiber, Filmmusikkomponisten und Schauspieler aus ganz Europa über den ausgerollten, roten Teppich stolzierten, in die Kameras lächelten und im Berliner Tempodrom Platz genommen hatten, appellierte Filmregisseur Wim Wenders an ein vereintes Europa, das „abseits von Banken, Finanzkrise und Bürokratie“ existiere. Der europäische Gedanke müsse mit Emotionen gefüllt werden; Filme könnten dies leisten.

Als die europäische Filmakademie 1988 in Berlin gegründet wurde, hatte sich eine Gruppe von Filmschaffenden aus ganz Europa, Ost und West, zusammengeschlossen, um in den Zeiten des politischen Umbruchs europäische Filmkultur zu fördern und ein Gegengewicht zu den amerikanischen Oscars zu schaffen. Claude Chabrol, Ingmar Bergman, Stephen Frears, WimWenders machten den Anfang – heute sind es 2.500 Filmschaffende, die jährlich die Besten im Filmbusiness wählen.

©Franziska Krug/Action Press für EFA

Das Geheimnis des dänischen Films

2011 war das Jahr der dänischen Produktionen. Lars von Trier gewann mit seinem ästhetisch beeindruckenden Endzeitdrama Melancholia den Award für den besten europäischen Film; seine Teamkollegen Manoel AlbertoClara und Jette Lehmann räumten die Preise für die beste Kamera und das beste production design ab. ©Franziska Krug/ Action Press für EFANachdem er des Festivals in Cannes dieses Jahr wegen kruder Bemerkungen zu Hitler verwiesen wurde, blieb Lars von Trier der Verleihung in Berlin fern und schickte seine Frau, die ihn würdig vertrat. Nach seiner Anweisung übermittelte sie explizit keine Nachricht, winkte freundlich ins Publikum und nahm den Preis entgegen. Den Erfolg von Melancholia erklärt Manoel Alberto Clara so: „Lars ist sehr gut darin, die Leute so weit zu bringen, dass sie ihr Bestes geben.“ Teamwork ist alles.

Die dänische Regisseurin Susanne Bier gewann Anfang des Jahres für ihren Film In a better world(Heavn) den Oscar für den besten ausländischen Film, nun kann sie sich auch über die Auszeichnung als beste europäische Regisseurin freuen. Sie war eine der Unterzeichnerinnen des Manifests Dogma 95, in dem sich einige dänische Regisseure zu einem „reinen“ Kino bekannten: verwackelte Handkamera, kein künstliches Licht, keine Vor- oder Rückblenden, dafür starke Geschichten, Gefühle und Figuren. In a better world ist filmisch durchinszeniert, doch die Nähe zu ihren Protagonisten, ihren Gefühlen, Ängsten und Sorgen hat sich Susanne Bier, fast dokumentarisch, bewahrt.

Wie erklärt sie den Erfolg des dänischen Films? „Dänemark ist ein kleines Land mit einer sehr komplexen kulturellen Identität, immer auf der Suche nach kultureller Vielfalt.“ Und der dänische SchauspielerMads Mikkelsen, der einen Preis für seinen Beitrag zum Weltkino erhielt, fügt hinzu: „Wir haben keine großen politischen oder sozialen Probleme und konzentrieren uns mehr auf zwischenmenschliche Geschichten und Beziehungen. Die haben eine hohe Intensität.“

Neben den erfolgreichen Filmschaffenden aus Dänemark nahm der britische Regisseur Tom Hooper drei Auszeichnungen für seinen Historienfilm The King’s Speech entgegen. Der Film gewann in der Kategorie people’s choice award, Schnittmeister Tariq Anwar durfte sich über die Anerkennung seiner Arbeit freuen. Der als bester europäischer Schauspieler ausgezeichnete Colin Firth war zwar nicht persönlich anwesend, ließ aber ausrichten, dass er „innerlich vor Freude tanze“.

„Auf in den Kampf, europäische Filmsoldaten!“

„Wir lieben den europäischen Film!“, äußerten die belgischen Brüder Dardenne, die für Der Junge mit dem Fahrrad (Le Gamin au Vélo) als beste Drehbuchschreiber geehrt wurden. Im Grunde gehe es ihnen um eine lokale Geschichte, die jeder Zuschauer in Europa und der Welt verstehen könne: „Das Gute am europäischen Film ist, dass wir Filme in unserer Heimatstadt drehen können und die ganze Welt sie sehen kann. Jeder Film behält seine Besonderheiten, aber die Geschichte ist universell.“

Trotz aller Selbstversicherung und Filmliebhaberei – einige der prämierten Filme hatten keinen europaweiten Vertrieb und waren nur in ihren Herkunftsländern bekannt. Der deutsche Filmregisseur Volker Schlöndorff kennt das Problem: „Europäische Filme kämpfen immer noch darum, dass sie über ihre nationalen Grenzen hinaus vertrieben und gesehen werden.“ Die Verleihung des European Film Awards wäre eine Sisyphus-Arbeit, die nie enden würde. Dabei sei Europa in Bewegung, die Europäische Union nicht nur ein ideelles Projekt, sondern ein von Millionen Europäern bereits gelebter Alltag. Die Bemühungen um den europäischen Film gehen also weiter. „Auf in den Kampf, europäische Filmsoldaten!“ rief er in das Publikum.

Illustrationen: Alle Fotos ©Franziska Krug/Action Press für EFA; Videos: Melancholia (cc)FilmKritikTV/YouTube; In a better World (cc)kino/YouTube; The King's Speech (cc)kino/YouTube; Der Junge mit dem Fahrrad (cc)kinozeitde/YouTube