Kultur

Vintage-Mann Nr. 458 frei Haus

Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2007
Artikel veröffentlicht am 24. Oktober 2007
Sie sind nicht unbedingt schön, aber verdammt elegant. Weder Machos noch Metrosexuelle auf der Suche nach ihrer femininen Seite. Ein Überblick über fünf "Vintage"-Männer made in Europe

"Vintage" ist ursprünglich ein Anglizismus, der in der Önologie (Lehre vom Weinbau) hochklassige Weine bezeichnet. Von Trendsettern wieder aufgegriffen, bezeichnet der Ausdruck heute alte Kleider, die von renommierten Modemachern entworfen wurden und die Authenzität, Esprit und eine ganz bestimmte Epoche widerspiegeln. Wenn man den Begriff auf das "starke Geschlecht" bezieht, so handelt es sich um ein einzigartiges und gut gekleidetes Individuum, das mit dem Alter noch attraktiver wird.

Daniel Craig, der "fish and chips"-Cutie

Wer "Vintage" sagt, denkt automatisch an London, seine herrschaftlichen Doppeldeckerbusse, seine Kronprinzen und natürlich an seine so britischen Stars, allen voran Daniel Craig. Seine Augen sind kristallklar, sein Oberkörper aalglatt und der Smoking sitzt tadellos. Nach einigen Independent-Filmen, darunter eine Biographie über Francis Bacon, spielt er in München (2005) von Steven Spielberg einen Agenten des israelischen Geheimdienstes. Für diese Rolle muss er Schlaghosen und extra enge Rollkragenpullis tragen. Auch Koteletten dürfen nicht fehlen. Vom Abgesandten des Mossad steigt er dann 2006 in den Geheimdienst Ihrer Majestät auf. Die Ankündigung, dass der Brite James Bond spielen soll, ruft heftige Kontroversen hervor. Die wenig puristische Frauenwelt aber schätzt die Klasse des englischen Schauspielers.

Daniel Cohn-Bendit, grantiert politisch unkorrekt

Mit nur 23 Jahren ist er "Dany le Rouge", der rote Dany, charismatischer Führer der 68er Bewegung und die Inkarnation des "gegen alles und jeden". Dieser Typ mit der großen Klappe gerät mit dem großen Charles (de Gaulle, A.d.R.) aneinander, weshalb er unverzüglich jenseits des Rheins untertaucht. Als alter Roter, der alternatives Kommunenleben mitgemacht hat, tritt er schließlich 1984 der deutschen Öko-Bewegung bei. Eine gelungene Verwandlung: Dany ist im Zeitalter der Reformen angekommen und hat sich beruhigt - böse Zungen würden behaupten, er sei zu bourgeois geworden - ohne jedoch seine Spottlust zu verlieren. Als Europaabgeordneter und erbitterter Verteidiger eines geeinten Europas führt er 2005 die extreme französische Linke in den Kampf gegen den europäischen Verfassungsvertrag. Heute ist sein Strubbelkopf grau meliert und allmählich macht sich ein Bauchansatz bemerkbar. Aber wenn er in Kordhose und blauem Hemd mit dem Fahrrad durch die Straßen von Frankfurt fährt, merkt man, dass er ein Freidenker bleibt und sein Charisma zeitlos ist.

Christophe Miossec, der singende Seemann

Schon mit Anfang 30 sah er aus wie ein alter bretonischer Seebär. Lange Zeit ist er mit seiner Rockband Printemps Noir herumgezogen und hat die Kneipen des Finistère zum brodeln gebracht. Ein von der Seeluft zerfurchtes Gesicht, stoppeliges Kinn, fettige Haare, zweifelhafter Atem und Kippe im Mund: Willkommen Melancholie und rohe, desillusionnierte Texte. Im Grunde genommen ist Miossec die Inkarnation von Zärtlichkeit, Schüchternheit und Schamgefühl. Sein letztes Album, L'Etreinte, scheint das Produkt eines Mittvierzigers zu sein, der in Vaterfreuden und erfüllter Beziehung aufblüht – und nicht das eines hartgesottenen Singles. Er hat sich entschieden, seine bretonische Heimat, das Finistère, für seine Herzallerliebste zu verlassen und ihr ins kosmopolitische Brüssel zu folgen. Heute gibt er gar zu, dass er sich in seinem gesetzten Leben als Hausmann sehr wohlfühlt.

Daniel Brühl, der zuckersüße Teutone

Mit nur 29 Jahren sammelt der halb deutsche, halb katalanische Schauspieler bereits Filmpreise. Seine Spezialgebiet sind Filme von politisch-historischen Autoren, wie etwa Good Bye Lenin, in dem er einen "ostalgischen" jungen Ostdeutschen spielt, oder auch Was nützt die Liebe in Gedanken, in dem er einen Aristokraten darstellt, der in den zwanziger Jahren Mitglied eines Selbstmörderclubs wird. Außerdem hat Brühl schon Salvador Puig Antich verkörpert, einen Aktivisten der iberischen Freiheitsbewegung im frankistischen Spanien. Sicher, Daniel Brühl ist weder braungebrannt noch muskulös, er trägt ausgebeulte Jeans, Sportschuhe oder apfelgrüne Adidas-Trainingsjacken. Aber er ist polyglott, sensibel und bescheiden.

Damon Albarn, der Rocker mit dem weichen Herzen

Als er noch klein war, hörte Damon Albarn klassische Musik, spielte Klavier und Geige und wohnte in einem schönen viktorianischen Haus in London. In den Achtzigern verschlingt der Jugendliche die Musik von Punkrock-Bands wie Madness und lässt sich die Ohren piercen. In den Neunzigern ist er dann Anführer der Britpop-Combo Blur, die er mit alten Schulfreunden gegründet hat. Selbstverständlich nimmt Damon Drogen, macht kleine Dummheiten und lässt sich einen Haarschnitt à la Beatles verpassen. Nach den obligatorischen Saufexzessen und Verwüstungen von Hotelzimmern fängt Damon sich wieder, besser noch, er schult um, indem er sich von Rap, Klassik und Weltmusik musikalisch beeinflussen lässt. Daraufhin gründet er die Gorillaz und The Bad, the Good and the Queen. Heute lebt er mit Freundin und Kind im In-Viertel Notting Hill und hat sogar ein Musical auf die Beine gestellt. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, ist er vor kurzem von der Tierschutzorganisation PETA zu einem der attraktivsten Vegetarier der Welt gewählt worden.

Fotos: ©Soylentgreen23/flickr; ©pelleck/flickr; ©Howieberlin/flickr; ©Benoit Derrier/flickr; ©Imi Iris/flickr