Kultur

Voices of refugees: Auf der Route der Flüchtlinge

Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2016
Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2016

Nach seiner Erstausstrahlung im Europaparlament reiste der DokumentarfilmVoices of refugees durch ganz Europa. Der Regisseur des Films, Alexandre Beddock, erzählte, welchen enormen Einfluss diese Erfahrung auf sein Leben hatte.

Ich erzähle euch eine Geschichte. Eine Geschichte, die von Geschichten handelt. Ein Projekt, das den Menschen eine Stimme gab, die vorher keine hatten.

Wir sind im Maximilianpark in Brüssel, im Jahr 2015, mitten in der Flüchtlingskrise. Hunderte von Menschen kommen aus Syrien und anderen Ländern des Mittleren Ostens sowie aus Afrika nach Europa, auf dem Weg sind sie sich selbst überlassen. Auf politischer Ebene gibt es keine einhellige Reaktion, während man in der Bevölkerung einerseits die Zunahme von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gegenüber den Migranten erlebt und andererseits eine vermehrte Bürgermobilisierung verzeichnet.

Alexandre und Ieva, beide in ihren Zwanzigern, und im Alltag Arbeitskollegen in einer Nichtregierungsorganisation, die sich um die Rechte von Jugendlichen kümmert, sind die Protagonisten der Reise, die uns bis zu den Flüchtlingen führte. Da sie angesichts dieser menschlichen Tragödie nicht tatenlos bleiben konnten, entschlossen sie sich, ihre freie Zeit als ehrenamtliche Helfer im Maximilianpark zur Verfügung zu stellen. Sie lernen die Neuankömmlinge kennen, hören ihre Geschichten und überlegen. Sie überlegen und überlegen. Von diesem Zeitpunkt an entwickeln sie ein Projekt, sie optimieren es, suchen finanzielle Unterstützung und bekommen diese. Nun ist es an der Zeit, zu handeln.

  Erste Etappe: Lesbos (Griechenland)

So wie ihre Cousine Ithaka Odysseus' Heimat und das letzte Ziel seiner Irrfahrt war, so ist Lesbos heute dafür bekannt, eine der Hauptanlegestellen der Flüchtlingsboote zu sein. Im Jahr 2015 kamen 80% der Flüchtlinge über Lesbos nach Europa. In der Dokumentation sieht man den Moment des Anlandgehens. Auf der einen Seite das Schiff voller Menschen, das an der Küste anlegt, auf der anderen Seite eine Gruppe von Personen, welche die Neuankömmlinge begrüßen und herzlich in Empfang nehmen.

„Einen der bewegendsten Momente gab es bei einem Abend am Lagerfeuer. Einige Leute machten Musik, während andere sangen und tanzten. Viele waren in ihren Zelten, aber sobald sie die Musik hörten, kamen sie heraus und feierten mit. Das war ein einzigartiger Moment von Verbundenheit und Zusammengehörigkeit. Und dabei waren wir in einem der schlimmsten Flüchtlingscamps Europas“, erzählt Alexandre.

  Zweite Etappe: Šid (Serbien)

Die Reise geht weiter nach Šid, eine serbische Stadt an der Grenze zu Kroatien, die zahlreiche Flüchtlinge nach der Schließung der ungarischen Grenze aufgenommen hat. „Das Ziel des Dokumentarfilms? Das ist zweifelsohne, die Menschlichkeit in der sogenannten Flüchtlingskrise wiederherzustellen“, fährt Alexandre fort. „Die Zahl der Menschen in Not lässt keine Zweifel zu: Wir erleben eine schlimme humanitäre Krise, aber die Untätigkeit unserer Politiker, die diese Menschen, die bis hierher gekommen sind, in der schlimmsten Not im Stich lassen, hat die Krise zu einer Krise der Menschlichkeit gemacht.“

  Dritte Etappe: Brüssel (Belgien)

2015 haben die Belgier eine Bürgerbewegung ins Leben gerufen: die Bürgerplattform zur Unterstützung von Flüchtlingen. Dank der Unterstützung durch Hunderte von Freiwilligen konnte die Bewegung diesen Menschen eine warme Mahlzeit, ein Zelt zum Schlafen und psychologische Unterstützung zur Verfügung stellen. „Die Botschaft an die Politiker? Wenn wir es können, dann können sie auch etwas verändern. Wir brauchen ein geeintes Europa, um die Flüchtlinge zu integrieren und ihr Potenzial zu nutzen“, behauptet Alexandre.

„Ich will hier bleiben, ich möchte dem Land, das mich aufgenommen hat, etwas zurückgeben. Ich will es erbauen und etwas tun, um den Menschen, die mir geholfen haben, zu danken“, erzählt Salam im Dokumentarfilm. „Er spricht vom Bauen, weil er im Irak eine Baufirma hatte“, erzählt uns Hala, 27, eine libanesische Doktorandin der Geografie in Brüssel und Freiwillige im Maximilianpark. „Die ehrenamtliche Arbeit mit den Flüchtlingen war eine sehr bereichernde Erfahrung. Das ermöglicht einem, über seine Rolle als Bürger nachzudenken, aber auch zu lernen, mit z.B. Leuten seines Alters, die sich auf ‚der anderen Seite‘ befinden, umzugehen. Ich erinnere mich an eine Begebenheit: Wir verteilten Bananen auf dem Feld. Ich gab eine einem Jungen. Er dankte mir und gab sie vor mir einer Freiwilligen, die neben ihm saß. Das war um mir zu zeigen, dass er sie nicht benötigte.“

„Ob wir in Kontakt geblieben sind?“, fährt Alexandre fort. „Natürlich. Einige haben ihre Papiere erhalten, eine Wohnung gefunden. Manche haben es geschafft, sich an der Universität einzuschreiben. Leider warten viele noch auf ihre Papiere, und wenn sie in den Randgebieten der Dörfer wohnen, verbringen sie ihre Tage mit Nichtstun. Das ist traurig für sie, ihre Odyssee endet nicht.“ Alexandre verbirgt seine Rührung nicht. Es ist die gleiche Ergriffenheit, die seine Augen verraten, als wir uns an die letzte Ausstrahlung des Films erinnern. „Das war während des von der Plattform organisierten Irak-Tages. Zum ersten Mal strahlten wir den Film vor einem Publikum aus, das hauptsächlich aus Flüchtlingen bestand. Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Viele bedankten sich bei uns. In diesem Augenblick begriffen wir, dass wir etwas Bedeutendes geschaffen hatten.“

Der Trailer zu Voices of Refugees.