Kultur

Vinyl-Wunder

Artikel veröffentlicht am 8. Januar 2008
Artikel veröffentlicht am 8. Januar 2008
Oft als kinderlose Loser-Generation verschrien, bieten die in den Achtzigern geborenen Twens mehr verborgene Talente, als gedacht. Zwei deutsch-französische Journalisten lassen sie zu Wort kommen. Teil 4 einer Porträtreihe zwischen Paris und Berlin.

Dieses Interview wird ein nächtliches. Gegen ein Uhr stehe ich vor dem Nouveau Casino, einem der angesagtesten Clubs der Stadt. Während eine Menschentraube vor dem Eingang wartet, holt mich Geraud mit Schirmmütze und bunt bedrucktem T-Shirt in die Katakomben des Clubs. Hinter der Bühne, zwischen Kaffee, Bierdosen und Anrufen von Freunden, die auf die Gästeliste wollen, warten wir auf seinen Auftritt. Heute Nacht wird Geraud zu DJ Gero.

Der junge Mann mit dem Dreitagebart kennt viele der Nachtschwärmer, die heute in den Club kommen. "Das bringt der Job mit sich. Man kennt einfach jede Menge Leute." Geraud ist "Plattenaufleger", Musiker, DJ.

Generation 80 (Blog-Illustration: ©Eva John/Romy Straßenburg)

Turntable-Studium

Sein Berufsleben begann zunächst ganz klassisch. Drei Jahre lang besucht er eine Wirtschaftsschule in Paris. Doch so recht kann er sich mit der Verkaufswelt nicht anfreunden. Er will sich seinen künstlerischen Talenten widmen und entscheidet sich für ein Graphikstudium.

Es ist 2001: Auf dem Pariser Sender Nova läuft die "Hypnotique DJ Show" und Geraud sitzt begeistert vor seinem Radio. Er beginnt, Sendungen mitzuschneiden, sich eigene Platten zu kaufen. Schließlich produziert er sein erstes Mixtape. "Dann gab es da diesen Abend. Es war auf einer Privatparty mit 200 Leuten. Auf einmal stand ich an den Plattentellern und habe einfach alles ausprobiert. Das war genial."

Von nun an geht alles ganz schnell. Er bricht sein Studium ab und investiert sein erspartes Geld in Platten und ein Mischpult. Zunächst spielt er vor allem independent Hip-Hop, ein bisschen Elektro. Inspiriert von der Musik seiner Jugendzeit, den achtziger Jahren, darunter Bands wie Indra oder Technotronics, versucht er seinen eigenen Stil zu finden, in dem auch Einflüsse von Mainstream-Bands wie Snap, Stereo MCs und Confettis zu hören sind. Die Clubs, in denen er auflegt, werden größer. Sein Name ist in der Szene bekannt. Bei einem Festival in Belfort legt er vor 20.000 Elektrofans auf.

Spezialtechnik Klebepunkte

Neben den Gigs nimmt er an Wettbewerben teil. Hier zählen vor allem ausgefeilte Technik und innovative Ideen. Drei Jahre in Folge wird Géro zum besten DJ Frankreichs gewählt. Doch beim weltweiten Wettbewerb in London scheidet er aus, weil die Juroren eine seiner Spezialtechniken nicht überzeugt: dabei klebt Géro kleine Klebepunkte auf die Plattenteller, so dass die Platte an bestimmten Stellen von allein springt und einen Breakbeat-Rhythmus erzeugt. "Mittlerweile nehme ich nicht mehr an Wettbewerben teil, weil ich schon alles erreicht habe, was ich mir erträumt habe. Man macht ja auch nicht sein Abi 20 Mal hintereinander."

Das Leben als DJ, das ich mir so aufregend und rastlos vorgestellt habe, Géraud beschreibt es als "ganz normal. Einmal in der Woche einen Auftritt und den Rest der Zeit produziere ich meine Platten." Eine ist bisher erschienen, an der zweiten arbeitet er gerade. Der Erfolg hat ihn auch ins Ausland geführt. In New York, Berlin, London und Peking hat er bereits aufgelegt. "Die Clubs dort laden mich ein. Ich bin dann der DJ aus Frankreich."

Das Geld, was er mit dem Clubbing verdient, reicht ihm zum Leben: "aber nur weil meine Lebensansprüche relativ bescheiden sind". Dass der Beruf nur etwas für junge Leute sei, glaubt Géro nicht. Er will auch die nächsten Jahre lang Musik machen, daneben aber eine größere Wohnung und eine Familie haben. "Außerdem kann ich gar nichts Anderes", gesteht er.

Kreative Wut

Sein Freund Pierre ist eingetroffen, klopft seinem Kumpel aufmunternd auf die Schulter: "Ist das für die Zeitung?" Nach einigen Erläuterungen über Generation 80 kommen die beiden ins Philosophieren über die 20-30 Jährigen, eine Generation, die in ihren Augen von keinem gebraucht wird und gerade deswegen so stark ist. "Wir als Kinder der Babyboomer haben gleich gesagt bekommen: es gibt keine Arbeit für euch, keinen Platz in dieser Gesellschaft. Also mussten wir selbst was auf die Beine stellen und das haben wir gemacht. Wir haben einfach eine Wut, die uns kreativ werden lässt." Stolz zeigen die beiden mir ihre Tätowierungen an der Fessel: in schwarzen Kringelbuchstaben steht da 'TER' (für 'Tachos et Revolvers'). Ihr ganzer Freundeskreis hat sich diese Tätowierung machen lassen, als Zeichen gegenseitiger Unterstützung. "Mein größter Wunsch wäre, dass wir alle das verwirklichen, wovon wir träumen. Für mich ist das im Augenblick die Musik." Dann ist der Moment gekommen und Gero steigt auf die Bühne.

Der Spaß, den er dabei ausstrahlt, überträgt sich auf das Publikum. Die Tanzfläche explodiert. Er legt Platten nicht nur auf. Er spielt mit ihnen, lässt die Plattennadel auf ihnen hin- und herkratzen und stoppt sie abrupt. Dazwischen ein Blick auf den Bildschirm seines Laptops und ein Blick auf die ekstatische Menge unter ihm. "Wenn ich auflege, dann bin ich 200 Prozent von mir selbst."

Für weitere deutsch-französische Porträts, besuchen Sie gen80.eu - ein dynamisch-partizipatives Adventskalender-Blog, auf dem jeden Tag ein Kalendertürchen mit interessanten Geschichten geöffnet werden kann. Einen Monat lang tauschen Eva John und Romy Straßenburg, zwei 24-jährige Journalistinnen, Wohnung, Stadt und Leben, beschreiben Perspektiven, Ängste, Zweifel und Träume, die Leute ihres Alters ihnen anvertraut haben. Das Projekt wird vom Deutsch-Französischen Jugendwerk unterstützt.