Kultur

Von Rechtspopulisten und 'echten Europäern'

Artikel veröffentlicht am 25. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 25. Mai 2011
Die “Perussuomalaiset" (Basisfinnen oder Wahre Finnen), nationalistische und euroskeptische Partei sowie dritte politische Kraft in Finnland - eine nordische Ausnahme?
Glaubt man Marine Le Pen, der Parteichefin der rechtspopulistischen Front National in Frankreich, den “Indigenous Britons” (eingeborenen Briten) oder der Lega Nord in Italien, wird Europa mehr als jemals zuvor von “puren” Europäern bewohnt. Das zumindest wollen sie uns glauben machen, um einigen die Lust am Bleiben kräftig zu verderben.

Die Rede von “Abstammung, Blut und Rasse” seitens der Rechtspopulisten, etwa dem einflussreichen französischen Blogger “Francois Desouche” (“souche” bedeutet auf Französisch “Abstammung”), impliziert, diejenigen von vornherein auszuschließen, die 'das Andere' verkörpern: In einem Wort - Einwanderer.

Europa, ein Einwanderungsland wenn man so will - selbst wenn Frankreich und Italien die Situation gerne ändern würden, indem sie den Schengenraum abschaffen - wird paradoxerweise von politischen Bewegungen bewohnt, die sich auf Authentizitätsreden stützen. Der Gipfel wurde in Großbritannien erreicht, als Nick Griffin, der Chef der rechtsextremen British National Party, verkündete: "The indigenous people of this island are the English, the Scots, the Welsh and the Irish … We are the aborigines here" ("Die Ureinwohner dieser Insel sind die Engländer, die Schotten, die Waliser und die Iren”), wobei er zu verstehen gab, dass die ursprüngliche Kultur der Insel nicht zu sehr mit der Fremder vermischt werden sollte. Eine Suche nach Authentizität, die gar nicht very british ist.

In Italien verwendete die rechtspopulistische Partei Lega Nord das Konzept des "Ureinwohners" für eine ihrer Wahlkampagnen, die einen Indianer zeigt: “Loro hanno subito l'immigrazione. Oro vivo nelle riserve!" (“Sie haben die Einwanderung ertragen. Heute leben sie in Reservaten.") Geschichtlich gesehen hat das Konzept des Ureinwohners jedoch eine ganz andere Bedeutung, wie von der englischen Tageszeitung The Guardian eindrücklich in Erinnerung gerufen wurde.

Doch inmitten der Wirtschaftskrise kann diese zynische Verwechslung gewinnbringend sein. In Finnland sind nur 3,1% der Bevölkerung ethnische Minderheiten. Dennoch haben die "Wahren Finnen" bei den Wahlen kürzlich 19,1% der Stimmen gewonnen. Und sie sind nicht die Einzigen: Österreich, Italien, Frankreich, Polen… Obwohl diese Länder ganz verschieden sind, fasst die Idee einer ausländischen Bedrohung Fuß.

Angesichts dieser klammern sich einige an ihre “Wurzeln” und so spricht man in Polen etwa von rdzenny Polak, dem “Urpolen”. In (fast) jedem Land sucht man nach Spuren möglicher Ureinwohner. Der “Urengländer” stammt laut einigen von den Kelten, Wikingern und Normannen ab: viele schmeichelhafte Identitäten, die an eine mythische und kriegerische Vergangenheit erinnern.

Und man rebelliert, wie Nick Griffin, gegen diejenigen, die versuchen, die Engländer als mongrels (“Bastarde” oder “Mischblut” nach Harry Potter) darzustellen. Diese Reden über die Abstammung, das aktuelle politische Thema, besonders in Frankreich angesichts der dortigen Diskussion über die so genannte „identité nationale“ (Nationalidentität), begründen ein gewisses Unbehagen. Für den belgischen Redakteur Hugo Camps steht aber trotzdem fest: Zieht man sich zu sehr auf die Idee eines europäischen Ureinwohners zurück, riskiert man ganz einfach, seiner selbst unwürdig zu werden.

Illustration: ©Henning Studte